Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Lauterbach und das Twitter-Ministeramt wollen Karl, aber will die SPD ihn auch?

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Karl Lauterbach hat sich in der Pandemie viel Respekt verdient. Seine medizinische Expertise könnte ihn zum Ampel-Gesundheitsminister machen. Aber es gibt auch Punkte, die gegen ihn sprechen.

#wirwollenKarl – Twitter-Nutzer sind nie um einfache Slogans verlegen. Und Karl Lauterbach, der hier gemeint ist, ist irgendwie Teil von Twitter, ein „SPD-Bundestagsabgeordneter, der noch selbst twittert“, wie er in sein Profil schreibt. Lauterbach postet täglich Einträge zu den neuesten Corona-Studien aus aller Welt, zur Pandemie-Situation, zu Prognosen und Modellen – und erhält dafür viel Aufmerksamkeit.

In den vergangenen mehr als 20 Monaten hat sich der Epidemiologe und Gesundheitsökonom parteiübergreifend viel Respekt erarbeitet. In unzähligen Interviews, Artikeln und Statements wurde er zu einem der wichtigsten Erklärer von Pandemien in Deutschland und lag mit seinen Vorhersagen übrigens weitestgehend richtig. Er engagierte sich auch und arbeitete als Impfarzt. Er äußerte seine Meinung, trotz unsachlicher Kritik und Bosheit, trotz Hass und Drohungen gegen sich selbst, obwohl er nun Polizeischutz braucht.

Ein Teil der Twitter-Community bedankt sich bei ihm: Sie wollen Karl als Gesundheitsminister der Ampel-Koalition. Doch was die Twitter-Blase will, wird selten wahr. Auch wenn es logisch erscheint: Das Gesundheitsamt wird laut dem gestern vorgelegten Koalitionsvertrag von der SPD besetzt. Und Lauterbach ist derzeit der bekannteste Gesundheitsexperte der Partei, der er seit 2001 angehört (erst CDU-Mitglied, inzwischen aber „100-prozentiger Sozialdemokrat“).

Er ist selbst nicht abgeneigt, auch wenn er es zuletzt vorsichtiger formuliert hat als noch vor einigen Monaten. „Ich bin schon lange in diesem Bereich tätig, daher wäre es eine Überraschung, wenn ich das grundsätzlich nicht wollte“, sagte er am Mittwochabend gegenüber RTL Direkt. „Aber es gibt andere, die es können, hier geht es nicht um mich“, fügte er hinzu.

Aus Gründen der Parität und Verhältnismäßigkeit, aus Gründen innerhalb der Partei und vielleicht auch aus persönlichen Gründen ist die Sache also noch lange nicht angekratzt.

Erst Anfang Dezember, auf dem Parteitag, will die SPD ihren Ministernamen bekannt geben – gerade im Gesundheitsamt wird wertvolle Zeit vergeudet, in der der künftige Amtsinhaber mit dem amtierenden Ressortchef Jens Spahn über die Pandemie diskutieren könnte . Zudem muss der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz sein Paritätsversprechen bei der Amtsvergabe einhalten, nämlich die gleiche Anzahl von Männern und Frauen.

Die FDP hält sich nicht daran und wird voraussichtlich drei Männer und eine Frau an den Kabinettstisch schicken. Auch hier dürften die Frauen unter den fünf grünen Ministern überwiegen, aber das reicht nicht. Letztendlich liegt es an den Sozialdemokraten, die Dinge auszugleichen – weshalb am Ende mehr Frauen Ministerpräsidentinnen werden könnten. Für einen Mann wie Lauterbach sind die Chancen geringer.

Hinzu kommt das Verhältniswahlrecht, also die Beteiligung möglichst vieler Gruppen und Interessengruppen der Partei. Lauterbachs Landesverband Nordrhein-Westfalen ist mit Ministerin Svenja Schulze und Fraktionschef Rolf Mützenich bereits in der ersten Reihe der SPD vertreten. Beide könnten auch in der neuen Regierung sitzen – das Gesundheitsamt wird dann eher zu einem anderen Landesverband gehen.

Für Lauterbach als Minister gibt es natürlich gute Gründe: Schon vor der Pandemie war der 58-Jährige ein versierter Gesundheitsexperte. Der Ausbruch des Coronavirus machte ihn dank seiner Kenntnisse als Epidemiologe auch außerhalb der Fachwelt bekannt. Ein solcher Spezialist ist derzeit Gold wert – und würde helfen, einige Fehler zu vermeiden. Aber ein Ministeramt basiert nicht nur auf Fachwissen. Ist Lauterbach, der einst zum Kompetenzteam von Peer Steinbrück gehörte, aber nie in der Geschäftsführung tätig war, damit auch organisatorisch zurechtgekommen? Und hat er genug Unterstützung in seiner eigenen Partei, in seiner eigenen Fraktion?

Lauterbach ist dort nicht unbeliebt, er ist gesellig und hat Humor. Er kann sich sogar über sich selbst lustig machen, wie in einem Video mit Carolin Kebekus. Aber er gilt auch als stur und berauschend. „Karl las eine Studie“ ist in der Gruppe ein Begriff, seit er dort stellvertretender Vorsitzender war. Immer wieder soll er in Fraktionssitzungen aus wissenschaftlichen Arbeiten zitiert haben, nicht nur aus dem Gesundheitsbereich, heißt es in Fraktionen. Seitdem wird er von manchen als Nerd angesehen.

Lauterbach ist durch und durch Wissenschaftler, fast schon ein Nerd. Obwohl er promoviert und approbierter Arzt ist, verbrachte er den Großteil seines Berufslebens an Universitäten und Instituten, bevor er 2005 in den Bundestag einzog. Während der Pandemie liest er bei einem Glas Wein bis spät in die Nacht Studien zum Coronavirus, dann teilt, bewertet und kommentiert sie auf Twitter.

Lauterbach war in den letzten Monaten häufig in den Medien vertreten, in Interviews und Talkshows. Die Omnipräsenz kommt nicht nur bei Fraktionskollegen gut an, zumal Lauterbach die Partei gesundheitspolitisch nicht offiziell vertritt. Er gilt nicht als Teammensch. Netze spinnen, Fäden ziehen – das sind nicht die Stärken von Lauterbach. Aber als Chef eines großen Hauses wird dies gerade während einer Pandemie dringend benötigt.

Scholz wolle sich in den kommenden Tagen „sehr intensiv an die Arbeit machen, um eine hervorragende Besetzung in den sozialdemokratischen Ressorts herbeizuführen“, wie er am Mittwoch sagte. Denkt er an Lauterbach? Dies gilt trotz aller Kompetenz als unwahrscheinlich. Getauscht werden eher die sächsische Sozialministerin Petra Köpping, mit der die DDR-SPD-Vereine bedient werden könnten, und Sabine Dittmar, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion aus Bayern. Letzterer ist auch Mitglied des Gesundheitsausschusses des Bundestages; sie ist Ärztin mit praktischer Erfahrung. Lauterbach könnte dann noch parlamentarischer Staatssekretär des Ministers werden. Oder übernehmen Sie eine Rolle im geplanten Krisenstab. Und Twitter bleibt trotzdem bei ihm. Sie wollen Karl dort haben.



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