Sonntag, November 28, 2021
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Kein Land geht hart gegen die Ungeimpften vor

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In Kenia ist nur ein Bruchteil der Bevölkerung geimpft. Trotzdem will die Regierung ungeimpften Menschen bald die Grundversorgung verweigern. Das politische Versagen ist ein wesentlicher Grund für die miserable Corona-Situation. Viele Bürger sind wütend.

VVor wenigen Tagen war es soweit: Der kenianische Rugby-Verband schloss sich der jüngsten Hardliner-Strategie der Regierung an. Die „Kenya Rugby Union“ gab bekannt, dass beim Kenia-Cup, der wichtigsten Turnierserie des Landes, die kurz vor dem Start steht, nur noch geimpfte Spieler spielen dürfen. Viele Teams erwägen nun, gar nicht erst anzutreten.

Nun gibt es solche Richtlinien im Kampf gegen das Coronavirus auch anderswo. Bei den Australian Open im Januar dürfen nur noch geimpfte Tennisprofis antreten, was den Start von Titelverteidiger Novak Djokovic fragwürdig macht. Die kenianischen Rugby-Amateure haben manchmal andere Anforderungen als die internationalen Tennisstars.

In Kenia sind nur 2,4 Millionen Menschen, rund neun Prozent der Erwachsenen, vollständig geimpft. Das ist mehr als der afrikanische Durchschnitt von rund fünf Prozent, aber nur ein Bruchteil der 30 Millionen, die sich Kenia bis Jahresende einst als Ziel gesetzt hatte. Hier spielt die Impfskepsis durch unterfinanzierte Aufklärungskampagnen eine Rolle. Aber auch Lieferengpässe, vor allem im ländlichen Raum.

Kenias Regierung will nun mit einem Brecheisen das schlechte Gleichgewicht verbessern. Vor wenigen Tagen hatte der Gesundheitsminister angekündigt, dass ungeimpfte Personen ab dem 21. Dezember ihr Recht auf staatliche Dienstleistungen verlieren, die einen direkten Kontakt mit Regierungsbeamten erfordern. Der Gang zu Behörden wird ihnen daher künftig untersagt sein, was zum Beispiel eine Passbeantragung erschweren würde. Auch das mäßig ausgebaute öffentliche Nahverkehrsnetz oder Gaststätten sollen künftig nur noch mit gültigem Impfausweis genutzt werden.

Dies sind die bisher härtesten Maßnahmen gegen Ungeimpfte in Afrika. Bisher führte diese Kategorie Simbabwe an, das eine Impfpflicht für Beamte vorsieht und den Besuch von Gottesdiensten nur mit Impfnachweis erlaubt. Uganda verlangt von allen Angehörigen der Gesundheitsberufe Impfungen.

Aber Kenia geht noch einen großen Schritt weiter, und außerhalb Afrikas gibt es nur wenige Beispiele für einen so kompromisslosen Ansatz. Mit einer Viertelmillion Infektionen und bisher rund 5.400 Todesfällen gehört das Land zu den am stärksten betroffenen auf dem Kontinent, allerdings waren die Zahlen zuletzt gering.

Das Unterfangen ist zugegebenermaßen nicht durchdacht. Die Regierung verkauft die neuen Regeln als Versuch, auf eine neue Impfkampagne zu drängen, um das Reiserisiko während der Weihnachtsferien zu minimieren. Bis dahin, so das Ziel, sollen weitere zehn Millionen Bürger geimpft werden.

Da es in Kenia bisher kaum Johnson & Johnson-Impfstoffe gibt, ist es notwendig, alle sechs Wochen zwei Impfdosen zu verabreichen; in Kenia wird überwiegend AstraZeneca eingesetzt. Nach der aktuellen Richtlinie verlieren Bürger, die nur eine Impfdosis erhalten haben, das Recht auf elementare staatliche Dienstleistungen.

Auch wenn das Gesundheitsministerium ankündigte, die Verordnung zu ändern und die Beschränkungen nach der ersten Dosis aufzuheben, hat das Verfahren enorme Kritik hervorgerufen. Noch einmal. Schon zu Beginn der Pandemie fehlten den Behörden die notwendigen Maßnahmen zur Überwachung des Lockdowns, der Polizei wurde der Tod von mindestens 15 Menschen vorgeworfen.

Das wird in Kenia nicht vergessen. „Wer wird das tun?“, besorgte Franklin Odhiambo, ein Restaurantbesitzer in der Hauptstadt Nairobi, der Nachrichtenagentur Reuters die neuen Vorschriften, „einige von uns werden sich an die Vorschriften halten, andere wahrscheinlich nicht – das schafft unlauteren Wettbewerb“.

In den Städten wurden in den letzten Monaten zahlreiche neue Impfzentren eingerichtet. Auf dem Land hingegen, wo zwei Drittel der Kenianer leben, ist der Zugang schwieriger. Die BBC zitierte eine Frau aus dem Dorf Kabartonjo, die sich über ihren Verdienstausfall beschwerte. „Ich brauche einen ganzen Tag, um zur Impfstelle zu fahren“, sagt sie, „während dieser Zeit muss ich meinen Gemüsestand schließen. Was sollen meine Kinder am Ende des Tages essen? “

Auch Menschenrechtsorganisationen sind empört über die Entscheidungen. „Dies sind Grundrechte und Grundfreiheiten, die von der Verfassung garantiert werden“, teilte Irungu Houghton, dem Direktor von Amnesty International in Kenia.

„Es sollte berücksichtigt werden, dass die meisten Länder, die den Zugang zu öffentlichen und privaten Einrichtungen einschränken, bereits 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung geimpft haben“, sagte die Menschenrechtsaktivistin. Die nun beschlossenen Maßnahmen würden Bildung, Gesundheit und Sicherheit gefährden – und „die weltweite Impf-Apartheid domestizieren“.

Die Gesellschaft wird also in solche mit Rechten und solche ohne Rechte geteilt. Für Houghton steht das Scheitern der Gesetzgebung fest: „So werden wir den Kampf gegen Covid-19 nicht gewinnen.“



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