Freitag, Oktober 7, 2022
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Interview mit Putin-Gegnern Den Demonstranten drohen 15 Jahre Haft

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Die Moskauer leben, als gäbe es diesen Krieg nicht, beschreibt Dmitry Glukhovsky die vergangenen sechs Monate. Es ist vorbei. Für die Russen ist die Mobilmachung ein Schock, denn jeder kennt jemanden, der jetzt an die Front muss. Was fehlt, damit die Proteste wachsen: Wut und Mut, sagt der Autor, der in seinen Büchern seit Jahren vor dem Weg in den Totalitarismus warnt. Seit Juni steht er auf der Fahndungsliste.

The Aktuelle News: Hat Sie die Mobilisierung überrascht?

Dmitry Glukhovsky: Ich war nicht überrascht, aber erschrocken. Als Putin den Krieg ankündigte, in Russland spricht man von einer Spezialoperation, hatten viele Russen Angst vor einer Generalmobilmachung. Aus dieser Angst heraus entstand die erste Abwanderungswelle, und viele meiner Freunde aus Moskau waren auch dabei. Aber dann wurde es nicht mobilisiert.

Was ist stattdessen passiert?

In den ersten sechs Monaten hatten viele Russen dieses leicht schizophrene Gefühl, dass dieser Krieg weit weg stattfindet, aber in ihrem Leben änderte sich überhaupt nichts. Die Cafés in Moskau waren voll. Ja, man hat ein bisschen mehr Polizei auf den Straßen gesehen, man hat in der Straßenbahn Werbung für den Ukraine-Einsatz gesehen, aber ansonsten hielten alle Moskau immer noch für die beste Stadt der Welt.

Bis Mittwoch?

Die Realität ist am Mittwoch endlich in dieses Leben eingedrungen, seitdem hat dieser Krieg jeden Menschen in Russland getroffen. Auch für die Moskauer gibt es das nicht mehr nur im Fernsehen, sie spüren es in ihrem eigenen Leben. Ich habe Freunde und Bekannte, die ihren Bescheid bereits erhalten haben. Sie haben dich schon vor Wochen angerufen.

Die Entscheidung zur Teilmobilmachung war also doch nicht so kurzfristig?

Die Einberufungen laufen schon seit einiger Zeit, aber die Verabschiedung des Gesetzes ging sehr schnell. Es sieht bis zu 15 Jahre Haft vor, wenn man sich weigert, eingezogen zu werden, und wer sich als ukrainischer Gefangener ergibt, wird hart bestraft – wie zu Stalins Zeiten. In der Duma, dem russischen Parlament, wurde das Gesetz am Dienstag in einem Eilverfahren einstimmig angenommen. Am nächsten Tag kündigte Putin die Generalmobilmachung an. Innerhalb eines Tages und einer Nacht verwandelte sich Russland in eine Militärdiktatur.

Was machen die jungen Männer mit ihren Einberufungsbescheiden?

An den Grenzen gibt es jetzt Schlangen. Flugtickets nach Kasachstan oder Weißrussland sind seit Wochen um jeden Preis ausverkauft. Die Burjaten leben an der Grenze zur Mongolei, sie gelten als furchtlose Kämpfer und ihre Heimat ist sehr arm. Das Militär war daher für junge Menschen in der Region schon immer eine gute Möglichkeit, Geld zu verdienen, bis zu 3.000 Euro monatlich wurden für diesen Einsatz geboten. Aber dann kamen Leichen zurück, es gab viele geheime Bestattungen, die Leute begannen zu reden und zu verstehen. Selbst unter den Burjaten, als sie noch nach ihnen suchten, fanden sich nicht genügend Freiwillige.

Und nun?

… die Burjaten versuchen über die Grenze in die Mongolei zu fliehen. Das zeigt auch, dass der Krieg in der Bevölkerung kaum Unterstützung findet.

Aber es gab auch kaum Widerstand.

In Russland herrscht Angst und die Menschen sind sehr passiv. Es ist erlernte Hilflosigkeit, wenn man nicht glaubt, im eigenen Land etwas verändern zu können. In den Familien gibt es noch Erinnerungen an Oma oder Opa, die zu Stalins Zeiten verhaftet wurden. Die Mutter warnt ihre Kinder, sich nicht zu wehren. „Du kannst nichts ändern“, sagt sie, „aber du bekommst eine Strafe.“ Allein am Mittwoch wurden 1.500 Menschen festgenommen. Diese Leute sind auch davon überzeugt, dass sie nichts ändern werden. Sie gehen das Risiko nur aus Gewissensbissen ein.

Das klingt sehr deprimierend.

Die Ukrainer werfen den Russen vor, zu feige zu sein, um sich zu wehren, während die Ukrainer für ihre Freiheit kämpfen. Aber man muss auch sehen: Die Ukrainer haben zwei erfolgreiche Revolutionen erlebt. Sie haben ein ganz anderes Selbstvertrauen, ein ganz anderes Gefühl dafür, was möglich ist. Wladimir Putin hat kein einziges Mal einen Plan geändert, auf nichts verzichtet. Einen Krieg zu verlieren, den er persönlich begonnen hat, ist für Putin inakzeptabel. Jetzt muss er also noch einmal nachlegen. Um seine Schwäche nicht zu zeigen.

Aber genau so zeigt er viel Schwäche.

In den Augen des Westens ja, aber nicht in Russland. Putins Magie basiert nicht auf Wahrheit. Es ist auf Lügen aufgebaut, es ist absolut unmöglich, es mit der Wahrheit zu kontern. Er strahlt Macht aus, und das zieht die Schwachen an. Wenn du lügst, aber trotzdem stark und mächtig wirkst, ist es den Leuten egal, ob das, was du sagst, wahr ist. Sie suchen nicht nach der Wahrheit, sie wollen der Kraftquelle nahe sein und diese Magie spüren. Aber sobald Putins Armee in der Ukraine Schwäche zeigte, begann diese Magie zu verblassen. Das kann er nicht riskieren.

Aber noch einmal: Auch in Russland muss deutlich gemacht werden, dass nur dann mobilisiert wird, wenn es notwendig ist – denn im Moment läuft es nicht rund.

Im Kreml gibt es keine Strategie, nur Taktik. Wir kümmern uns um das Problem, das wir jetzt haben. Was in den nächsten Monaten daraus folgt, wird uns in den kommenden Monaten beschäftigen.

Glauben Sie, dass sich die Proteste ausweiten werden?

Dazu müssen Sie Folgendes sehen: Es gibt überhaupt keinen organisierten Widerstand in Russland. Die Oppositionsführer sind entweder im Gefängnis oder im Ausland. Ich selbst zum Beispiel wurde schon wegen meiner kritischen Posts auf Instagram gesucht und gesucht.

Deshalb hat mir der Verlag den Ort unseres Treffens nicht per E-Mail geschickt, sondern über einen sicheren Messenger?

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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