Donnerstag, Januar 27, 2022
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"Geisterflug"-Streit zwischen Lufthansa und der EU

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Schadet die EU-Kommission mit ihren Vorschriften dem Klima? Das behauptet die Lufthansa. Um Start- und Landerechte zu behalten, müssen Sie Leerflüge durchführen.

Es ist ein skurriler Klimaschutzstreit, den Lufthansa und die EU-Kommission derzeit führen. Die Kranich-Airline wirft Brüssel vor, Fluggesellschaften mit bürokratischen Slot-Regelungen zu umweltschädlichen Leer- oder „Geisterflügen“ zu zwingen. Ein Sprecher beklagte, dass täglich 100 unnötige, kaum besetzte Lufthansa-Flüge durchgeführt würden, um die wichtigen Start- und Landerechte zu behalten.

Hintergrund sind die wegen Corona geänderten Slot-Regeln: Seit März vergangenen Jahres müssen die Airlines nur noch 50 Prozent ihrer Slots nutzen, sonst riskieren sie den Verlust von Start- und Landerechten. Vor der Pandemie lag die geforderte Quote bei 80 Prozent.

Mehrere Fluggesellschaften halten diese Anforderungen für unrealistisch. Die niederländische KLM, die zur französischen Air France gehört, klagt, sie stehe vor dem Dilemma, entweder mit halbleeren Flugzeugen zu fliegen oder ihre Slots durch Annullierungen zu verlieren.

Vor allem die Lufthansa wetterte gegen Brüssel. Wegen der 50-Prozent-Quote müssten im Winterflugplan bis Ende März 18.000 unnötige Flüge gefahren werden, monierte Lufthansa-Chef Carsten Spohr in einem Interview kurz vor Jahresende. Damit würde die EU dem Klima schaden und ihren selbst gesteckten Klimaschutzzielen bis 2030 widersprechen. Die führende deutsche Airline plädiert für flexible und unbürokratische Ausnahmen für den restlichen Winterflugplan. Die EU-Kommission sollte sich für eine einheitliche Regelung einsetzen, um unnötige Flüge zu vermeiden und den Airlines eine bessere Planung zu ermöglichen.

Lufthansa bekommt sogar Unterstützung von Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg. „Die EU befindet sich im Klima-Notstandsmodus“, twitterte der junge Schwede kürzlich. Sie kritisierte tausende unnötige Leerflüge der zur Lufthansa gehörenden Brussels Airlines.

Die EU-Kommission weist die Vorwürfe von Thunberg und Lufthansa entschieden zurück. Die europäischen Regeln seien definitiv nicht schuld an den aktuellen Leerflügen, betonte ein Sprecher der Kommission heute. Es ist nach wie vor eine wirtschaftliche Entscheidung jeder Fluggesellschaft, ob sie einen Flug durchführt oder nicht. Durch die Reduzierung des Slot-Kontingents von 84 auf 50 Prozent in der Corona-Pandemie vermeidet Brüssel Leer- oder Fastleerflüge.

Zudem profitiere die Lufthansa auch von zahlreichen Ausnahmen, die vom deutschen Slot-Koordinator initiiert worden seien, hieß es aus Brüssel. Zudem hat bisher keine Fluggesellschaft Beweise für angebliche „Geisterflüge“ vorgelegt.

Frankreichs Verkehrsminister Jean-Baptiste Djebbari interpretierte die Äußerungen der Lufthansa als reine Verhandlungstaktik. „Wir werden dafür sorgen, dass keine europäische Fluggesellschaft zu Leerflügen gezwungen wird“, sagte er.

Auch Billigflieger wie Ryanair kritisieren die Lufthansa – und machen sich sogar über die Deutschen lustig. „Lufthansa weint Krokodilstränen für die Umwelt, ist aber bereit, alles zu tun, um ihre Zeitfenster einzuhalten“, sagte Ryanair-Chef Michael O’Leary gestern. Die beste Lösung wäre: „Billig Tickets verkaufen“, forderte Ryanair die Lufthansa auf Twitter.

Die EU-Kommission solle die „falschen Behauptungen“ der Lufthansa über die Notwendigkeit leerer Geisterflüge ignorieren, teilte die Billigairline mit. Stattdessen sollte die EU Lufthansa und andere staatlich geförderte Fluggesellschaften dazu zwingen, Slots freizugeben, die sie nicht nutzen wollen. „Ghostbuster“ wie Ryanair und andere Fluggesellschaften könnten diese Flüge dann zu günstigeren Ticketpreisen anbieten.

Tatsächlich soll Lufthansa ab 2020 einige Slots an den deutschen Flughäfen in München und Frankfurt aufgeben. Das war eine Vorgabe der EU für die Genehmigung des Rettungsschirms der Bundesregierung. Doch offenbar gab es keine Interessenten für die Start- und Landerechte. Das lag natürlich auch daran, dass sich nur neue Wettbewerber anmelden durften: Ryanair, Easyjet & Co. wurden also ausgeschlossen.

Branchenkenner halten den „Slot-Streit“ zwischen Lufthansa und Brüssel für übertrieben. Luftfahrtexperte Cord Schellenberg würde sich wundern, wenn die deutsche Fluggesellschaft wie angedroht bis Ende März tatsächlich 18.000 Leerflüge durchführt. „Lufthansa könnte Flüge auf den begehrten Slots kombinieren“, sagt er Theaktuellenews.com. Zudem könnte sie bestimmte Strecken auch mit kleineren Flugzeugen wirtschaftlich anbieten.

Eine Senkung der Rate um 50 Prozent im Winterflugplan hält Schellenberg für relativ illusorisch. Er wies aber darauf hin, dass wenn ein Land wegen Corona zum Risikogebiet erklärt wird, die Quote sowieso nicht mehr gilt. Dies ist derzeit in Teilen der EU der Fall.



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