Samstag, Mai 21, 2022
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Interview mit Erich Vad "Wir laufen Gefahr, Russland zu unterschätzen"

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Erich Vad war von Anfang an skeptisch: Der Ukraine-Krieg sei militärisch nicht zu lösen, sagt der frühere militärpolitische Berater von Altkanzlerin Angela Merkel und Ex-Brigadegeneral seit Wochen. Er fordert auch Waffenlieferungen, um eine Niederlage der Ukraine zu verhindern. Aber am Ende müsse es Verhandlungen geben, so Vad im Gespräch mit The Aktuelle News.

The Aktuelle News: Die EU stockt ihre Hilfen wieder auf. Sie will der Ukraine zusätzlich 500 Millionen Euro für Waffen und Ausrüstung zur Verfügung stellen. Wie sehr wird dieses zusätzliche Geld der Ukraine helfen?

Erich Vad: Ich finde, das ist ein riesiges Paket. Und auch damit kann die Ukraine viel anfangen.

Was macht die Ukraine mit dem Geld?

Bei Ausrüstung und Waffenbeschaffung wird der Fokus auf dem liegen, was jetzt tatsächlich operativ und militärisch benötigt wird.

Was ist das?

Das sind vor allem noch Panzerabwehr- und Flugabwehrwaffen, aber auch leicht gepanzerte Fahrzeuge für den Truppentransport. Dazu moderne Kommunikationsmittel. Und vor allem Drohnen. Wenn Sie sich jetzt die lokale Kampfsituation und die Kriegsführung der Russen und auch der Ukrainer ansehen, sehen Sie, dass dies eine Priorität ist. Und dafür braucht man viel Geld. Und dafür sorgt die EU.

Glauben Sie, dass dieses militärische Gerät dann auch beschafft werden kann?

Ja, ich denke schon. Es gibt sicherlich Länder und Hersteller, die liefern können.

Kaufen ist das eine, liefern das andere. Sind die Versorgungswege noch vorhanden?

Das ist in der Tat eine berechtigte Frage. Für die Ukraine ist neben der Beschaffung der Umzug dieses Gerätes ins Land eine Herausforderung und vor allem die Frage: Wie kommt dieses Gerät in die Ostukraine? Denn ab der slowakischen oder polnischen Grenze sind es 1000 Kilometer bis nach vorne. Sie müssen erst überbrückt werden. Die gesamte Versorgungslogistik und die Versorgungswege der Ukrainer stehen unter russischem Beschuss.

Und Luft- und Seewege …

Es gibt keine Möglichkeit, Waffen und Ausrüstung auf dem See- oder Luftweg in die Ukraine zu bringen. Dies sind Pfade, die ausgeschlossen sind. An all das muss man also denken, wenn man über moderne Waffen und moderne Ausrüstung für die Ukraine spricht.

Wie bewerten Sie die bisherigen Lieferungen aus EU-Ländern, darunter Deutschland?

Ich denke, dass die Situation in der Ukraine ohne die massiven Waffenlieferungen aus dem Westen schon vor dem Konflikt anders wäre. Vor allem die amerikanische Militärhilfe, die seit der Krim-Annexion Wirkung zeigt, hat dem Land geholfen. Ohne das hätten die Russen sicherlich schnelle militärische Erfolge erzielt.

Ohne diese Waffenlieferungen hätte die Ukraine diesen Krieg also längst verloren?

Sagen wir mal so: Zu Beginn des Konflikts konnte man noch an eine schnelle Niederlage denken, als die Russen schnell Kiew besetzen wollten. Aber das ist gescheitert. Wenn es den Ukrainern gelingt, den Krieg zu verlängern, könnten die Ukrainer am Ende die Russen besiegen. Bis dahin gilt es also, einen russischen Sieg und eine ukrainische Niederlage zu verhindern. Die Ukrainer kämpfen entschlossen, heldenhaft, jetzt besonders in der Ostukraine. Gegen eine russische Armee, die sehr langsam vorrückt. Und das auf einer Breite von 500 Kilometern mit über 100.000 Mann. Aber sie wehren sich tatsächlich sehr tapfer, und das wäre ohne die westliche Ausrüstung nicht möglich.

Werfen wir einen ganz konkreten Blick auf die militärische Situation in der Ukraine. Wie beurteilen Sie aktuell die Entwicklungen an der Front?

Wenn man die militärische Situation objektiv betrachtet, dann ist sie weit entfernt von dem, was manchmal von ukrainischer und auch von offizieller ukrainischer Seite behauptet wird – und was auch sehr oft in den Medien kolportiert wird. Operativ-militärisch haben die Russen bereits das Sagen.

Sie meinen, die russische Armee ist besser in Form, als viele denken?

Die Russen kontrollieren die städtischen Zentren am Asowschen Meer und sie kontrollieren die Schwarzmeerküste. Es ist auch eine Seeblockade im Gange. Sie haben dort die absolute Herrschaft. Ja, sie hatten Verluste unter ihren Kampfflugzeugen. Aber sie waren sehr, sehr gemäßigt im Vergleich zu der Zeit, in der dieser Krieg stattfindet.

Aber in der Ostukraine scheint die Situation sehr festgefahren?

Nun, ukrainische Kämpfer sind tatsächlich in Gefahr, in der Ostukraine eingekreist zu werden. Sie haben recht, es ist noch nicht klar, ob das gelingt. Die Russen operieren jetzt sehr langsam, umfassend und koordinierter, nicht mehr in tiefen Kolonnen wie zu Beginn des Konflikts. Aber unter dem Strich haben sie militärische Dominanz und Lufthoheit im Weltraum. Und darauf muss man mehr achten, auch wenn man an Waffenlieferungen denkt.

Präsident Selenskyj spricht in seinen Videobotschaften bereits von einer strategischen Niederlage Russlands. Es ist für jeden auf der Welt offensichtlich. Du würdest es wahrscheinlich nicht so nennen, oder?

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