Freitag, Juni 24, 2022
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Frau Big Kaliber

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Sie ist jetzt an der Schule angekommen, steigt aus dem Taxi und läuft quer über den Schulhof. Die Teenager stürmen herein, kichernd, Strack-Zimmermann fängt an: „Bist du gut gelaunt? Sie lehnt an einem Stehtisch und erzählt, wie sie der Ukraine-Krieg überrascht hat, spricht über Inflation und Klimawandel.

Eine Studentin will wissen, warum sie so sicher ist, dass Putin nicht auch Deutschland bombardieren wird. Wie erklärt man einem Jugendlichen die Folgen eines Atomkriegs? „Weil er nicht dumm ist“, sagt sie. Vorsichtig fügt sie hinzu: „Und natürlich hoffe ich, dass ich recht habe.“

Strack-Zimmermann weiß, wie gefährlich die Situation ist. Seit Monaten fordert sie Deutschland auf, schwere Waffen an die Ukraine zu liefern. Nur so könne ihrer Meinung nach eine Eskalation des Konflikts verhindert werden. Und dass Deutschland jetzt Waffen liefern will, ist auch ihre Schuld. Es war ihr größter politischer Erfolg in den vergangenen Monaten.

Alles begann damit, dass sie Mitte April gemeinsam mit dem Leiter des Auswärtigen Ausschusses, Michael Roth, und dem Vorsitzenden des Europaausschusses, Anton Hofreiter, in die Ukraine reiste. Damals waren solche Reisen unter westlichen Politikern noch die Ausnahme, entsprechend groß war die mediale Aufmerksamkeit. Strack-Zimmermann forderte damals: Waffenlieferungen, jetzt.

Nichts ist passiert. Also stellte sie sich wieder vor eine Fernsehkamera. Sie sagte dem ZDF über die neue Rolle Deutschlands, die Bundeskanzler Scholz prägen solle: „Denen, die diese Rolle nicht annehmen wollen, sage ich: Dann seid ihr vielleicht im falschen Moment am falschen Ort.“ Es war politisches Harakiri: Sie stellte die Autorität der Kanzlerin in Frage – als Mitglied der Regierungskoalition. So etwas kann schnell die eigene Karriere ruinieren. Aber es passierte: wieder nichts. Kein Schaden für Strack-Zimmermann, aber auch keine Waffenlieferungen.

Also ging sie voran und lud die Kanzlerin in ihren Verteidigungsausschuss ein. In einem Brief an Scholz schrieb sie, sie habe sich „erlaubt“, die Kanzlerin „herzlich“ einzuladen. Die Einladung wurde schnell publik, und das ganze Land sprach nun über den zögernden Scholz. Gleichzeitig gab es diesen Ausschussvorsitzenden, der nicht aufgab und die Kanzlerin quasi einbestellte. Und plötzlich verkündete Scholz: Die Waffen werden jetzt geliefert. Sein Auftritt im Verteidigungsausschuss war eher Formsache, Strack-Zimmermann hatte ihr Ziel erreicht.

Der Moderator sagt dann, dass Strack-Zimmermann derzeit sehr erfolgreich sei. Und fragt, wie sie es findet. Der 64-Jährige antwortet: „Erfolg ist wie eine Tüte Chips. Wenn du sie aufreißt und anfängst zu essen, hör nicht auf, bis die Tüte leer ist.“ Und sie gibt zu, dass sie sich bewusst ist, wie zerbrechlich ihre derzeitige Popularität ist. „Wichtig ist, dass man aufhört, wenn man sich entscheidet, es selbst zu tun. Und dass man nicht rausgeschmissen wird.“ Das soll Ihnen laut Meldung auf keinen Fall passieren. Der Dialog ist ein Sammelsurium offener Einsichten. Kurze, helle Highlights auf einem sonst im Dunkeln liegenden Teil der politischen Bühne.

Strack-Zimmermann ist erst spät in die Politik eingestiegen. Sie hat Publizistik, Politikwissenschaft und Germanistik studiert, lange beim Tessloff-Verlag gearbeitet, der die „Was ist was?“-Ausgabe herausgibt. Bücher. Anders als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen im Bundestag hat sie nicht den sogenannten „Slog“ durchlaufen, bei dem der politische Nachwuchs in Jugendverbänden gedrillt wird und das Politikgeschäft lernt.

Weil es vor einem Kindergarten keinen Zebrastreifen gab, engagierte sie sich in der Kommunalpolitik und fühlte sich bei der FDP wohl. Als sie 2008 stellvertretende Oberbürgermeisterin von Düsseldorf wurde, hieß es in den Lokalzeitungen: „Wenn Sie ein paar knackige Sätze brauchen, rufen Sie Strack-Zimmermann an.“

Und mit diesen knackigen Sätzen wurde Strack-Zimmermann förmlich in die Bundespolitik katapultiert. Christian Lindner machte sie 2013 für mehrere Jahre zu seiner Stellvertreterin als Parteivorsitzende, eine Klartext-Rhetorikerin kam der am Boden liegenden FDP gerade recht. Und Strack-Zimmermann hat sich ihren geradlinigen Ausdruck bewahrt. Sie hat die Lautstärke nicht verringert, im Gegenteil, sie hat einfach weitergemacht.

Trotzdem ist der weißhaarige Politiker heute kein Minister. Wieso den? Auf der einen Seite muss die Politik Wahlen gewinnen, egal wie stark sie die Kanzlerin drängen kann. Dies ist die Währung, in der sie gemessen wird. Und Strack-Zimmermann hat im vergangenen Jahr eine Wahl verloren. Sie wollte zurück in die Düsseldorfer Kommunalpolitik, diesmal als Oberbürgermeisterin, aber in ihrer Heimat stimmten nur 12,5 Prozent. Am Ende des Tages sind Sympathien noch lange keine Stimmen. Am Ende wollten die Düsseldorfer ihr die Stadt nicht anvertrauen, es war ein Rückschlag für die ansonsten erfolgreiche Politikerin.

Dass Strack-Zimmermann nicht Ministerin wurde, liegt auch an der Machtarithmetik ihrer Partei. Sie macht seit Jahren Verteidigungspolitik, Lindner wollte das Ressort aber nicht für die FDP. Das Verteidigungsministerium galt als Schleudersitz, viele Minister hatten vergeblich versucht, das Bundeswehr-Chaos in den Griff zu bekommen. Angesichts der schlechten Regierungserfahrungen der Liberalen zwischen 2009 und 2013 hieß es vor den Koalitionsverhandlungen zur Ampel: keine Experimente.

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