Montag, Februar 6, 2023
StartNACHRICHTENIndonesiens neue Hauptstadt Nusantara – urbane Utopie oder Umweltgefährdung?

Indonesiens neue Hauptstadt Nusantara – urbane Utopie oder Umweltgefährdung?

- Anzeige -


Lebenswert und technologisch top: Nusantara soll eine der grünsten Metropolen der Welt werden. Das ist das Konzept der indonesischen Regierung, die in den Wäldern von Borneo eine neue Hauptstadt baut. Umweltschützer äußern Bedenken, andere sehen auch Chancen.

Borneo ist ein einzigartiges Naturparadies. Im Dschungel der südostasiatischen Rieseninsel leben Orang-Utans, Borneo-Zwergelefanten, Nasenaffen, Nebelparder und Nashornvögel. Wie das Amazonasgebiet in Südamerika gelten die Regenwälder von Borneo als die grüne Lunge der Erde – und vielleicht als der letzte Garten Eden auf dem Planeten.

Doch zerstörerische Waldbrände und massive Abholzungen treffen seit Jahrzehnten den besonders artenreichen Inselteil von Kalimantan, der zu Indonesien gehört. Nun steht die Region vor einer weiteren Herausforderung. Hier entsteht Nusantara, die neue Hauptstadt des Inselreichs. Naturschützer warnen bereits vor neuen Gefahren durch das Megaprojekt.

Die indonesische Regierung lobt die Zukunftsmetropole als nachhaltige und innovative Smart City. Eine urbane Utopie, in der sich Grün und Natur mit Hightech paaren. In Nusantara sollen nur noch Elektrofahrzeuge zugelassen werden, und die gesamte Energie soll aus erneuerbaren Quellen stammen. Das Parlament hat dem Schritt im vergangenen Jahr zugestimmt. Hauptgrund ist, dass die bisherige Hauptstadt Jakarta auf Java langsam versinkt und zwischen 20 und 40 Prozent der Stadt bereits unter dem Meeresspiegel liegen. Bis 2050 könnte das gesamte Gebiet von Nord-Jakarta überflutet werden. Dazu kommen Verkehrschaos und Smog in der Megametropole mit elf Millionen Einwohnern und sogar mehr als 32 Millionen in der Metropolregion.

Bis 2045 sollen rund 1,9 Millionen Einwohner in Nusantara leben. Das sind zehnmal so viele Menschen wie zuvor in der Gegend. Die Stadt in der Provinz Ost-Kalimantan wird auf einer stolzen Fläche von 256.000 Hektar (Berlin zum Vergleich: 89.200 Hektar) aus dem Waldboden gebaut – drei Viertel davon sollen als Waldflächen erhalten bleiben.

Ebenfalls in diesem Grüngürtel liegt Samboja Lestari, ein Schutzgebiet für Orang-Utans und Bären, das von der Tierschutzstiftung BOS (Borneo Orangutan Survival) betrieben wird. „Die neue Hauptstadt wird auf ehemaligen Monokultur-Plantagen errichtet. Primärwälder sind dort längst verschwunden, und die Lebensräume der Orang-Utans liegen weit entfernt im Inneren der Insel“, sagt Daniel Merdes, Geschäftsführer von BOS Deutschland. Zunächst gab es Bedenken um die Zukunft der Orang-Utan-Station. Doch die Organisation arbeitet nun eng mit den Stadtplanern zusammen, um die bestmögliche Lösung für alle Beteiligten zu finden – und das Menschenaffen-Rehabilitationszentrum in das Projekt zu integrieren.

„Im besten Fall schafft der prominente Standort in der Hauptstadt eine stärkere Fokussierung auf den Erhalt der einzigartigen Biodiversität der Insel, inklusive neuer Finanzierungsmöglichkeiten“, betonte Merdes. Auch BOS-Chef Jamartin Sihite sieht eher Potenzial als Gefahr: „Rund 75 Prozent der Fläche werden von Wald bedeckt und mit Ökostrom betrieben“, sagte er. „Und die Kernzone der Hauptstadt wird wieder mit ursprünglichen Arten bepflanzt, nicht wie bisher mit Monokulturen.“

Andere Umweltexperten warnen jedoch davor, dass insbesondere Ostkalimantan seit den 1980er Jahren ausgebeutet wird. Unter dem damaligen Diktator Suharto, der bis 1998 regierte, wurden mehr als 160 Waldkonzessionen an Geschäftsleute in Penajam Paser Utara und Kutai Kartanegara vergeben. Genau das seien die Distrikte, in denen Nusantara gebaut werde, sagt Waldaktivist Uli Artha Siagian, der für Indonesiens führende Umweltgruppe Walhi arbeitet.

Die Folge der Ausbeutung: Massive Abholzung der einzigartigen Wälder, die Ansiedlung von Bergbauunternehmen und zahlreiche Palmölplantagen haben die Natur schwer geschädigt. „Umweltkatastrophen kommen in Ost-Kalimantan immer häufiger vor“, betont Siagian. Denn Wälder haben eine Schutzfunktion als Barriere für den Abfluss von überschüssigem Wasser. Fehlen sie, sind Katastrophen vorprogrammiert. „Heute, nach nur einer Stunde Regen, sind Überschwemmungen und Erdrutsche oft unvermeidbar“, betonte Siagian.

Die Bevölkerung der Provinz Ost-Kalimantan wird nach Angaben der Nationalen Agentur für Entwicklungsplanung von derzeit 3,7 Millionen Menschen auf mehr als 11 Millionen steigen. Greenpeace-Aktivist Ari Rompas ist überzeugt, dass die Massenmigration die natürlichen Ressourcen in der gesamten Region zusätzlich belasten wird. „Wir glauben, dass es zu einer weiteren Zerstörung der verbleibenden Waldgebiete kommen wird, einschließlich des Mangrovenwaldes in der Bucht von Balikpapan.“ Rompas befürchtet eine deutliche Zunahme der Aktivitäten rohstofffördernder Unternehmen. „Dies bedroht bereits gefährdete Arten weiter.“

Als Standort für eine neue Hauptstadt wurde Borneo auch gewählt, weil hier laut Präsident Joko Widodo das Risiko von Katastrophen wie Überschwemmungen, Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüchen deutlich geringer ist. Ob die ersten Behörden wie ursprünglich geplant 2024 verlegt werden können, ist allerdings fraglich – die Bauarbeiten stehen noch am Anfang. Rawanda Wandy Tuturoong, eine hochrangige Beraterin des Präsidenten, versprach, dass die Wälder Borneos geschützt würden. „Die neue Landeshauptstadt wird eine intelligente Waldstadt“, sagte er. „Und das ist besser, als dieses Gebiet unbebaut zu lassen.“

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare