Samstag, Oktober 1, 2022
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Grünen-Chef Nouripour: Der Mann für die Hintergrundmusik

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Das Führungsduo der Grünen hat sich offenbar getrennt: Ricarda Lang als lautstarke Verfechterin, Omid Nouripour als zurückhaltender Moderator. Doch nun könnte der 47-Jährige an seine Grenzen stoßen.

Es sind ungewöhnliche Worte eines Grünen-Chefs, der sich als „Hüter und Fürsprecher“ seines Parteiprogramms sieht: Vieles, was die Bundesregierung tue, sei „gut und richtig“, sagte Omid Nouripour bei seiner ersten Pressekonferenz nach der Sommerpause Ende August. Er bedankte sich bei SPD-Kanzler und FDP-Verkehrsminister dafür, dass sie dem 9-Euro-Folgeticket nicht komplett die Tür zugeknallt haben. Er lobte die Liberalen für den Tierschutz. Viele Grüne dürften das alles anders sehen.

Bei seiner Wahl zum Parteichef im Januar hatte Nouripour ein scharfes Profil angekündigt: Sein eigenes Wahlprogramm sei „die Grundlage für alle Dinge, die nicht im Koalitionsvertrag geregelt sind“. Jetzt ist Krieg – und Teile des Koalitionsvertrags überholt. Da ist vieles nicht geregelt, die Ampel muss sich vortasten. Aber wo ist die grüne Linie? Und wie sehr will Nouripour für sie kämpfen?

Kohlekraftwerke wieder ans Netz, massiver Ausbau von LNG-Terminals, Waffenlieferungen in Kriegsgebiete – das stand nicht auf der Tagesordnung. Eine der größten Zumutungen könnte jedoch in den nächsten Tagen kommen: der lang ersehnte „Stresstest“, der darüber entscheidet, ob die Atomkraft wirklich am Ende des Jahres abgeschaltet wird. In den vergangenen Wochen schien es immer wieder so, als würden die Grünen bereits die Brücke dahin bauen, dass zumindest Isar 2 in Bayern länger laufen muss.

An der Basis wurden die U-Turns bisher relativ geräuschlos geschluckt. Die Wahlerfolge und die Beliebtheitswerte der grünen Minister haben wohl einiges zementiert. Für viele, vor allem aus der älteren Generation, gehört die Atomfrage zu den Gründungsideen der Partei. Und ein Ja zum Streckbetrieb, also eine befristete Verlängerung der Laufzeit, würde den niedersächsischen Wahlkämpfern nicht gerade helfen.

Überall gibt es unzumutbare Forderungen: Lehrte bei Hannover, ein Lager des Discounters Aldi. Nouripour ist hier auf seiner Sommertour, zwischen Paletten voller Fleischsalat, Holzkohle oder Kondensmilch. „Die Tour ist eine Vorspeise“, scherzt Nouripour. „Die Ware hier ist in ein, zwei Tagen draußen“, erklärt der Lagerleiter dem Grünen-Chef.

Doch diese Effizienz, die ganze Logistik wackelt: Man findet nicht mehr genug Fahrer, um die vielen ukrainischen Männer zu ersetzen, die jetzt zu Hause oder gar an der Front stehen. Und die größte Sorge ist, dass man hier im Winter nicht genug Gas und Strom bekommt.

„Das ist für uns also eine klare Forderung an die Politik“, sagt Markus Dicker, Vertreter der Aldi-Geschäftsführung, und schaut Nouripour direkt an, als sie vor dem Kühlhaus stehen. „Der Lebensmitteleinzelhandel muss wie in der Corona-Krise Teil der kritischen Infrastruktur sein.“ Der Discounter will weiter mit Energie versorgt werden, wenn andere Unternehmen womöglich schon mit Engpässen zu kämpfen haben – eine knifflige Frage. Priorität haben bisher Krankenhäuser, Feuerwehren und private Haushalte.

Nouripour hält das Thema kurz, geht nicht ins Detail. Er verspricht eine „stabile Versorgung“: „Es wird keinen Tag geben, an dem wir Probleme haben.“ Ein vollmundiges Versprechen. Eine, an der sich die Grünen bald messen lassen müssen.

Bisher hat Nouripour versucht, solche Probleme zu glätten, das Dilemma des grünen Ministers zu erklären – oder er hat sich einfach nicht geäußert. Seine Co-Chefin Ricarda Lang ist viel präsenter als er in Talkshows und sozialen Medien, auch mit kontroversen Positionen.

Doch beide setzen auf das Charisma ihrer Minister, allen voran Robert Habeck und Annalena Baerbock. Besonders Habeck verkörpert das Thema Energie und Sparen. Die Gefahr: Im Winter könnte er für jedes Grad weniger in Wohnungen oder Büros verantwortlich sein, für horrende Rechnungen oder Gasengpässe in der Industrie. Die Grünen könnten dann wieder als Partei von Besserwissern und Gutverdienern gelten, die sich zu wenig um die Belange der „normalen“ Bevölkerung kümmern. Ein Etikett, das man eigentlich loswerden wollte.

Diese Schulddiskussion sei „sehr besorgniserregend“, sagt Nouripour. Und fügt hinzu: Er sei froh, dass „unsere Leute an einem entscheidenden Punkt kämpfen“. Auch hier meint er nicht die beiden Parteivorsitzenden, sondern die Grünen-Minister.

Für Nouripour Kurs, für seine Interpretation des Parteivorsitzes, wird dieser Herbst zur Belastungsprobe. Glätten, delegieren oder schweigen – das reicht in der eigenen grünen Blase vielleicht nicht mehr aus. Für den Parteitag im Oktober haben Altgrüne wie Jürgen Trittin bereits gefordert, dass AKW-Streckbetrieb nur noch mit Delegiertenbeschluss möglich sein soll. Dann müsste sich auch Nouripour positionieren.

Bisher hat er noch keine Strategie für den Herbst herausgegeben. Und Nouripour sieht seine Rolle als Chef beim nächsten großen Parteitag darin, für guten Sound zu sorgen: „Ich habe mich schon als DJ beworben.“

Das Sommerinterview ist ab 17 Uhr auf Theaktuellenews.com und Theaktuellenews24 zu sehen



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Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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