Donnerstag, Juni 23, 2022
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Freibäder kämpfen mit Personalmangel

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Einen Tag in der Woche schließen, weil es nicht genügend Mitarbeiter gibt: Viele Freibäder haben in diesem Jahr keine andere Möglichkeit. Sollte sich die Lage nicht schnell bessern, ist zu befürchten, dass einige komplett schließen müssen.

Das Freibad liegt idyllisch in Landsweiler-Reden im Saarland, umgeben von viel Grün. In zwei Becken können Badegäste Bahnen ziehen oder planschen. Eine 70 Meter lange, knallrote Rutsche schlängelt sich ins Nichtschwimmerbecken. Umrahmt wird der Badebereich von einer Liegewiese mit Spielplatz, Beachvolleyballfeld und Tischtennis. Das Bad, eines der ältesten im Bezirk Neunkirchen, hat viele Stammgäste, wie Charlotte Hoff: „Ich komme mindestens einmal am Tag zum Schwimmen.“

Außer mittwochs. Denn seit dem 1. Juni muss das Freibad trotz Hochsaison an diesem Tag schließen. Für den Pool blieb nichts anderes übrig, sagt Schwimmmeisterin Silvia Keller. Sie suchten schon lange nach einer anderen Fachkraft für den Bäderbetrieb, konnten aber niemanden finden, nicht einmal für einen Tag: „Denn nach der Arbeitszeitverordnung steht jedem einmal in der Woche mindestens ein freier Tag zu, meiner ist jetzt Mittwoch. Und weil kein anderer Facharzt da ist, muss das Bad an diesem Tag geschlossen bleiben.“

Bademeister gibt es genug, aber die Technik muss von einer ausgebildeten Fachkraft überwacht und überprüft werden: „Die Badegäste können krank werden, wenn zum Beispiel zu wenig Chlor im Wasser ist. Zu viel Chlor hingegen schon.“ Allergien oder Ohrenschmerzen auslösen“, erklärt Keller, die ihren Beruf seit über 40 Jahren ausübt.

Im Saarland müssen auch andere Freibäder Lösungen für ihre Personalprobleme finden: Auch das Freibad Wallerfang im Landkreis Saarlouis ist seit einiger Zeit montags geschlossen. Auch die vier Bäder in der Landeshauptstadt Saarbrücken haben kein Personal – außer für die Kassen, sagt Geschäftsführerin Gabriele Scharenberg-Fischer. Das Freibad in der Kleinstadt Bexbach konnte dank eines Online-Buchungssystems Personal einsparen. Dennoch bleibe die weitere Personalsuche jedes Jahr spannend, sagt ein Verantwortlicher der örtlichen Stadtwerke.

Das ist aber nicht nur ein saarländisches Problem: Vor allem in Hessen, Baden-Württemberg, Bayern und den östlichen Bundesländern mussten Schwimmbäder schließen, weil sie kein Personal finden konnten, erklärt Eric Voß, zuständig für Ausbildung und Weiterbildung bei der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen. Wie viele der laut Bäderatlas rund 3.000 Frei- und Kombibäder in Deutschland ebenfalls betroffen sind, kann Voss nicht sagen. Allerdings sollten Daten erhoben werden, um Prognosen für die kommenden Jahre treffen zu können. Denn eines ist sicher: Es fehlt an Nachwuchs.

Für viele ist der Job als Fachkraft für Bäderbetrieb nicht attraktiv: Wochenendarbeit, nicht üppige Bezahlung und Berichte über gewalttätige Badegäste tragen nicht gerade zu einem besseren Image bei. Voss, selbst gelernter Bademeister, steht in engem Kontakt mit den Bädern, die versuchen, Lösungen zu finden: „Manche lassen die Technik von externen Firmen machen oder ein ausgebildeter Wassermeister der Stadtwerke kümmert sich darum.“ Es gibt auch technische Entwicklungen wie Software, die erkennt, wenn eine Person ertrinkt. Dies könnte dazu führen, dass weniger Fachkräfte benötigt werden.

„Seit der Corona-bedingten Schließung der Bäder herrscht allgemeiner Fachkräftemangel in den Schwimmbädern: Viele haben sich andere Jobs gesucht.“ Für Kioske gibt es keine Mieter mehr, und für viele Studenten ist ein Aushilfsjob als Rettungsschwimmer keine Option mehr, weil die Stundenpläne der Universität weniger Flexibilität zulassen. Und nicht zuletzt bereitet der demografische Wandel der Branche Sorgen.

Mit Menschen zu arbeiten, sich körperlich fit zu halten und das draußen an einem schönen Arbeitsplatz zu tun, das schätzen Schwimmchampions an dem Job, sagt Voss: „Vielen jungen Menschen ist gar nicht bewusst, dass es sich um eine dreijährige Ausbildung handelt und man sich dazu ausbilden lassen kann ein Meister.“ Deshalb plädiert er dafür, dass Auszubildende in die Schulen gehen und mit den Schülern sprechen.

Er selbst hatte die Ausbildung bereits im Auslandsurlaub beworben. Potenzielle Arbeitskräfte könnten aus Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit wie Griechenland nach Deutschland geholt werden. Sie müssen auch mit der Bundesagentur für Arbeit und Einrichtungen, die Umschulung anbieten, zusammenarbeiten. Und generell an einem besseren Image arbeiten.

Gerade im Sommer ist personell alles auf Hochtouren genäht – niemand darf krank werden oder abspringen. Das Schwimmbad in Landsweiler-Reden bleibt mittwochs bis auf Weiteres geschlossen. Nach den strengen Corona-Regeln freuten sich viele Badegäste in diesem Jahr darauf, schwimmen zu gehen, wann immer sie Lust dazu hatten. Trotzdem sind sich viele Badegäste in Landsweiler-Reden einig, dass jeder einen freien Tag in der Woche braucht.

Doch was passiert, wenn Poolmeister Keller in ein paar Jahren in den Ruhestand geht und nicht mehr sechs Tage die Woche am Beckenrand steht, daran denken sie lieber nicht. Keller selbst weiß, was sie dann machen wird: „Dann komme ich zum Frühschwimmen.“ Natürlich nur, wenn sich bis dahin ein Nachfolger findet.



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