Samstag, September 24, 2022
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Kühnert löscht den Twitter-Account – ein großer Fehler

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Kevin Kühnert hat seinen Twitter-Account deaktiviert. Aus menschlicher Sicht der einzig richtige Schritt. Und immer noch ein großer Fehler.

„Etwas ist schief gelaufen“ – wer heute den Twitter-Account von Kevin Kühnert besucht, wird dort diese nüchterne Information lesen. Die Tweets des Generalsekretärs der SPD sind verschwunden. Sowie ihr Twitter-Schöpfer. Kühnert, der sich gestern zu den Waffenlieferungen an die Ukraine geäußert hatte und daraufhin heftig kritisiert wurde, hat – zumindest vorübergehend – abgesagt.

„Beseitige dich selbst!“ ist eine der wenigen freundlichen Anfragen an Andersdenkende, die in sozialen Netzwerken zu finden sind. Der Umgangston vor allem auf Twitter und Facebook ist brutal und der Umgang mit dem Gegenüber oft menschenverachtend. Dort heftig kritisiert zu werden, fühlt sich jetzt wie eine echte Kuschelfahrt an.

Auf Twitter wird oft nicht massiv kritisiert, sondern gehasst und verfolgt. Menschen – überraschend oft unter ihrem richtigen Namen, die Hemmschwelle ist aufgrund der Menge so tief gesunken – lassen sich von Behauptungen hinreißen, für die sie in der realen Welt sofort sanktioniert würden. Durch Gesprächsunterbrechung, Kontaktabbruch, Hausverbot oder Bußgeld wegen Beleidigung.

Der Mensch Kevin Kühnert hat im Sinne des Selbstschutzes eine gesunde und völlig nachvollziehbare Entscheidung getroffen. Wer bleibt freiwillig länger als nötig im Schützengraben?

Twitter in Deutschland ist ohne Zweifel. Der Anteil regelmäßiger Nutzer liegt hierzulande traditionell unter fünf Prozent. Nun könnte man argumentieren, dass es eigentlich völlig egal ist, ob Kevin Kühnert mitmacht oder nicht. Dies ist jedoch an dem Tag, an dem der Mörder von Idar-Oberstein zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, schwer durchzuhalten. Auch der Mann, der einen jungen Tankstellenangestellten erschoss, nachdem er aufgefordert worden war, eine Maske zu tragen, hatte sich im Internet radikalisiert.

Und zweitens ist es eine schlechte Idee, sich aus einem Netzwerk zurückzuziehen, an dem nicht viele Menschen aktiv teilnehmen, dessen Auswirkungen jedoch gefährlich sein können. Politiker haben ein Vorbild.

Kühnert ist nicht allein und keineswegs der erste Politiker, der an Social-Networking-Praktiken scheitert, die mit vielen Grundwerten unserer Gesellschaft nicht vereinbar sind.

Robert Habeck, damals noch Chef der Grünen, habe Twitter Anfang 2019 verlassen. Der polarisierende Ton dort, der Eskalationszwang sei ausradiert, schrieb Habeck in seinem Blog. Was er dort auch sehr offen erwähnte, aber nicht als Hauptgrund für seinen Abgang auf die Bühne öffentlich herausstellte: Er hatte zwei Bundesländern durch waghalsige Formulierungen praktisch abgesprochen, dass sie demokratisch seien.

Auch Bodo Ramelow galoppierte. Während der Hochkronenphase plauderte der linke Ministerpräsident Thüringens auf der (inzwischen vergessenen) Plattform „Clubhouse“ fast Kopf an Kopf:

Er habe auf den damals regelmäßig stattfindenden Ministerpräsidentenkonferenzen „Candy Crush“ gespielt, erzählte Ramelow Tausenden zufriedenen Zuhörern, nannte die Kanzlerin „das Merkelchen“ – und reagierte empört, als seine Äußerungen den Weg in die Außenmedien fanden das Clubhaus. Eigentlich lustig, aber gruselig in seiner Naivität im Umgang mit Social Media.

Dass soziale Netzwerke so sind, wie sie sind, ist das Ergebnis politischen Handelns. Oder: nicht politisches Handeln. Dass Kühnert Twitter verlässt, ist die Folge dieser seit Jahren zu beobachtenden Arbeitsverweigerung.

Auf seinem inzwischen deaktivierten Account steht ein zweiter Satz: „try again“. Guter Rat, sowohl für Kühnerts persönliches Engagement auf Twitter als auch für die Politik insgesamt. Hassreden und Hass müssen endlich beendet und die Tech-Giganten hinter den Plattformen zur Rechenschaft gezogen werden.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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