Freitag, Juni 24, 2022
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Kreuzfahrtwerft baut U-Boote – ein Vorbild für die Branche?

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Der Rüstungskonzern TKMS kauft das Gelände der insolventen MV-Werften in Wismar, um Aufträge der Marine schneller abwickeln zu können. Wird die Bundeswehr den deutschen Schiffbau retten?

Der Rüstungskonzern Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS), eine Tochtergesellschaft von Thyssenkrupp, übernimmt die Werft der insolventen MV Werften Gruppe in Wismar. Das gab das Unternehmen heute offiziell bekannt. Der Kaufpreis wurde nicht genannt. Der Schiffbau in Mecklenburg-Vorpommern sei damit „langfristig und dauerhaft gesichert“, sagte Insolvenzverwalter Christoph Morgen.

„Wir kommen nach Wismar, um Marine Systems, aber auch dem Standort und den Menschen hier eine echte Perspektive zu geben“, sagt der Geschäftsführer der TKMS, Oliver Burkhard. Das Unternehmen will ab 2024 U-Boote auf der Ostsee bauen, später möglicherweise auch Korvetten und Fregatten. Seit 2016 wurde in Wismar auf großen Kreuzfahrtschiffen gearbeitet.

Je nach Auftragslage werden zunächst 800 Mitarbeiter beschäftigt. Die Mitarbeiterzahl könne mittelfristig auf 1.500 steigen, hieß es. Das Land will nun eine Transfergesellschaft für die derzeit rund 1470 Mitarbeiter bis Herbst verlängern. Bis zu 2000 Menschen hatten zuvor auf der Werft gearbeitet.

Die Rettung der Werft in Wismar gilt als Hoffnungszeichen für die schwer angeschlagene Branche. Denn anders als viele Reedereien, die nach der Corona-Krise von einem weltweiten Boom in der Containerschifffahrt profitierten, steckt der deutsche Schiffbau in einer tiefen Krise. „Die Corona-Pandemie war ein schwerer Schlag für die Branche“, sagt Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). Theaktuellenews.com.

Denn Corona hat das bisherige Geschäftsmodell erschüttert. Lukrative Nischen haben deutsche Werften bisher im Geschäft mit Fähren, Luxusyachten und Kreuzfahrtschiffen gefunden. Aber vor allem die Aufträge für moderne Kreuzfahrtschiffe, die früher oft in Deutschland gefertigt wurden, brachen weg.

Laut Lüken ist der Markt für Kreuzfahrtschiffe eingebrochen. Die Kreuzfahrtindustrie verlor in den Pandemiejahren rund 50 Milliarden Dollar. Das muss erst eingefahren werden, um über neue Aufträge nachdenken zu können. „Es wird mindestens zwei bis drei Jahre dauern, bis wir in größerem Umfang mit neuen Aufträgen rechnen können“, sagte der Verbandschef.

Im Schiffbau landen Aufträge und Neuaufträge mittlerweile hauptsächlich in Asien. Der VSM stellt in seinem Jahresbericht fest, dass der weltweite Schiffbau im Jahr 2021 insgesamt von einem starken Anstieg der Neubauaufträge geprägt war. Demnach wurden bei den Werften zivile Seeschiffe im Wert von 110 Milliarden Dollar in Auftrag gegeben.

Doch Deutschland gehört zu den Verlierern, denn rund 85 Prozent aller Bestellungen gingen nach China und Südkorea, weitere rund zehn Prozent nach Japan. Nach zwei schwachen Jahren habe Europa beim Auftragseingang erneut an Boden verloren, sagte der VSM-Geschäftsführer bei der Vorlage des Geschäftsberichts im Mai.

Der Verband klagt seit langem über unlauteren Wettbewerb. „Das Hauptproblem für deutsche Werften ist ein völlig verzerrter Weltmarkt. Staaten wie China und Südkorea unterstützen ihre Werften mit Subventionen in Milliardenhöhe. Dagegen können private Unternehmen nichts tun“, sagt Lüken. Die Preise der asiatischen Werften sind nicht kostendeckend.

Die MV-Werften hatten im Januar Insolvenz angemeldet, nachdem dem Eigentümer – der asiatischen Genting-Gruppe – aufgrund der Krise im weltweiten Kreuzfahrttourismus das Geld ausgegangen war. Nun sieht der Rüstungskonzern TKMS durch die massive Aufstockung des deutschen Militärbudgets wegen des Ukraine-Krieges neue Chancen.

Schon bevor Russland das Land angriff, habe TKMS volle Auftragsbücher gehabt, sagte CEO Burkhard. Durch den Krieg war die Nachfrage stark gestiegen. Die Insolvenz der MV Werften war Anlass, die Kapazitäten zu erweitern – um Aufträge schneller bearbeiten zu können. „Damit ist Wismar ein wichtiger Standort in unserem Netzwerk.“

Können auch andere Werftstandorte auf das Rüstungsgeschäft hoffen? Ein starker Investor sei positiv für die MV Werften, sagte Verbandschef Lüken. „Wir haben einen enormen Investitionsstau bei der Deutschen Marine, und es ist gut, dass er jetzt angegangen wird. Aber der deutsche Schiffbau muss auch die zivile Seite weiterentwickeln.“

Auch anderswo gibt es viel Arbeit für den deutschen Schiffbau – etwa mit Spezialfahrzeugen, die Offshore für Windkraftanlagen eingesetzt werden. „Und das ist nur ein Beispiel“, sagte Lüken. „Wir dürfen uns nicht von China abhängig machen. Die Frage ist, welche strategischen Fähigkeiten wir in Europa und Deutschland sicherstellen wollen. Und der Schiffbau gehört sicherlich dazu.“

In Wismar bleibt jedoch unklar, was mit dem Erbe aus der Zeit des Kreuzfahrtschiffbaus geschehen wird: In der fast 400 Meter langen Dockhalle der MV-Werft – einer der größten Europas – liegt noch immer das Schiff „Global One“. dreiviertel abgeschlossen. Ursprünglich wollte der Genting-Konzern mit dem Ozeandampfer für 9.000 Passagiere chinesische Kunden anlocken. Einen Käufer für das Schiff hat der Insolvenzverwalter noch nicht gefunden.



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