Mittwoch, Dezember 7, 2022
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Glück für Banker und Kreml-Söhne Welche Russen müssen an die Front und welche nicht

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Russland will 300.000 zusätzliche Soldaten in die Ukraine schicken. Es gibt eigentlich feste Regeln, wer nach vorne geht. Dennoch werden viele Männer willkürlich eingezogen. Russen, die im richtigen Beruf arbeiten – oder den richtigen Vater haben – werden verschont.

Am 21. September kündigte der russische Präsident Wladimir Putin die teilweise Mobilisierung der russischen Streitkräfte an. Nur anderthalb Wochen später sind bereits die ersten neuen Soldaten an der Front in der Ukraine – teilweise ohne Ausbildung, wie sie selbst im Internet berichten. Nach Angaben der ukrainischen Regierung sind die ersten von ihnen bereits tot.

Andere warten in Kasernen und riesigen Schlafsälen auf ihre Ausbildung und vor allem auf das, was ihnen die russische Armee nicht geben kann oder will: Betten? Schlafsäcke? Schlafunterlagen? Körperschutz? Druckverbände? Alles fehlt. „Wenn in der Apotheke keine mehr sind, fragen Sie Ihre Angehörigen oder schauen Sie in Ihrem Auto im Verbandskasten nach“, rät der Trainer den Rekruten auf dem Weg.

Sie sollen auch ihre Freunde schicken, um ihnen Binden und Tampons für mögliche Schusswunden zu kaufen, die in der Ukraine verwendet werden sollen. „Die Billigen“, sagt der Trainer. „Das reicht bei diesem schwülen Wetter.“ Diese Informationen bekamen sie direkt von der Front.

Aber die meisten von ihnen würden gar nicht ausgebildet, sagte der ukrainische Präsidentenberater Oleksiy Arestovich der „Bild“-Zeitung. „Sie sind schlecht ausgerüstet, haben keine Medikamente und sind mit rostigen Gewehren bewaffnet. Das ist wie ein Profiboxer, der gegen einen Schuljungen kämpft.“

Aussagen, die ein russischer Kommandant wohl ungewollt bestätigt: im Internet kursierend Video von ihm, in dem er seinen neuen Rekruten offen und ehrlich sagt, dass er keine Ahnung hat, wo und mit welchen Waffen sie kämpfen werden, weil er selbst erst vor drei Tagen angekommen ist.

Wer für Putin an die Front muss, macht besser ein Testament: Ein ehemaliger US-General hat die russischen Reservisten kurz nach ihrer Mobilmachung als Kanonenfutter für die Ukraine bezeichnet. Obwohl es sich dabei eigentlich um ehemalige Soldaten handeln sollte, die bereits Kampferfahrung gesammelt haben. Das teilte Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit. Außerdem sollen Studenten, chronisch Kranke und Russen mit mehreren Kindern unter 16 Jahren von der Mobilisierung ausgeschlossen werden. Theoretisch zumindest, denn im Internet kursieren bereits etliche Zeugnisse von ohnehin eingezogenen Russen.

Sie sind selbst schuld, wie Marat Usmanov, der Militärkommissar für die Region Altai in Südrussland, ihnen in einem Video sagt. „Das passiert, wenn man seinen Pflichten nicht nachkommt und vergisst, der Polizei Änderungen im Familienstand oder Beruf mitzuteilen.“

Wahrscheinlicher ist jedoch, wie das unabhängige russische Online-Medium The Bell in Zusammenarbeit mit der Moscow Times berichtet, dass viele Regionen einfach Quoten für die Mobilisierung festgelegt und dann eingezogen haben, wer verfügbar war. Seit Tagen gibt es laute Klagen von Reservisten und ihren Familien, diesen Wahnsinn zu stoppen.

Diese Botschaft ist offiziell im Kreml angekommen: Russlands Präsident Putin forderte am Freitag das Militär auf, alle Wehrpflichtfehler zu korrigieren. Wer irrtümlicherweise an die Front geschickt wurde, muss nach Hause zurückkehren.

Russen, die sichergehen wollen, dass sie gar nicht erst „aus Versehen“ an die Front gehen, haben derzeit wohl nur eine Wahl: Flucht ins Ausland. Aber das ist eine Option, die sich besonders für wohlhabende Russen eignet. Die es sich leisten können, wochen- oder monate- oder jahrelang im Ausland zu bleiben und sich eine neue Existenz aufzubauen.

Für alle anderen heißt es: Glück haben – oder im richtigen Beruf arbeiten: Piloten in der russischen Luftfahrt gehören nicht dazu. Nur einen Tag nach Beginn der Mobilisierung haben die Mitarbeiter von mindestens fünf Fluggesellschaften ihren Kündigungsentwurf erhalten. Einige russische Fluggesellschaften befürchten, dass 50 bis 80 Prozent ihrer männlichen Mitarbeiter an der Front in der Ukraine landen könnten. Denn viele Piloten haben ihre Ausbildung bei der russischen Luftwaffe gemacht und sind immer noch als Reserveoffiziere gemeldet.

Anders sieht es in Branchen aus, die der Verteidigungsindustrie zugeordnet sind. Nach Beginn der Mobilisierung erklärte der russische Generalstab, dass Mitarbeiter dieser Firmen keine Einberufung zu befürchten hätten. Gleichzeitig hatten Verteidigungs- und Finanzministerium eine Liste mit weiteren Jobs und Kriterien veröffentlicht, die ebenfalls verschont bleiben. Dazu gehören Russen, die in der IT, bei einem Telekommunikationsunternehmen, bei den Medien oder bei einer Bank arbeiten. Dies sei notwendig, „um den Betrieb bestimmter Hightech-Industrien und des Finanzsystems der Russischen Föderation sicherzustellen“, sagte das Verteidigungsministerium.

Andere hingegen verlassen sich auf ihre Verbindungen in den Regierungsapparat. Nikolai Peskow, der Sohn von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, ist offenbar auf einen Scherzanruf der Nawalny-Bewegung hereingefallen. Während des Gesprächs gaben sich zwei Unterstützer des inhaftierten Oppositionspolitikers als Militärverwaltung aus und forderten den Peskow-Nachwuchs auf, am nächsten Tag zur Militäruntersuchung zu kommen. Nikolay Peskov fragte rhetorisch, ob die Verwaltung wisse, wer er sei, und sagte, ohne eine Antwort abzuwarten: „Um es kurz zu machen: Ich werde die Angelegenheit auf einer anderen Ebene klären.“ Ob es sich bei dem Angerufenen tatsächlich um den Sohn des Kreml-Sprechers handelte, ist nicht geklärt.

Solche Kontakte hätten die russischen Fluggesellschaften sicherlich gerne, müssen sich aber stattdessen auf Argumente wie die „Sicherheit der heimischen Luftfahrt“ stützen. Mehrere Fluggesellschaften sollen bereits Listen mit Mitarbeitern erstellt haben, die als wesentlich für einen sicheren Betrieb gelten. Das sollten nicht nur Piloten, sondern auch Fluglotsen, Techniker oder IT-Spezialisten sein.

Auch russische Hersteller von Mikroelektronik und Computertechnik, die nicht zum Verteidigungskomplex gehören, kämpfen um eine Ausnahmeregelung für ihre fast 200.000 männlichen Angestellten. Eines der Hauptargumente ist, dass die meisten Elektronikentwickler und andere Unternehmen in der Branche zwar keine militärischen Verträge, aber Regierungsaufträge erfüllen, wie die russische Wirtschaftszeitung Kommersant berichtet. Eine große Sorge sollte auch sein, dass der Verlust von Mitarbeitern, selbst wenn sie den Einsatz in der Ukraine überlebten, erhebliche langfristige wirtschaftliche Folgen haben könnte.

Das befürchtet auch die europäische Ratingagentur Scope. Sie rechnet damit, dass die Mobilmachung die russische Wirtschaft weiter lahmlegen wird – aber nicht nur, weil Tausende Fach- und Fachkräfte sterben könnten, sondern auch, weil jetzt wieder neue Sanktionen drohen, die die Handelsmöglichkeiten staatlicher und privater Unternehmen weiter einschränken dürften und auch Banken in Russland. Die Wirtschaftsexperten sprechen daher bereits von einem verlorenen Jahrzehnt: Die russische Wirtschaft werde voraussichtlich bis etwa 2030 brauchen, um wieder das Vorkriegsniveau zu erreichen, heißt es.



Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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