Donnerstag, Juni 23, 2022
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Klimaschutz mit Budgetansatz "Entwicklungsländer werden damit reich"

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Ernst Ulrich von Weizsäcker nennt auf Klimakonferenzen drei unterschiedliche Gruppen: Länder wie Deutschland, die Niederlande oder Schweden, die es mit dem Klimaschutz ernst meinen. Länder wie China und Japan, die sich ebenfalls schon länger dafür interessieren. Und eine große Gruppe, die sagt: „Macht ihr Klimaschutz, wenn euch das so wichtig ist. Wir wollen den Hunger besiegen.“ Im ntv „Klimalabor“ stellt der Physiker, Politiker und ehemalige Co-Präsident des Club of Rome ein Konzept vor, mit dem er aus dieser Sackgasse herauskommen will: den Budgetansatz. Er ist überzeugt, dass sich daran nicht nur die wohlhabenden Länder des globalen Nordens beteiligen würden, sondern auch die pazifischen Inseln, Ägypten, Bangladesch und Costa Rica. Wieso den? „Weil sie erkennen, dass Klimaschutz sie reich macht.“

The Aktuelle News: Sie waren von 2012 bis 2018 Co-Präsident des Club of Rome. Vor 50 Jahren hat er erstmals vor den Grenzen des ökologischen Wachstums gewarnt. Seitdem haben Wissenschaftler immer wieder darauf hingewiesen, dass unsere natürlichen Ressourcen endlich sind und der Planet leidet. Scheinbar erfolglos. Brauchen wir eine neue Klimabotschaft?

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Auf jeden Fall. Aber der Club of Rome hatte vor 50 Jahren das Klimathema noch gar nicht auf dem Schirm. Das kam erst Mitte der 1980er Jahre, 15 Jahre später. Tatsächlich war die Botschaft von 1972, dass Bodenschätze wie Öl, Gas und Kupfer, Mangan usw. in 50 oder 100 Jahren erschöpft sein werden. Das ist Unsinn, das ist nie passiert, auch wenn es Engpässe gibt. Das Problem für einen kleinen, endlichen Planeten ist die unablässige Ausbeutung seiner Ressourcen. Das ist idiotisch. Aber dass es in etwa 85 Jahren keine mehr geben wird, ist völliger Unsinn.

Aber war das das, was Sie damals dachten?

Das dachte sich der Club of Rome. Das war der große Wirbel in den 70er Jahren. Dann haben die Ölländer die Ölkrise ausgelöst und alle dachten: Der Club of Rome hat Recht, jetzt kommen die Erpresser. Aber das hat sich positiv ausgewirkt. Plötzlich entdeckte die Welt und nicht zuletzt Deutschland, dass es Solarenergie gibt. Daran hatte noch niemand gedacht.

Sie haben plötzlich nach Alternativen gesucht?

Recht. Bereits 1977 wurde Solarenergie extrem günstig. Der zweite große Reduktionsschritt war das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Aber das ist wieder konstruktiver Klimaschutz.

Wenn man damals herausgefunden hat, dass man die Energie der Sonne nutzen kann, ist dann im Nachhinein nicht vieles schief gelaufen? Immerhin hat Deutschland vor 20 Jahren die Solarenergie salonfähig gemacht, aber dann ist die gesamte Industrie nach China abgewandert und jetzt suchen wir händeringend nach Solaranlagen, die wir aufstellen können.

Das stimmt nicht ganz. Im Jahr 2000, als wir das EEG verabschiedet haben – ich war Bundestagsabgeordneter – war Solarenergie wahnsinnig teuer. Eine Kilowattstunde kostet zwei D-Mark, also einen Euro. Alle mit wirtschaftlichem Verstand sagten: Das ist viel zu teuer! Aber mein Freund Hermann Scheer hatte eine geniale Idee: Es wird schnell günstiger, wenn wir eine kostendeckende Gebühr anbieten. Das hat sich bewahrheitet. Heute kostet Solarstrom in Deutschland fünf Cent pro Kilowattstunde. Eine gigantische Leistung. Dass die industrielle Produktion, die Massenproduktion von Solarzellen, nach China abgewandert ist, spielt für die Solarisierung keine Rolle. Andererseits. Es ist gut für Deutschland, dass wir billige Zellen aus China kaufen können.

Aber wir diskutieren darüber, ob die Betriebszeiten von Atomkraftwerken verlängert werden müssen, weil der Strom nicht ausreicht.

Das liegt am russischen Gas, das hat nichts mit Solarenergie zu tun. Außerdem ist die Vorstellung, dass sich ein Land mit kalten Wintern, viel Regen und so weiter energetisch allein aus Sonnenenergie ernähren kann, Unsinn. Es wäre sinnvoll, die Saudis und die Algerier davon zu überzeugen, uns grünen Wasserstoff statt Öl zu verkaufen. Das wäre intelligente Energiepolitik. Ich habe nichts dagegen, dass wir erneuerbare Energien wieder aufbauen. Aber so zu tun, als sei die Autarkie nach der Ukraine-Krise plötzlich das Hauptthema der politischen Diskussion, ist Unsinn. Natürlich brauchen wir immer noch den Welthandel.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck war gerade in den von Ihnen genannten Ländern, um neue Energiepartnerschaften aufzubauen. Ist das der richtige Weg, auch wenn neue Abhängigkeiten entstehen können?

Das ist Teil des richtigen Weges. Früher waren wir vom Öl abhängig, aber diese Abhängigkeit hat auch nicht zugenommen. Aber wenn etwas Neues kommt, ist das erste, was zu tun ist, zu jammern.

Oder hinterfragt, man könnte es auch so nennen. Denn wir merken gerade, dass ein gewisses Maß an Autarkie bzw. Autarkie wichtig für die Stabilität ist.

Hinterfragen ist okay. Auch eine gewisse Autarkie tut gut, vor allem technologisch. Übrigens sind wir in diesem Bereich besser als die Chinesen. Und wenn wir in Sachen grüner Wasserstoff so etwas wie Weltmeister werden, ist das viel wichtiger als eine flächendeckende Solarindustrie. Solarenergie bis in Harz und Schwarzwald? Das ist Unsinn.

Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Wir müssen unsere Klimabotschaft ändern. Wie soll der neue Name lauten?

Kommen wir nun zur Klimaaußenpolitik. Auf den jährlichen Klimakonferenzen sieht man, dass Länder wie Deutschland, die Niederlande, England, Schweden, Italien, Spanien und zunehmend auch China und Japan ernsthaft am Klimaschutz interessiert sind. Aber drei Viertel der Welt, die sogenannten G77-Staaten, sagen: Wir haben andere Sorgen. Betreibst du Klimaschutz, wenn dir das so wichtig ist? Wir wollen den Hunger überwinden.

Mit Überzeugungskraft und moralischem Zeigefinger wird sich kaum etwas ändern. Wenn es uns ernst damit ist, die Erderwärmung zu stoppen, müssen wir Klimaaußenpolitik betreiben. Deutschland ist für zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Es reicht nicht aus, ihn auf anderthalb oder ein halbes Prozent zu reduzieren. Das wäre toll, aber die anderen 98 Prozent sind den Wettergöttern viel wichtiger.

Und wie soll diese Klimaaußenpolitik aussehen?

Wir müssen einen Club gründen, in dem der reiche Norden und der ärmere Süden ein gemeinsames Ziel haben. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“ hat dazu bereits 2009 einen genialen Vorschlag gemacht: das Budgetprinzip. Sie kalkulieren, wie groß das Budget für die Verschmutzung durch CO2 und Co. ist. Alle Länder erhalten einen gleichen Pro-Kopf-Anteil am Welthaushalt. In Deutschland, England, Italien, Frankreich oder Polen stellt man dann mit Sorge fest, dass das Budget schon aufgegessen ist. Wir müssten also in Länder wie Indien, Paraguay oder Kamerun gehen und sagen: Haben Sie noch ein paar CO2-Lizenzen, die wir kaufen können?

Eine Art Emissionshandel?

Ja. Aber nicht die hochproblematische Sorte, für die die deutsche Industrie zunächst Zertifikate erhält. Nein, wir haben kein Budget mehr und müssen Lizenzen kaufen. Dann stellt sich ein verhandelbarer Marktwert ein, und der indische Wirtschaftsminister, der viele neue Kohlekraftwerke plant, könnte stattdessen erneuerbare Energien ausbauen.

Indien ist unglaublich von Hitze und Klimawandel betroffen.

Trotzdem baut Indien neue Kohlekraftwerke, um Klimaanlagen betreiben zu können. Das ist das eigentliche Problem, das müssen wir ändern. Dieser Budgetansatz ist dafür genau das richtige Instrument.

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