Sonntag, Januar 23, 2022
StartNACHRICHTENHat die Luca-App noch Zukunft?

Hat die Luca-App noch Zukunft?

- Anzeige -


Vor etwas mehr als einem Jahr waren die Erwartungen noch hoch. Doch die Bilanz der Luca-App ist ernüchternd, sie spielt kaum eine Rolle. Mehrere Bundesländer wollen ihre Verträge nicht verlängern.

Es war Ende Februar 2021, als Rapper Smudo in der war ARDSendung „Anne Will“ machte Millionen Deutschen Hoffnung: Die Luca-App, an deren Entwicklerfirma culture4life GmbH er beteiligt ist, ist eine Art „Feuerlöscher“ in der Pandemie, ein hilfreiches Tool zur Kontaktverfolgung.

Danach begann ein richtiger Run auf die App. Viele Kommunen wollten ihren Bürgern den Kneipenbesuch wieder leicht machen. Der heutige Gesundheitsminister Karl Lauterbach jubelte damals: Die App könne „einen wesentlichen Beitrag zur Corona-Bekämpfung leisten“. Nach Angaben der Betreibergesellschaft gibt es derzeit mehr als 40 Millionen Nutzer.

Doch jetzt, so Jens Rieger, IT-Experte vom Chaos Computer Club Freiburg, hat die Luca-App kaum nennenswerte Wirkung bei der Bekämpfung der Pandemie. „Die Nutzung der App als Ersatz für Papierlisten ist reine Verschwendung“, sagte er dem SWR.

Rieger verfolgt die Nutzung von Beginn an und weist darauf hin, dass auch Hamburg als eines der Bundesländer, die die App in der Vergangenheit stark genutzt haben, die Nutzung in den letzten Wochen stark zurückgefahren hat.

Gemäß SWRNach einer Umfrage bei den knapp 400 deutschen Gesundheitsämtern haben die Hamburger Behörden seit Oktober noch 527 Kontaktanfragen bei Kneipen, Restaurants und anderen Orten gestellt, an denen sich Nutzer eingeloggt hatten. Die Hamburger Finanzverwaltung teilte auf Nachfrage mit, die Nutzung der App sei ausgesetzt worden, weil eine Kontaktnachverfolgung nicht mehr gewährleistet werden könne – offenbar wegen stark steigender Infektionszahlen.

In anderen Bundesländern spielte die Luca-App zuletzt eine noch geringere Rolle. Das Landratsamt Würzburg (Bayern) nutzte die App seit Oktober 27 Mal für eine Kontaktabfrage, gefolgt vom Landkreis Harburg (21) und der „Region Hannover“ in Niedersachsen (19).

Bei vielen anderen Gesundheitsämtern dagegen: keine. In Bayern beispielsweise haben mindestens 30 der 76 Ämter seit Oktober keine einzige Abfrage gestartet. In vertraulichen Gesprächen mit SWR Viele Landratsämter winken ab: Die Luca-App wird kaum genutzt. Aber es gibt auch positives Feedback.

So heißt es etwa aus dem Landkreis Tübingen (Baden-Württemberg), dass die App genutzt wurde, um bei Infektionen in Vereinen Warnmeldungen an eingeloggte Gäste zu versenden. In Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Sachsen hingegen gab es überhaupt keine Verträge mit den Betreibern. Dort besteht oft keine gesetzliche Pflicht zur Kontaktnachverfolgung.

Für Beobachter wie Rieger liegt der aktuell geringe Einsatz nicht nur an steigenden Infektionszahlen. Auch Funktionen wie die Warnung vor engem Kontakt mit Infizierten funktionierten beim Konkurrenzprodukt Corona Warn-App effizienter und schneller. Dem hält Rapper Smudo entgegen: Sie sehen sich nicht als Konkurrent, sondern als „starken Partner“ der Corona-Warn-App.

Im Gespräch mit der SWR Er kündigte an, dass man daran arbeite, den Impfstatus eines Nutzers in der App umzusetzen. Beispielsweise kann sich die Kontaktverfolgung auf die Ungeimpften konzentrieren. Insgesamt ist die App ein „Super Deal“. Benutzer haben sich bisher 330 Millionen Mal eingeloggt.

Aber Bedenken bleiben, auch wegen des Datenschutzes. Das teilte der baden-württembergische Landesdatenschutzbeauftragte Stefan Brink mit SWR, die Luca-App sei datenschutztechnisch grundsätzlich gut, aber „nicht erstklassig, die Corona-Warn-App ist eigentlich besser“.

Kürzlich wurde bekannt, dass die Mainzer Polizei über das zuständige Gesundheitsamt unrechtmäßig Daten aus der Luca-App bezogen hatte.

Nach bisherigem Kenntnisstand handelte es sich jedoch um einen Einzelfall. In anderen Fällen, etwa in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, wurden Ermittlungsbehörden bei Gesundheitsämtern abgewiesen, weil das Infektionsschutzgesetz der Datenverwendung zur Strafverfolgung grundsätzlich ein Ende setzt. Rapper Smudo nannte den Fall Mainz „schockierend“ und „erschreckend“.

Die Ungewissheit bleibt. Für Verwunderung sorgte der rheinland-pfälzische Justizminister Herbert Mertin (FDP) mit seiner Aussage, dass die Luca-App womöglich von Ermittlern bei Mordermittlungen eingesetzt werden könnte. Anders als etwa das Bundesstraßenmautgesetz enthält das Infektionsschutzgesetz keine klaren Regelungen zur Datenübermittlung an Ermittler.

„Zur Aufklärung von erheblichen Straftaten, insbesondere von Kapitalverbrechen, können diese im Einzelfall unter Berücksichtigung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes in Betracht gezogen werden“, sagte Mertin im Rechtsausschuss des Landtags Rheinland-Pfalz. Dem widerspricht der baden-württembergische Datenschutzbeauftragte Brink: „Die Kontaktdaten dürfen auch nicht für Kapitalverbrechen oder andere sehr dringende, wesentliche Ermittlungsaspekte der Sicherheitsbehörden verwendet werden.“

Die Luca-App-Betreiber müssen nun befürchten, dass einige der 13 Bundesländer, mit denen sie entsprechende Verträge abgeschlossen haben, nun aus der Fahne gehen. Es gebe „bislang keine konkreten Gespräche mit den Ländern über eine Vertragsverlängerung“, teilte die Betreibergesellschaft mit SWR kommunizieren.

Schleswig-Holstein hatte bereits im Sommer angekündigt, künftig ohne die Luca-App arbeiten zu wollen. Bremen kündigte am Freitag an, die Zusammenarbeit zu beenden.

Nach Angaben des App-Betreibers haben die Bundesländer bisher 18 Millionen Euro für die Nutzung bezahlt. Und das Bundesgesundheitsministerium in Lauterbach? Zum SWR Sie kündigt an: „Die Bundesregierung stellt die Corona-Warn-App zur digitalen Kontaktnachverfolgung weiterhin kostenlos zur Verfügung.“



Quelllink

ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare