Donnerstag, Dezember 1, 2022
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Großangriff oder Zermürbungskrieg Kiews Militärplaner am Scheideweg

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Nach den erfolgreichen Gegenoffensiven in den Gebieten Charkiw und Cherson steht der ukrainische Generalstab vor einer kniffligen Entscheidung. Soll man mit einem riskanten Großangriff im Süden einen Keil zwischen die russischen Streitkräfte treiben oder lieber in kleineren Zermürbungskämpfen die demoralisierten Verbände Moskaus vernichten?

Wie das russische Verteidigungsministerium am Freitag mitteilte, sei das wenige Kilometer nördlich der Stadt Donezk gelegene Dorf Opytne eingenommen worden. Da dort seit 2014 die Front verläuft, sind die Stellungen auf beiden Seiten gut ausgebaut, die Geländegewinne entsprechend gering und mit hohen Verlusten verbunden.

Dennoch versucht die russische Seite auch anderswo in der Region Donezk die Initiative zu ergreifen. Kremlchef Wladimir Putin erlaubte seinem Befehlshaber in der Ukraine, General Sergej Surovikin, den Rückzug aus Cherson hinter den Fluss Dnipro nur unter der Bedingung, dass er im Gegenzug die gesamte Region Donezk in der Ostukraine erobert, vermuten Experten der US-amerikanischen Denkfabrik Institute für die Studie des Krieges (ISW).

Ein Teil der durch den Abzug aus Cherson freigesetzten Kräfte wurde bereits eilig in die Ostukraine verlegt, um dort die Angriffe zu intensivieren. Neben den Kämpfen vor Donezk versuchen die Russen auch, die Verteidigungsanlagen rund um den Ballungsraum zwischen Slowjansk und Kramatorsk im Norden nahe der Kleinstadt Bachmut zu durchbrechen. Im Süden wollen sie die Front bei Wuhledar aufrollen.

Dort haben sie möglicherweise nur einen Pyrrhussieg errungen, indem sie das Dorf Pavliwka eingenommen haben. Das Dorf liegt im Tal und kann von den höher gelegenen Stellungen bei Wuhledar leicht mit Artillerie bombardiert werden. Der russische Feldkommandant Alexander Chodakowski beklagte hohe Verluste und nannte die Offensive verfrüht.

Aber Moskau ist wahrscheinlich daran interessiert, die ukrainischen Verteidigungskräfte zu binden und Kiew seine Art der Kriegsführung aufzuzwingen. Damit soll der Feind zermürbt werden – wie es im Donbass monatelang mit der Zerstörungswut der russischen Artillerie geschah. Die russischen Raketenangriffe, die die Energieversorgung des Landes lahmlegen, sind wohl als flankierende Maßnahme gedacht, um die Bevölkerung kriegsmüde zu machen.

Berichten zufolge herrscht in kremlnahen Kreisen noch immer Krisenstimmung: „Die Erkenntnis, dass wir den eigentlichen Krieg verloren haben, ist gekommen“, zitiert das Internetportal „Meduza“ anonym aus Wirtschaftskreisen. Die Dynamik liegt eindeutig auf Seiten der ukrainischen Armee. Nach Berechnungen von Militärbeobachtern haben sie inzwischen mehr als 50 Prozent des Territoriums zurückerobert, das Russland nach der Invasion vom 24. Februar besetzt hatte.

Der ukrainische Generalstab unter Führung von Oberbefehlshaber Valeriy Saluschnyj steht nun vor der Frage, welche Schwachstelle der russischen Truppen er als nächstes angreifen wird. Auf den Überraschungseffekt aus dem Spätsommer, als die russische Militärführung die ukrainische stark unterschätzte und ihr komplexere Offensivoperationen nicht zutraute, kann Kiew allerdings nicht mehr zählen.

Wenn die ukrainische Führung einen entscheidenden Kampf anstreben sollte, wäre die wahrscheinlichste Richtung ein Vorstoß in der Region Saporischschja nach Süden in Richtung des Asowschen Meeres. Mit Vorstößen zwischen der Kleinstadt Tokmak und dem Verkehrsknotenpunkt Polohy bis hin zur Hafenstadt Berdjansk könnte Kiew einen Keil zwischen die in der Südukraine stationierten russischen Truppen treiben. Der 2014 annektierte Landkorridor zur Halbinsel Krim würde unterbrochen.

Die ukrainische Armee muss mit ihrer präzisen Langstreckenartillerie nicht bis an die Küste vordringen. Eine Frontverschiebung von gut 20 Kilometern nach Süden würde ausreichen, um die Feuerkontrolle bis zur Küste zu erlangen. Dies könnte die russischen Versorgungsleitungen, die vom Donbass und der Krim in die besetzten Teile der Gebiete Cherson und Saporischschja führen, massiv stören.

Generalstabssprecher Oleksiy Hromov hat bereits versichert, dass die ukrainische Artillerie von ihren Stellungen am Dnjepr aus die Landzugänge zur Krim kontrolliert. „Die ukrainischen Artilleristen tun alles, um den Feind mit der maximalen Reichweite ihrer Waffen zu treffen“, sagte Hromov. Wie im nordwestlichen Teil der Cherson-Region könnten die ukrainischen Truppen die russischen Besatzer durch ständigen Beschuss und eine anhaltende Druckerhöhung langsam aber sicher in eine Position bringen, die sie zum erneuten Rückzug zwingen würde.

Die Vorbereitungen für einen solchen Angriff laufen: Russische Beobachter schätzen, dass bereits bis zu 40.000 ukrainische Soldaten in der Region Saporischschja stationiert sind – einige sogar aus Cherson, wo die Truppen nicht mehr benötigt werden. Allerdings birgt dieser Entscheidungskampf auch enorme Risiken für die Ukrainer. Das russische Militär ist sich der strategischen Bedeutung von Saporischschja bewusst und hat sich ebenfalls vorbereitet. Truppen wurden verstärkt – auch durch Teilmobilmachung – zum ersten Mal in diesem Krieg gruben die Russen auch schwere Verteidigungsstellungen.

Die dort vorherrschende Steppenlandschaft erlaubt bei gutem Wetter schnelles Handeln, was für Kiews dynamische Kriegsführung wichtig ist. Gleichzeitig bietet sie aber angreifenden Truppen wenig Schutz, so dass sie auf große Distanz mit Artillerie bekämpft werden können. Zudem bringen Herbst und Winter nun Regen, Schnee und Nebel, verwandeln das Gelände in eine Matschlandschaft und behindern schnelle Offensivbewegungen.

Das US-Militär ist daher skeptisch, ob ein schneller Knockout gelingt. „Die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Sieges der Ukraine, definiert als Vertreibung der Russen aus der gesamten Ukraine, einschließlich der beanspruchten Krim (…), ist in absehbarer Zeit nicht hoch“, sagte US-Stabschef Mark Milley. Daher konnte Kyiv auch auf Abwarten und Nadelstichangriffe setzen, um den Gegner zu ermüden. Aufgrund der kürzeren Distanzen zwischen den einzelnen Frontabschnitten im Norden und Süden sind die Ukrainer bei Truppenbewegungen im Vorteil.

Im Nordosten, wo die Ukrainer im September fast die gesamte Region Charkiw eroberten, ist die Offensive östlich von Kupjansk zum Stillstand gekommen. Mit frischen Kräften aus Cherson könnten auch hier Gebietsgewinne erzielt werden, auch wenn diese nicht von strategischer Bedeutung sind. Wichtig wäre in diesem Fall allerdings der psychologische Effekt, denn die Moral der russischen Truppen sei nach dem Rückzug angeschlagen. Weitere Niederlagen könnten den Zersetzungsprozess beschleunigen.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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