Freitag, Juni 24, 2022
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Leben im besetzten Mariupol: Kaum sauberes Wasser, Arbeit für Essen

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Mariupol ist seit Wochen unter russischer Kontrolle. Staatliche Medien inszenieren das normale Leben in der Hafenstadt – wer Kontakt zur Stadt hat, hört hingegen von Not, Angst und Seuchengefahr.

Eine ältere Frau dreht den Wasserhahn auf und füllt eine staubige Plastikflasche. Die Reporterin des russischen Staatssenders Perwyj Kanal fragt aus dem Off, ob sie froh sei, dass es wieder Leitungswasser gebe. „Natürlich ist es eine große Freude und körperlich eine große Hilfe für uns“, sagt sie in die Kamera. Dann bedankten sich andere Anwohner: Sie müssen keine Kanister mehr schleppen. Als nächstes – an der Brotausgabe – lächelt eine Frau und umarmt zwei Brote. Eine andere soll zeigen, wie das Licht in ihrer Wohnung angeht, wenn sie einen Lichtschalter drückt.

In einer einst modernen, gut ausgebauten Stadt sollen sich ihre Bewohner nun über die elementarsten Dinge für das russische Fernsehen freuen. Ziel ist es, die Rückkehr des Alltags nach Mariupol zu zeigen. Eine seltsame Normalität inmitten von Trümmern. Denn die Schattenseiten bleiben den Zuschauern in Russland verborgen.

Die Ukrainer kennen sie nur zu gut: Eine verifizierte Aufnahme aus der Stadt zeigt Wasser, das durch Einschusslöcher in einem Rohr auf die Straße strömt. „Sie füllen das Wasser hinein, aber das Rohr ist wie ein Sieb. Das Wasser erreicht die Häuser einfach nicht. Es überschwemmt die Straßen. Die Stadt ist jetzt eine Art Venedig.“ erzählt Alya. Sie floh aus Mariupol, hält aber Kontakt zu mehreren Freunden, die noch dort sind. „Trinkwasser ist in der Stadt besonders wertvoll. Bei der Verteilung bildeten sich riesige Schlangen. Es wurde sogar um das Wasser gekämpft“, berichtet sie.

Manche beziehen es aus natürlichen Quellen, manche sogar aus der Kanalisation. Ohne Strom und Gas ist das Kochen für viele sehr zeitaufwändig. Die ukrainischen Behörden befürchten daher einen Ausbruch von Cholera oder Ruhr. Auch das Regionalbüro der WHO warnt vor dieser Gefahr.

„Es ist schwierig, die Lage einzuschätzen, weil der Zugang zu Informationen schwierig ist. Aber wir wissen, dass die Infrastruktur der Stadt stark beschädigt ist“, sagt der Chefhygieniker der Ukraine, Ihor Kusin. „Dadurch vermischt sich das Abwasser mit dem Trinkwasser und dem Grundwasser. Außerdem werden Brunnen verschmutzt.“ Der bevorstehende Sommer erhöht das Risiko von Infektionskrankheiten.

Mariupol ist bekannt für seine heißen Sommer – und heftigen Regen. Damit offenbarte sich bereits ein weiteres Problem in vielen Stadtteilen. Denn auf zahlreichen Rasenflächen wurden während der Blockade Friedhöfe angelegt. „Die Leichen wurden nicht wirklich tief in den Höfen vergraben. Sie wurden nur ein bisschen begraben“, beschreibt Alja. „Und das Wasser legte dann die Leichen frei, die bereits verwesenden Leichen. Und die Bäche, die sich bildeten, trugen Leichengerüche durch die Stadt.“

In einigen Stadtteilen werden nun die zerstörten Häuser geräumt. Befinden sich darin Tote, würden sie nicht geborgen, sondern mit dem Schutt auf die Deponie gebracht, beschwerten sich die Stadtbeamten gegenüber Telegram.

Aktuelle Videos zeigen, wie bedrückend die Realität in der Stadt ist. Das fröhliche Grün der Bäume täuscht nicht über die Notwendigkeit hinweg. Die Menschen kochen auf offenen Feuerstellen in ihren zerbombten Höfen. Vielerorts verrottet der Müll. Nahrung ist knapp. Bilder zeigen Anwohner, die für Nudeln, Graupen und eingelegtes Schmalz anstehen.

Immer wieder wird berichtet, dass die Bewohner statt Lohn Essen für ihre Arbeit bekommen. Das bestätigen auch Aljas Bekannte: „Diese Praxis – das Arbeiten für Lebensmittel – ist durchaus üblich, weil die Menschen verzweifelt sind“, sagt sie. „Und wenn sie etwas Positives aus ihrem Leben berichten, sagen sie: Gut, dass nicht geschossen wird.“

Auch Drogen sind in Mariupol offenbar Mangelware. Der ukrainische Spitzenarzt Kusin betont die Verantwortung Russlands: „Nach der Genfer Konvention ist der Besatzungsstaat verpflichtet, die Einwohner sowohl mit Lebensmitteln als auch mit Medikamenten zu versorgen. Der Besatzungsstaat muss auch die medizinischen Reserven auffüllen, die er vor der Besetzung hatte .“

Ob dies geschieht, kann nicht überprüft werden. Sollte Russland humanitären Korridoren nach Mariupol zustimmen, könnte die Ukraine Medikamente und Hilfsgüter in die Stadt bringen, fügte Kusin hinzu. Ob darüber aber überhaupt verhandelt wird, ist offiziell nicht bekannt.

Es ist schwierig herauszufinden, wie die Bewohner über ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Stadt denken. Aus Angst vor Repressionen konnten sich viele nicht trauen, ehrlich zu sprechen. „Jede Art der Unterstützung der ukrainischen Regierung – auch in privater Kommunikation – ist derzeit lebensgefährlich“, sagt Alja. „Leider ist das keine Metapher. Die Menschen können ihre Stimmung nicht offen ausdrücken. Aber ich persönlich kenne Menschen, die gezwungen sind, unter der Besatzung in Mariupol zu leben und die Stadt aus irgendeinem Grund nicht verlassen können. Und die sich wünschen, dass eine ukrainische Flagge über Mariupol weht. „

Bisher hält die Ukraine an ihrem Plan fest, die besetzten Gebiete – darunter auch Mariupol – zu befreien. Nach verschiedenen Schätzungen könnten dort unter der Besatzungsmacht Russland noch etwa 100.000 Menschen leben.



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