Donnerstag, Januar 27, 2022
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Krieg im Jemen: Baumfällung als letztes Mittel

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Aufgrund des Energiemangels müssen die Menschen im Jemen einfallsreich sein: Ein Bäcker aus Sana’a fährt in die Berge und schlägt dort Brennholz. Unterdessen verpasst sich die Kriegspartei Saudi-Arabien einen grünen Anstrich.

Bilal Ash-Sharaabi ist eigentlich Bäcker. Doch nun ist er aus der Not auch Holzfäller geworden. Seit mehr als einem Jahr gilt für ihn die Regel: Ohne Holz kein Feuer – und ohne Feuer kein Brot. Ash-Sharaabi’s Bakery befindet sich im Zentrum von Sanaa, der Hauptstadt des Jemen. Das Innere erinnert ein wenig an eine neapolitanische Pizzeria. Seine Mitarbeiter diskutieren lautstark und holen im Sekundentakt pizzagroße Fladenbrote aus dem Steinofen.

Diesen Steinofen haben sie jahrelang mit Gas betrieben. Aber an Benzin zu kommen, ist für die Menschen in der Hauptstadt inzwischen fast unmöglich. Im Land wird zu wenig Gas gefördert und Gasimporte aus dem Ausland werden durch das von Saudi-Arabien geführte Kriegsbündnis blockiert. „Wegen des Krieges bekommen wir kein Gas, auch nicht zum Backen. Also muss ich in den umliegenden Tälern nach Holz suchen“, klagt Ash-Sharaabi.

Er macht sich mit einem Kleintransporter auf den Weg ins Al-Haymah-Tal. Die Fahrt ist beschwerlich: Sie führt über die kargen Berge und dauert drei Stunden. Im Tal angekommen trifft er auf ein gutes Dutzend Männer. Sie alle sind hier, um Holz zu sammeln und es in Sana’a zu verwenden oder zu verkaufen. Sie alle müssen ihre Familien ernähren.

In kaum einem anderen Land hungern die Menschen so stark wie im Jemen. Seit sieben Jahren tobt im ärmsten arabischen Land Krieg. Kaum einer der 30 Millionen Einwohner, der nicht einen Angehörigen oder Freund verloren hat.

Mindestens 150.000 Menschen starben in diesem Krieg – rechnet man indirekte Kriegsfolgen wie Hunger oder fehlenden Zugang zu medizinischer Versorgung hinzu, sind es nach Angaben der Vereinten Nationen vermutlich doppelt so viele. 80 Prozent der Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, rund 400.000 Kinder sind unterernährt.

Die Konfliktparteien bekämpfen sich weiterhin erbarmungslos. Auf der einen Seite stehen die aufständischen Houthis, die weite Teile des Nordens einschließlich der Hauptstadt kontrollieren und über rund 20 Millionen Jemeniten herrschen. Auf der anderen Seite die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition, die mit Kriegsschiffen Schiffsladungen mit Nahrungsmitteln, Medikamenten, Öl und Gas das Anlegen im Hafen von Hodeidah erschwert.

Mitte Dezember bombardierten sie auch den Flughafen von Sanaa, nun ist der Flugverkehr zumindest für UN-Hilfslieferungen wieder geöffnet. Neben den Houthis und der Militärkoalition gibt es weitere, kleinere Kriegsparteien: den von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützten Southern Transitional Council, Truppen des Neffen von Ex-Präsident Saleh und dschihadistische Gruppen wie al-Qaida und die „Islamischer Staat“.

In den letzten Tagen wurde vor allem im Zentrum des Landes um die Stadt Marib gekämpft. Ein strategisch wichtiger Standort mit großen Öl- und Gasfeldern in der Nähe. Hunderte Kämpfer starben bei den Kämpfen.

Die Houthi waren schon lange auf dem Vormarsch, aber Anfang der Woche meldeten Truppen mit Unterstützung der Emirate und Saudi-Arabiens einen Erfolg südöstlich der Stadt: die Rückeroberung der ölreichen Provinz Shabwa. Wer in der Mitte des Landes mittelfristig die Oberhand gewinnen wird, bleibt abzuwarten.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman ist der Drahtzieher hinter der Militärkoalition, die ausländische Gasimporte in den Jemen blockiert. Er macht gerne große Ankündigungen, deshalb versprach er 2015 einen „schnellen Sieg im Jemen“.

Letztes Jahr kündigte er Pläne an, im Nahen Osten 50 Milliarden Bäume zu pflanzen, um die CO2-Emissionen zu reduzieren und die Umwelt zu schützen. Dass die von ihm maßgeblich beeinflusste saudische Außenpolitik nun indirekt die Jemeniten zum Fällen von Bäumen zwingt, fügt dem brutalen Krieg eine weitere absurde Note hinzu.

Derweil hat Bäcker Ash-Sharaabi im Al-Haymeh-Tal seine Kettensäge ausgepackt. Er hat sich eine schöne Akazie ausgesucht, fällt sie und legt die dünnen und dicken Äste auf die Ladefläche seines Lieferwagens.

Mit dem Holz, das er aus dem Tal geerntet hat, ist er jedenfalls zufrieden: Rund eine Woche lang können seine Mitarbeiter damit ein Feuer im Steinofen entfachen. Erschöpft macht er sich auf den Heimweg, drei Stunden zurück über die Berge. „Das kostet viel Kraft und Zeit“, sagt er. „Und das alles für ein bisschen Holz.“



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