Montag, Dezember 6, 2021
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Impfrate und Übersterblichkeit: keine Hinweise auf einen Zusammenhang

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Ein in den sozialen Medien verbreitetes Papier soll zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen Übersterblichkeit und der Impfrate gibt. Diese Behauptung hält jedoch einer Überprüfung nicht stand – da sind sich die Autoren einig.

„Je höher die Impfrate, desto höher die Übersterblichkeit“ lautet der Titel eines Papiers, das die Thüringer Landtagsabgeordnete Ute Bergner Landesgesundheitsministerin Heike Werner überreichte. „Mein eindringlicher Appell an Sie: Hören Sie auf, ungeimpften Druck auszuüben! Lassen Sie die Verantwortlichen Thüringens entscheiden, ob sie sich impfen lassen wollen oder nicht“, sagte Bergner.

Seitdem wird das Blatt massiv in den sozialen Medien beworben, unter anderem von Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen.

Verfasst wurde es von den beiden Psychologen Rolf Steyer und Gregor Kappler, die die Zahlen des Robert-Koch-Instituts und des Statistischen Bundesamtes (Destatis) ausgewertet haben.

Das Statistische Bundesamt kann die Interpretation des Papiers jedoch nicht bestätigen. „Dass es keinen systematischen Zusammenhang zwischen Impfrate und Übersterblichkeit gibt, lässt sich bereits an der von den Forschern erstellten Grafik ablesen“, erklärt Felix zur Nieden, Experte für Demografie und Sterberaten bei der Behörde ARD-Faktenfinder.

Auch die von den Autoren errechnete Korrelation von +0,31 ist nicht „erstaunlich hoch“, wie die Autoren behaupten, sondern eher ein moderater Wert. „Korrelationen reagieren auch empfindlich auf ‚Ausreißer‘: Das Hinzufügen oder Weglassen weniger Datenpunkte kann zu einem ganz anderen Ergebnis führen.“ Die Gewichtung der Werte nach der Bevölkerung der einzelnen Bundesländer sorgt zudem dafür, dass das Ergebnis von wenigen bevölkerungsreichen Bundesländern und damit von sehr wenigen Datenpunkten abhängt.

Zudem sei die Bestimmung einer Korrelation nur ein erster Anhaltspunkt, erklärte Nieden. Dies müsste weitere Untersuchungen nach sich ziehen, ob tatsächlich ein direkter oder indirekter Kausalzusammenhang besteht – eine Aussage, der auch die Autoren zustimmen, allerdings ohne diesen Schritt bisher zu gehen.

Darüber hinaus ist die Wahl des Untersuchungszeitraums von nur fünf Wochen problematisch, zumal es sich um eine Phase handelt, in der es vergleichsweise wenige Fälle von Corona-Infektionen gab. Der zeitliche Zusammenhang und der Abstand zwischen Impfrate und Immunität wurden in der Studie völlig außer Acht gelassen, ebenso Effekte wie Mortalitätsverschiebung und die unterschiedlichen Infektionsraten in den einzelnen Bundesländern.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, warum die Forscher davon ausgehen, dass nur Impfungen die Ursache für die in der Übersterblichkeit erfassten Todesfälle sind. Das Paul-Ehrlich-Institut geht davon aus, dass zwischen Beginn der Impfkampagne und September nur in 48 Fällen der Tod tatsächlich auf die Impfung zurückzuführen ist.

Entsprechend hart fällt das Fazit von Niedens auf dem Papier aus: „Das ist keine seriöse Bewertung, mit der Sie an die Öffentlichkeit gehen.“

Letzteres scheint die Autoren auch so zu sehen: „Wir haben am 16. November eine kurze Notiz für die Abgeordnete des Thüringer Landtages, Dr. Ute Bergner, verfasst. Anlass war eine aktuelle Stunde des Landtags zur Corona-Politik.“ sie erklären. Der Bericht war ausschließlich zu diesem Zweck bestimmt und soll Anlass zu weiterer Diskussion und Analyse geben.

„Wir haben die Verbreitung oder Weitergabe des Hinweises im Internet oder in den sozialen Medien weder autorisiert noch gar veranlasst. Zur Klarstellung: Der Hinweis ist weder eine wissenschaftliche Veröffentlichung noch eine fundierte wissenschaftliche Studie, die unseren eigenen Qualitätsansprüchen genügt“, heißt es in der Mitteilung geht weiter.

Der Hinweis beweise keineswegs, dass eine erhöhte Impfrate zu einer erhöhten Sterbewahrscheinlichkeit führe, erklärt Co-Autor Steyer ARD-Faktenfinder. „Wir wollen auch nicht, dass es als solches fehlinterpretiert wird“. Die Autoren bedauerten die Wortwahl und die Überschrift. „In der Öffentlichkeit war und ist es offenbar völlig falsch (weil es kausal ist)“.

„Soweit ich weiß, haben wir selbst keine Schlüsse gezogen“, so Steyer weiter. Zusammen mit den jetzt verfügbaren Daten ist die verbleibende positive Korrelation fast null. Die Impfung als Todesursache ist nur eine von vielen denkbaren Hypothesen – mehrere könnten stimmen, aber: „Ich habe nicht den Eindruck, dass die Todesfälle nach der Impfung sorgfältig auf ihre Ursachen untersucht werden Einzelfälle legen mir nahe.“



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