Mittwoch, Oktober 27, 2021
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"ich hoffe du stirbst" Hetze gegen Corona-Experten nimmt weiter zu

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Um nicht erkannt zu werden, verlässt Christian Drosten das Haus meist nur mit Hut und Sonnenbrille. Die Pandemie hat gezeigt: Wer als Experte im Rampenlicht steht und eine Meinung äußert, erntet oft Hass und Kritik. Eine neue Umfrage gibt Aufschluss über das Ausmaß.

Ärzte und Virologen vor der Kamera und Epidemiologen, die auf Twitter Studien kommentieren: Das ist in der Pandemie alltäglich geworden. Experten beziehen Stellung zu Fragen zu Corona. Eine Umfrage der Fachzeitschrift „Nature“ unter mehr als 300 Wissenschaftlern aus mehreren Ländern verdeutlicht nun die oft negativen Reaktionen, die einige von ihnen aufgrund ihrer öffentlichen Präsenz erfahren haben. Dabei geht es nicht nur um Hassbotschaften, sondern auch um Morddrohungen und seltener um körperliche Angriffe.

Vorweg: Es handelt sich nicht um eine wissenschaftlich abgesicherte, repräsentative Umfrage. Das Ausmaß des Problems lässt sich damit nicht genau abschätzen. Die Zeitschrift „Nature“ verschickte Fragebögen an Experten und arbeitete in mehreren Ländern mit Institutionen zusammen, die unter anderem Aussagen von Wissenschaftlern an die Medien übermitteln (Science Media Centers). Es nahmen 321 Experten teil, die mit den Medien über die Pandemie sprachen. Die meisten von ihnen kamen aus Großbritannien, Deutschland und den USA. Gut die Hälfte der Befragten gab an, Trollkommentare oder persönliche Angriffe manchmal, meistens oder immer nach ihrem Auftritt in den Medien erlebt zu haben.

Die negativen Folgen der Medienpräsenz reichen in 47 Fällen bis hin zu Morddrohungen, sechs Wissenschaftler gaben an, körperlich angegriffen worden zu sein. Einige melden auch aggressive E-Mails, gehackte Konten oder Websites und Beschwerden an den Arbeitgeber. In einem „Nature“-Artikel mit Fallbeispielen werden irritierende Fragen deutlich: Der australische Epidemiologe Gideon Meyerowitz-Katz beispielsweise erwähnte – erwartete – Impfungen. Überraschenderweise erhielt er die meisten Drohungen von Leuten, die das Anti-Wurm-Medikament Ivermectin als angebliches Präparat gegen Covid-19 verteidigten. „Menschen mailen mir anonym von fremden Accounts“ Ich hoffe, du stirbst“ oder „Wenn du in meiner Nähe wärst, würde ich dich erschießen“, wird Meyerowitz-Katz zitiert. Auch die Frage nach der Herkunft des Virus ist dem Bericht zufolge ein heißes Thema.

Experten befürchten, dass Hassbotschaften zu Rückzug und Selbstzensur von Experten führen und ihre Kollegen davon abhalten könnten, selbst in der Öffentlichkeit aufzutreten. In der Umfrage gaben besonders Betroffene von persönlichen Angriffen und Trollkommentaren an, dass dies einen enormen Einfluss auf ihre Gesprächsbereitschaft gegenüber den Medien habe. Laut Kommunikationsexperten ist es kein neues Phänomen. „Die Pandemie wirkte jedoch wie ein doppeltes Brennglas. Alle Dynamiken, die wir bereits in der Forschung beschrieben hatten, kamen nun in hoher Konzentration und blitzschnell ans Licht“, erklärt Konstanze Marx von der Universität Greifswald. Handlungsbedarf sieht sie im „allgemeinen Diskursklima“, auch in Medien und Politik. Gefragt ist ein Klima der Wissenschaftsfreundlichkeit.

Die „Nature“-Umfrage war anonym, aber es gibt bekannte Opfer in Deutschland, die selbst vor einiger Zeit massive Anfeindungen öffentlich gemacht haben. Dazu gehört neben dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach auch der Virologe Christian Drosten. Nach Angaben der Polizei hatten Unbekannte im Oktober 2020 auch Brandsätze auf ein Gebäude des Robert-Koch-Instituts in Berlin geworfen. Charité-Wissenschaftler Drosten berichtete vor rund einem Jahr auf einem Kongress in Berlin, welche Schattenseiten die Bekanntheit im Alltag hat: Seit er ist es „ziemlich unangenehm“, beim Einkaufen angestarrt zu werden, er geht mit Sonnenbrille und Hut aus, um nicht erkannt zu werden. Zu seinem Umgang mit Hass sagte Drosten damals: „Ich kann ihn nur so weit wie möglich ausschließen.“

Ein Trost bleibt, wie die Umfrage zeigt: Gefragt nach positiven Erfahrungen nach Medienauftritten stimmten 83 Prozent der Aussage zu, dass sie ihre Botschaft hätten an die Öffentlichkeit bringen können.

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