Donnerstag, Oktober 28, 2021
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Gedenken an das Attentat von Halle – "Dann hält die Stadt den Atem an"

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2019 griff der Antisemit Stephan Balliet die Synagoge in Halle an, scheiterte an der massiven Holztür und tötete zwei Menschen. Nun gedenkt die Stadt der Opfer – anders als bisher.

Zwei Jahre nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle wird am Samstag der Opfer des 9. Oktober 2019 gedacht. Um 12.04 Uhr beginnen alle Kirchenglocken der Stadt zu läuten. Ziel ist es, auf die Minute genau an die Menschen zu erinnern, die bei dem rechtsextremen Terroranschlag getötet, verletzt und traumatisiert wurden. Unter anderem haben Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und Landtagsvizepräsidentin Anne-Marie Keding (CDU) angekündigt, an die Synagoge und den Kiez-Döner, den zweiten Anschlagsort, zu erinnern.

Was nach dem Attentat übrig bleibt, ist ein Antisemit in lebenslanger Haft, zwei Tote, eine Tür und die dazugehörige Geschichte vom Glück, das der jüdischen Gemeinde in Halle an diesem Tag widerfahren ist. Ein Glück, das den beiden zufälligen Opfern an diesem Tag fehlte.

Die Tür der Synagoge: Sie hielt Schüssen stand und rettete Leben.  (Quelle: dpa/Hendrik Schmidt)Die Tür der Synagoge: Sie hielt Schüssen stand und rettete Leben. (Quelle: Hendrik Schmidt / dpa)

Da ist zum einen der 20-jährige Kevin S., der in einem Dönerladen getötet wurde. Im Prozess gegen den Attentäter berichtet Kevins Vater stolz, wie sein Sohn trotz gesundheitlicher Probleme gekämpft habe – um Akzeptanz und vor allem um Unabhängigkeit. Durch jahrelange Praktika gelang es dem Sohn, eine Lehre als Maler zu beginnen. „Er war sehr stolz“, sagte der Vater des Opfers.

Und da ist die 40-jährige Passantin Jana L., die vor der Synagoge von dem Attentäter in den Rücken geschossen wurde. Als sie ihm begegnete, hatte sie keine Ahnung, wie gefährlich sie war. Jana L. bricht wenig später zusammen und stirbt auf dem Fußweg.

Das Ziel des Attentäters Stephan Balliet waren die Menschen in der vollbesetzten Synagoge, die sich dort am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur trafen. Er scheiterte an der massiven Tür vor dem Gotteshaus, das heute ein Denkmal – in ein Kunstwerk gesetzt – auf dem Synagogengelände ist.

Die Präsenz im eigenen Leben sei mit dem Tod der Eltern vergleichbar, sagt Max Privorozki, der damals anwesende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, rückblickend. „Es ist etwas, das immer da ist, aber das bedeutet nicht, dass man den ganzen Tag darüber nachdenkt.“ In diesem Jahr erinnerte er an Jom Kippur an den Anschlag um 12 Uhr mittags. „So war das nicht geplant.“

Privorozki berichtet, wie seine Tochter ihn nach dem Angriff umarmte, da sie wusste, dass er in Sicherheit war. Da habe er gemerkt, dass er mit seinem Leben davongekommen ist, sagt er. Die Gemeinde verbrachte Stunden in der Synagoge. Auch nach dem Anschlag mussten die Überlebenden mehr als vier Stunden in der Kirche bleiben – auf Anordnung der Polizei. Nach den polizeilichen Maßnahmen wurde der Großteil der Gemeinde mit Bussen in das St. Elisabeth- und St. Barbara-Krankenhaus gebracht. Nach Aussage vieler Anwesender wurde dort erstmals Raum geschaffen, um einmal tief durchzuatmen.

„Die nachhaltigste Erinnerung an den Tag kann ich auf einen Moment reduzieren: Es war abends, als wir nach dem Fastenbrechen bei einer Kiste Bier mitten in der jüdischen Gemeinde zusammengesessen und auf das Leben angestoßen haben“, berichtet Hendrik Liedtke , Ärztlicher Direktor des Krankenhauses, mit schwerer Stimme. „Für viele von ihnen gab es den Punkt, an dem sie merkten, was sie eigentlich hinter sich hatten“, sagt Liedtke.

Für Liedtke soll der Moment in Tradition weiterleben: An Jom Kippur 2021 brachte er wie im Vorjahr eine Kiste Bier in die Synagoge. „Jeder hat sofort verstanden, warum es sich um Bier handelte – das musste ich niemandem erklären.“

Der Anschlag habe eine Narbe in der Stadt Halle hinterlassen, sagt der derzeit suspendierte Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos). „Es taucht immer auf, wenn Juden angegriffen werden. Egal wo.“ Man werde sofort an die Ereignisse von damals erinnert, sagt Wiegand. „Die Stadt wird dann den Atem anhalten.“

Zum ersten Jubiläum im vergangenen Jahr besuchten viele Spitzenpolitiker Halle, auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war dabei. Mit Staatszeremonien und emotionalen Gesten wurde dem Opfer des rechtsextremen Terroranschlags gedacht. Sachsen-Anhalts Ansprechpartner für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, Wolfgang Schneiß, sieht nun die Suche nach zukünftigen Wegen.

„Wir müssen zu einem normaleren Umgang damit finden – in Anführungszeichen. Deshalb finde ich das Format dieses Jahr ganz gut“, sagt Schneiß. Der Ministerpräsident wird dabei sein, aber auch vor der Synagoge und vor dem Kiez-Kebab wird offen daran gedacht. „Aber es wird auch viel ruhiger als im letzten Jahr.“

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