Dienstag, Oktober 19, 2021
StartNACHRICHTENKein Land in Sicht

Kein Land in Sicht

- Anzeige -


Der erbitterte Konflikt im Süden Chiles zwischen indigenen Mapuche und dem Staat eskaliert. Es geht um Eigentum und das Gefühl, in Armut gedrängt zu werden.

Am Ende kann man nur spekulieren, ob das Datum ein unglücklicher Zufall war – oder ob es bewusst gewählt wurde: Chiles Präsident Sebastián Piñera hat an diesem Dienstag den Notstand für vier Zonen in den Regionen Bío Bío und Araucanía ausgerufen.

Es gehe darum, gegen „die schwere Störung der öffentlichen Ordnung“ in der Gegend vorzugehen, sagte Piñera, es gehe aber auch um einen Konflikt, der im Süden Chiles seit Jahrzehnten wüte: Mapuche gegen Polizisten, Indigene gegen den Staat und die Nachfahren europäischer Siedler. Eine Gewaltspirale ist längst in Gang, Forstmaschinen und Kirchen gehen in Flammen auf, Landbesitzer werden angegriffen, auf Polizeiautos geschossen. Gleichzeitig gehen Spezialeinheiten zum chilenischen Karabineros Gegen Mapuche-Aktivisten gibt es Schüsse, es gibt seit langem hoch umstrittene Festnahmen, Berichte über Folter und Tote. Erst am Sonntag starb in Chiles Hauptstadt Santiago ein Student, als Polizisten gegen eine Mapuche-Demonstration vorgingen.

So nun auch die Ausrufung des Ausnahmezustands: Er habe die Entsendung von Soldaten angeordnet, erklärte Präsident Piñera am 12. Oktober, dem Tag, an dem Amerikas sogenannter Entdeckung des Kontinents durch Kolumbus gedacht wird.

Es ist jedoch ein Tag der Trauer, insbesondere für indigene Gemeinschaften, denn für sie markiert er den Beginn einer jahrhundertelangen Verfolgung und Unterdrückung. Die Mapuche in Chile und Argentinien gehörten zu den Völkern, die den Eindringlingen aus Europa am längsten und erfolgreichsten Widerstand leisteten. 1641 waren die Spanier sogar gezwungen, die Autonomie der Mapuche offiziell anzuerkennen, ein in Amerika einzigartiger Erfolg.

Erst nach der Unabhängigkeit im 19. Jahrhundert gelang es dem neu geschaffenen chilenischen Staat, die Mapuche mit modern ausgerüsteten Truppen und dem unbedingten Willen, die riesigen Gebiete im Süden nutzbar zu machen, zu unterwerfen. Nach dieser sogenannten „Befriedung Araukariens“ wurden die Mapuche in Reservate zurückgedrängt und Millionen Hektar Land an Großgrundbesitzer und Siedler, darunter viele Deutsche, gegeben. Sie verwandelten die Gebiete in fruchtbare Landschaften, Rinder und Schafe grasen auf grünen Weiden, Pappeln und Eukalyptus wachsen in riesigen Wäldern für die boomende Holzindustrie.

Die Mapuche hingegen leben meist in Armut. Sie machen rund zehn Prozent der chilenischen Bevölkerung aus, sind aber in Wirtschaft und Politik stark unterrepräsentiert. Unter der blutigen Militärdiktatur, die Chile von 1973 bis 1990 regierte, wurden Aktivisten verfolgt und inhaftiert. Erst nach der Rückkehr zur Demokratie flammten die Forderungen nach Autonomie und Landrückgabe wieder auf.

Eine Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht; stattdessen nimmt die Gewalt seit mehreren Jahren zu. Die Situation wird immer unübersichtlicher; An den Zusammenstößen seien seit langem Drogenbanden beteiligt, sagen Behörden und Politiker. Die Mapuche hingegen beklagen die Unterwanderung ihrer Proteste durch die Polizei, Folter und Mord.

Die Mapuche-Frage spaltet die Bevölkerung: Während der sozialen Proteste, die Chile seit Jahren immer wieder erschüttern, wehen ständig Mapuche-Fahnen. Gleichzeitig gibt es viele Chilenen, die den Forderungen der Mapuche kritisch gegenüberstehen und kein Verständnis für Landbesetzung, Brandstiftung und Gewalt haben.

Dass Präsident Piñera an jenem denkwürdigen 12. Oktober in Teilen der Konfliktregion den Ausnahmezustand verhängt hat, liegt nicht nur an der zunehmenden Gewalt: Piñera ist in den vergangenen Tagen, wohl nach der sogenannten Pandora ., stark unter Druck geraten Papiere unfaire Transaktionen wurden während seiner Amtszeit öffentlich. Der Generalstaatsanwalt ermittelt, dass es Proteste gibt und Präsident Piñera jede erdenkliche Unterstützung braucht, um zu den nächsten Wahlen zu kommen.

Sie finden Mitte November statt und die Umfragen werden derzeit von Gabriel Boric geleitet, einem ehemaligen Studentenführer mit dickem Bart und linken Ideen. Gleichzeitig läuft ein weiterer politischer Prozess: Vor wenigen Wochen hat eine verfassungsgebende Versammlung ihre Arbeit aufgenommen, angeführt von Elisa Loncón, Hochschullehrerin und Mapuche-Aktivistin. Loncón kritisierte die Ausrufung des Ausnahmezustands scharf: Was die Menschen wirklich brauchen, seien politische und wirtschaftliche Lösungen, um die Armut vieler Mapuche zu überwinden.

ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare