Mittwoch, Oktober 27, 2021
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Gipfel sucht Ausweg aus der Krise UN warnt vor dem Aussterben von einer Million Arten

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Die Mitglieder der Vereinten Nationen haben große Pläne. Sie wollen zu einer Einigung ähnlich dem Pariser Klimaabkommen kommen – diesmal für die Artenvielfalt. Deutschland hat beim ersten Treffen in Kunming drei konkrete Forderungen gestellt, sich aber bisher nicht vorbildlich verhalten.

Die Weltgemeinschaft sucht nach einer neuen Strategie, um das dramatische und gefährliche Artensterben zu stoppen oder zumindest einzudämmen. Die knapp 200 Unterzeichnerstaaten der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) haben sich zur 15. Das Treffen findet unter dem Vorsitz Chinas überwiegend virtuell und mit Vertretern vor Ort in der südwestchinesischen Stadt Kunming statt.

Der World Biodiversity Council warnt vor dem Aussterben von einer Million Arten in den nächsten zehn Jahren und vor dramatischen Folgen für die Lebensgrundlagen der Menschen. Gesunde Ökosysteme und biologische Vielfalt seien die Grundlage für Wohlstand, Wohlbefinden, Ernährung und Gesundheit, warnten Experten auf dem Treffen. Sie garantierten saubere Luft, Trinkwasser, fruchtbare Böden, ein stabiles Klima und Widerstandsfähigkeit gegen Naturkatastrophen. Mehr als 75 Prozent der weltweiten Nutzpflanzen, darunter viele Obst- und Gemüsesorten, Kaffee und Kakao, sind auf natürliche Bestäuber angewiesen. „Die Leistung von Insekten ist für uns unbezahlbar“, sagt Florian Titze vom World Wide Fund For Nature (WWF).

Auch rund 70 Prozent der Medikamente, die in der Krebstherapie eingesetzt werden, stammen aus der Natur. „Viele dieser genetischen ‚Schätze‘, von denen wir noch nicht einmal wissen, welchen Nutzen sie für die Menschheit haben könnten, haben wir noch nicht entdeckt“, sagt Titze. Die Delegierten der Cop15 diskutieren Ziele für ein neues Rahmenabkommen – vergleichbar mit dem Pariser Klimaabkommen, wenn auch weniger verbindlich. Die Konferenz war für Oktober 2020 geplant, wurde aber aufgrund der Pandemie verschoben und aufgeteilt. Trotz der Dringlichkeit, das Artensterben zu bekämpfen, wurden die Erwartungen gesenkt.

Lediglich eine „Kunming-Erklärung“ soll auf der Sitzung verabschiedet werden. Sie soll die Verhandlungen im Januar vorbereiten, bevor die Strategie bei einem persönlichen Treffen vom 25. April bis 8. Mai in Kunming verabschiedet werden soll. Die Bundesregierung bekennt sich zu den Verhandlungen und will die Weltnaturkonferenz für einen „Neuanfang“ nutzen. Umweltverbände kritisieren jedoch, dass Deutschland weiterhin jährlich 67 Milliarden Euro für „umwelt- und naturschädliche Subventionen“ ausgibt. Auch eine Erhöhung der deutschen Finanzhilfen zur Bekämpfung des Artensterbens auf zwei Milliarden Euro pro Jahr wird gefordert. Deutschland steuert derzeit jährlich 800 Millionen Euro bei.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller forderte die Industrieländer auf, ihre Ressourcen für den Erhalt der Biodiversität in Entwicklungs- und Schwellenländern zu verdoppeln. Als deutschen Beitrag für die kommende Legislaturperiode schlug er eine Milliarde Euro jährlich vor.

Die Uhr tickt. Das weiß auch Umweltministerin Svenja Schulze: „Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat unser Planet in so kurzer Zeit so viele Arten unwiederbringlich verloren“, sagte die SPD-Politikerin in Berlin. „Im Durchschnitt verschwindet alle zehn Minuten eine Art.“ Das Artensterben ist heute um ein Vielfaches höher als der Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre. Der Verlust habe längst „schwerwiegende Folgen“ für die Wirtschaft gehabt.

Die Bundesregierung verfolgt drei Ziele: Erstens mehr und besser bewirtschaftete Schutzgebiete. 30 Prozent der Fläche an Land und im Meer sollen bis 2030 unter Schutz gestellt werden, doppelt so viel wie heute an Land und viermal so viel heute auf See. Zweitens muss die natürliche Belastung reduziert werden – zum Beispiel durch Überdüngung, Pestizide und Plastikmüll. „Drittens muss die World Nature Conference nach Jahrzehnten der Naturzerstörung ein Jahrzehnt der Wiederherstellung der Natur weltweit einläuten“, sagt Schulze. In Deutschland sollen beispielsweise Moore, Wälder und Auen in einen natürlichen Zustand zurückgeführt werden.

Dazu müsse allerdings die Agrarpolitik geändert werden, sagt der Minister. „Die Art und Weise, wie wir derzeit Agrarpolitik betreiben, ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.“ Der Abkommensentwurf sieht auch vor, dass Subventionen für umweltverschmutzende Industrien um „mindestens 500 Milliarden Dollar pro Jahr“ reduziert werden sollen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisierte, dass diese umweltschädlichen Subventionen nur teilweise abgeschafft werden sollten. In Deutschland belaufen sie sich laut BUND auf 67 Milliarden Euro pro Jahr.

Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde in Berlin, warnte vor Eile: „Wie beim Klimawandel dürfen wir uns nicht wieder erlauben, dass es 30 oder 40 Jahre dauert, bis aus wissenschaftlichen Erkenntnissen erste richtige Ansätze politischen Handelns werden.“

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