Sonntag, November 28, 2021
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Intensivmediziner: Impfstatus darf bei Triage keine Rolle spielen

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Aufgrund der Corona-Pandemie stoßen Kliniken zunehmend an ihre Grenzen – die Vorbereitungen zur Triage laufen. DIVI-Präsident Janssens hat dafür jetzt neue Richtlinien vorgelegt. Geimpft oder ungeimpft – egal.

Die vierte Corona-Welle bringt bundesweit Krankenhäuser an die Grenzen ihrer Kapazitäten. Es wird auch immer wahrscheinlicher, dass Ärzte in absehbarer Zeit aufgrund der Überlastung entscheiden müssen, welche Patienten zuerst lebensnotwendig versorgt werden können.

Die sogenannte Triage sei „ein tragisches, aber durchaus mögliches Szenario“, warnte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Gesellschaft für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). In einem solchen Fall müsste ein Arzt die „unvermeidliche“ Entscheidung treffen, welcher Patient eine „realistische Erfolgsaussicht“ hat, zu überleben und sich anschließend von einer Krankheit gut zu erholen.

Aber Janssens spricht nicht von Triage, sondern von Priorisierung. Die Triage kommt aus der Katastrophenmedizin, wenn es darum geht, die Behandlungschancen für eine große Zahl von Verletzten schnellstmöglich abzuschätzen. Nach dem Ausbruch der Pandemie, der den „Zusammenbruch westlicher Gesundheitssysteme“ aufzeigte, hat DIVI Empfehlungen für das Priorisierungsverfahren entwickelt und diese nun ergänzt. Vereinfacht gesagt steht der Patient mit einer hohen Überlebenswahrscheinlichkeit und langfristigen Genesung an erster Stelle.

Ob ein an Covid-19 erkrankter Patient geimpft ist oder nicht, soll laut der nun aktualisierten Empfehlung egal sein, sagte Georg Marckmann, Direktor des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin. Der Zugang zu intensivmedizinischer Behandlung ist nicht davon abhängig, ob eine Krankheit teilweise selbst verursacht wurde. Zumal nicht eindeutig feststellbar ist, inwieweit eine fehlende Impfung die Ursache einer Corona-Erkrankung ist. Zudem bestehe die Gefahr eines „sozialen Ungleichgewichts“, wenn Impfungen zum Kriterium werden sollten, warnte Marckmann. Das Gesundheitssystem verzeichnet die schwächsten Impfquoten in den sozial benachteiligten Schichten.

Bisher hätten die Empfehlungen nicht zur Anwendung kommen sollen, so Janssens. Doch mit der vierten Welle, dem „exponentiellen Anstieg der Infektionszahlen, der aus seiner Sicht zu geringen Impfrate und dem gleichzeitigen Rückgang des Impfschutzes vor allem bei gefährdeten Gruppen habe sich die Situation geändert. Janssens rechnet damit, dass Hunderte von neue Corona-Intensivpatienten müssen bald täglich versorgt werden.“ Der Höchststand von 5723 Covid-19-Patienten im Januar dieses Jahres auf den Intensivstationen werde in Kürze erreicht und mit Sicherheit deutlich übertroffen – bei knapper werdenden Ressourcen, sagte Janssens.

Die zunehmende Belastung durch die höhere Zahl von Corona-Intensivpatienten wird jedoch keinesfalls dazu führen, dass diese bei anderen Patienten behandelt werden, die ebenfalls einer Intensivstation vorgezogen werden. „Gleichbehandlung“ sei ein wichtiger Punkt bei der Priorisierung, betonte Jan Schildmann, Internist und Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin. Eine Einschränkung des Regelbetriebs in den Kliniken würde dazu dienen, „den dringenden Bedarf an intensivmedizinischen Maßnahmen“ für alle Patienten decken zu können. Fehlen Kapazitäten in der Behandlung, müssen die Entscheidungen ethisch begründet werden.

Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, verwendet das Wort Triage deutlicher. Er sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Wir bereiten uns alle auf eine Triage vor.“ Die Ärzte versuchten alles, um eine solche Entscheidung zu vermeiden. Doch „angesichts der steigenden Infektionszahlen“ müssten sich die Kliniken für einen solchen Fall wappnen.

Seit Wochen meldet das Robert-Koch-Institut täglich neue Höchststände der Corona-Zahlen – unter anderem am Freitag mit mehr als 76.000 Neuinfektionen innerhalb eines Tages und einer siebentägigen Inzidenz von 438,2.

Aufgrund der bundesweit steigenden Zahl von Corona-Patienten auf Intensivstationen arbeiten bereits 75 Prozent aller Standorte von Kliniken mit Intensivstationen im eingeschränkten Betrieb, warnte der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, in einem Gastbeitrag Post für die „Rheinische Post“. „Konkret bedeutet dies, dass wir wie im Januar 2021 wieder nicht fast jeden dritten Patienten im Regelsystem behandeln können“, sagte Gaß.

Das bedeutet auch, dass geplante Operationen verschoben werden müssen. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern hatten sich bereits vor zwei Tagen für diese Maßnahme ausgesprochen. In seinem Beitrag fasste Gaß diesen Schritt in Zahlen zusammen:

Für Krebspatienten sei es psychisch und physisch „schwer zu ertragen“, aufgrund der Auswirkungen der Pandemie wieder auf die Warteliste für eine Intervention gesetzt zu werden. Janssens begrüßte dennoch die Entscheidung der Gesundheitsminister. DIVI fordert diesen Schritt seit Wochen. Eine Verschiebung von Operationen, ohne dass den betroffenen Patienten unmittelbar gefährliche gesundheitliche Folgen drohen, könnte die wachsende Überlastung in den Kliniken „abfedern“.

Thüringen, Bayern und Sachsen müssen bereits Patienten aus den eigenen Krankenhäusern in Kliniken in anderen Bundesländern verlegen. Mehr als 50 Patienten sind betroffen. Neun Bundesländer haben sich bereit erklärt, Patienten aufzunehmen. Die Bundeswehr will die Überstellung Betroffener mit Flügen unterstützen. Die Air Force hat zwei Flugzeuge für den Hilfseinsatz bereit. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa soll um 14 Uhr ein Airbus A310 MedEvac auf dem bayerischen Flughafen Memmingen landen und Schwerkranke nach Münster-Osnabrück in Nordrhein-Westfalen fliegen.

Im Rahmen des sogenannten Kleeblatt-Systems sollen Covid-19-Patienten bundesweit verteilt werden können, wenn Krankenhäuser in einzelnen Regionen vom Zusammenbruch bedroht sind.

Auch der Chef des Weltärztebundes Montgomery hatte die Bundeswehr zur Hilfe aufgefordert. Er plädierte dafür, Patienten nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch in Kliniken im EU-Ausland zu verlegen. Diese „systematische Verlegung von Covid-Patienten ins Ausland“ müsse umgehend eingeleitet werden, um deutsche Krankenhäuser zu entlasten.



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