Mittwoch, Oktober 20, 2021
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„Frankreich hat Glück, denn Frankreich hat Atomkraft“

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Der französische Präsident Macron verfolgt einen zweigleisigen Ansatz: Er will neue, kleine Atomkraftwerke bauen und erneuerbare Energien ausbauen. Auch die Grünen widersprechen nicht. Macron versucht nun, in Brüssel Atomkraft als „grüne Investition“ anerkennen zu lassen.

EINtomkraft ist in Frankreich wieder auf dem Vormarsch – und überraschenderweise sogar ein Wahlkampfthema. Präsident Emmanuel Macron verfolgt in dieser Frage seine häufig genutzte „Sowohl“-Strategie, um keines der Lager zu entfremden: Er will neue, kleine Atomkraftwerke (SMR) bauen, gleichzeitig aber erneuerbare Energien erweitert werden. Es geht um den Kampf gegen den Klimawandel sowie den Schutz der heimischen Industrie – und nicht zuletzt um die Strompreise.

„Frankreich hat Glück, weil Frankreich Atomkraft hat“, betont Macron gerne mit Blick auf den CO2-Ausstoß. Im Vergleich zu Deutschland schneidet das Land eigentlich recht gut ab. Das liegt vor allem daran, dass 70 Prozent des Stroms aus den emissionsarmen Kernkraftwerken stammen.

Auch die französischen Grünen schieben den früher vehement geforderten Atomausstieg nun verbal weit in die Zukunft. „Niemand sagt, dass wir morgen die Atomkraftwerke abschalten“, sagt der grüne Präsidentschaftskandidat Yannick Jadot. Er rechnet mit 20 Jahren bis zum Ausstieg. „Und wenn es fünf Jahre länger sind, dann ist es so.“

In Brüssel versucht Frankreich derzeit, Atomkraft als „grüne Investition“ anerkennen zu lassen. Die Atomenergie „leistet einen wesentlichen Beitrag zur Unabhängigkeit unserer Energieerzeugung“, heißt es in einem offenen Brief von Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire und Politikern aus neun weiteren EU-Staaten.

Die Einstufung solle „bis Ende des Jahres“ erfolgen, forderten sie. Dies würde bedeuten, dass neue Kernkraftwerke mit EU-Mitteln finanziert werden könnten. Allerdings gibt es Widerstand aus Deutschland und Österreich.

Derweil überbieten sich die rechten Präsidentschaftskandidaten mit nuklearer Rhetorik. Der konservative Kandidat Xavier Bertrand will mindestens drei neue EPR-Kraftwerke bauen lassen, die Rechtspopulistin Marine Le Pen sechs und der rechtsextreme Noch-Nicht-Kandidat Eric Zemmour lieber zehn.

Der einzige jemals in Frankreich gebaute europäische Druckwasserreaktor (EPR) wird frühestens 2023 in Flamanville ans Netz gehen – elf Jahre später und fast viermal so teuer wie geplant. Und die endgültige Entscheidung über das geplante Endlager für Atommüll in Bure, Lothringen, ist noch lange nicht gefallen.

Die Mini-Reaktoren (SMR), in die Macron nun investieren will, sind noch lange nicht serienreif. Ein einziges Modell läuft derzeit in Russland. Die französische Industrie hat wenig Interesse an den kleinen Reaktoren, weil sie relativ wenig Strom produzieren und konventionelle Kernkraftwerke nicht ersetzen können.

Aber Atomkraft in Frankreich hat immer mit Nationalstolz und Souveränität zu tun. Die Unabhängigkeit der Energieerzeugung – etwa von russischem Gas oder deutschem Kohlestrom – ist für Macron entscheidend. „Wir dürfen nie zu abhängig von einem Energieträger sein, der bei niedrigen Preisen attraktiv erscheint“, sagte er angesichts der steigenden Gaspreise kürzlich am Rande eines EU-Gipfels.

Frankreich hat sich verpflichtet, bis 2035 den Anteil der Kernenergie auf 50 Prozent zu senken, ein Dutzend alte Reaktoren stillzulegen und gleichzeitig erneuerbare Energien auszubauen. Daran werden die geplanten Minireaktoren wohl nichts ändern. Im Präsidentschaftswahlkampf könnten sie Macron jedoch helfen, gleichzeitig industriefreundlich und klimabewusst zu sein. Und wenn sein Plan aufgeht, gibt es vielleicht am Ende EU-Gelder für die französische Nuklearindustrie.

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