Donnerstag, Oktober 28, 2021
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Macht die Ampel Haschisch legal? Experte: "Cannabis darf nicht salonfähig werden"

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Ab Montag wird in Berlin die Ampelkoalition sondiert, wie die Unterhändler dicke Bretter bohren. Ein Thema, von dem viele erwarten, dass es schnell entschieden und abgehakt wird, ist die Legalisierung von Cannabis. Grünen und FDP fordern diesen Schritt schon lange, die SPD ist nun auch offen dafür. Aber wäre das eine gute Nachricht? Tobias Rüther ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin und Psychiater und Suchtmedizin am Klinikum der LMU München. Er hofft, dass die strafrechtliche Verfolgung von Drogenabhängigen beendet wird. Doch aus seiner Sicht birgt die Legalisierung auch Risiken.

The Aktuelle News: Nach jahrzehntelanger Diskussion könnte Cannabis bald von der neuen Regierung legalisiert werden. Gleichzeitig scheint Haschisch heute viel gefährlicher zu sein als noch vor 30 oder 40 Jahren. Passt das zusammen?

Tobias Rüther: Eines habe ich in der Suchtmedizin gelernt: Wer Drogen will, bekommt sie auch. Heute ist es einfacher denn je, Ihr Haschisch per Telegram zu bestellen und es wird wie eine Pizza zu Ihnen nach Hause geliefert. Obwohl der Verkauf und Besitz von Drogen verboten ist. Kriminalisierung ist also der falsche Ansatz und muss aufhören.

Warum ist Kriminalisierung Ihrer Meinung nach so schädlich?

Aus Studien wissen wir, dass rund 30 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren schon einmal Haschisch probiert haben. Diese 30 Prozent haben also alle bereits Straftaten begangen. Viele meiner Patienten, die Drogen konsumieren und irgendwann süchtig werden, haben folgendes Problem: Sie sind körperlich krank, sie können ihren Arbeitsplatz verlieren, ihre Beziehungen zerbrechen. Und dann haben sie auch noch ein Vorstrafenregister, möglicherweise eine Gefängnisstrafe, weil es illegal ist, Drogen zu nehmen. Aus meiner medizinischen Erfahrung kann ich sagen: Es nützt niemandem etwas. Das kostet die Gesellschaft viel Geld, macht Strafrichtern unglaublich viel Arbeit und nützt überhaupt nichts.

Die Kriminalisierung soll abschreckend wirken.

Aber es führt nicht zu einem Rückgang des Verbrauchs, die Abschreckung wirkt nicht. Im Iran injizieren sich die Menschen Heroin, obwohl die Todesstrafe droht. Aber die Leute sind nicht dumm, sie sind meist drogenabhängig und oft nicht gut informiert. Wir brauchen informierte Verbraucher.

Worüber möchten Sie am dringendsten aufklären?

Vor 20 Jahren dachten die Leute: Gras rauchen ist harmlos. Das ist nicht wahr. Die wissenschaftliche Meinung hat sich deutlich geändert: Bei Erwachsenen, aber vor allem im unreifen Gehirn, also bei Jugendlichen bis 23 Jahre, kann Cannabis massive Schäden anrichten. Es behindert das Zellwachstum, es schädigt Bereiche, die für Entscheidungen, zum Beispiel für die Planung und Auswertung, notwendig sind und auch die Emotionalität kann gestört werden. Solche Defizite im reifenden Gehirn werden Sie im Leben nicht mehr loswerden.

Sehen Sie diesen Schaden in der Klinik?

Ja, ein großes Problem bei Jugendlichen, die häufiger Cannabis rauchen, ist zum Beispiel das „Amotivationssyndrom“, der Klassiker. Keine Lust auf irgendetwas. Normal wäre: Um etwas Gutes zu erreichen, bemühe ich mich, ich tue auch unangenehme Dinge. Zum Beispiel: Ich möchte eine gute Note bekommen, also lerne ich für die Klassenarbeit. Ich möchte meine Freunde draußen treffen, also ziehe ich mich an, ziehe mich an. Das kann ein junger Kiffer nicht mehr.

Wie ist das bei Erwachsenen?

Früher hieß es: Man wird nicht süchtig nach dem Rauchen von Gras. Aber wir sehen es auf unseren Stationen: Es besteht psychische und körperliche Abhängigkeit, auch bei Entzugserscheinungen, auch wenn diese weniger stark ausfallen als beispielsweise bei Alkohol oder Rauchen. Das Medikament verursacht bei einigen Benutzern schwere psychische Erkrankungen. Jedes Jahr sterben in Deutschland über 120.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das ist ein Jumbo-Jet, der jeden Tag abstürzt, voller Raucher. Im Vergleich dazu ist die Zahl der Drogentoten mit 6.000 pro Jahr viel geringer. Aber trotzdem: Cannabis ist keine Droge, die man jeden Tag konsumieren sollte, das würde ich niemandem raten.

Trotzdem unterstützen Sie die Legalisierung.

Ja, aber nicht, um Cannabis salonfähig zu machen. Das wäre sehr gefährlich. In Restaurants sollte es keinen öffentlichen Konsum geben. Es sollte nicht leicht zu bekommen sein, kein Haschisch an jeder Straßenecke, aber am besten mit einem Warnhinweis auf der Verpackung, Informationen beim Kauf, vielleicht sogar einer Beratung und natürlich erst ab 18 Jahren sollte es teuer sein und sollte nicht beworben werden. Die Einstellung sollte sein: Wenn man es unbedingt braucht, dann kann man es kaufen und wird nicht bestraft. Aber Drogen sind gefährlich, sie können dein Leben zerstören.

Sie sind heute auch gefährlicher als noch vor 30 Jahren, heißt es?

Die Dosierungen sind oft viel höher, daher wird die Pflanze selbst gezüchtet, um mehr Tetrahydrocannabiol (THC), die psychoaktive Substanz, zu enthalten. Dementsprechend ist die Wirkung dann um ein Vielfaches stärker als noch vor 30 Jahren. Oder sonst: Die Pflanze hat überhaupt kein THC, weil sie so angebaut und überall verkauft werden kann. Der Drogendealer kauft die billige Hanfpflanze ohne THC und sprüht synthetisch hergestelltes THC obendrauf. Diese kann bis zu zehnmal stärker sein als herkömmliches Cannabis.

Kannst du die Dosierung irgendwie sagen?

Nein, und das macht den Status Quo so gefährlich: Man kann sich überhaupt nicht unterscheiden zwischen konventionellem Gras und einem mit synthetischem THC darauf gesprüht. Das ist nur im Labor möglich. Aber weil alles illegal stattfindet, gibt es keine Regulierung und keine Kontrolle. Der Konsument kauft Gras vom Händler und hat keine Ahnung, was er bekommt, wie stark es ist. Aber wenn der Konsum erlaubt und der Handel reguliert wäre, dann wäre das leichter einzuschätzen.

In Thüringen wurden kürzlich Drogenchecks getestet – mobile Labore, die vor Clubs stehen und eine schnelle Analyse gekaufter Partydrogen bieten. Vernünftig?

Wunderbare Sache, ich bin total dafür, und das aus zwei Gründen: So erfahre ich als Konsument, was ich gekauft habe, es reduziert mein Risiko einer Gesundheitsschädigung durch zu hohe Dosierung oder die falsche Substanz. Und: Ich bekomme Ratschläge, worauf ich mich einlasse und wie gefährlich es ist. Ich kenne Kollegen in Zürich, die das schon lange machen. Beim Drogencheck kommen sie mit Menschen ins Gespräch, die sie sonst nie erreichen würden. Sie plaudern miteinander und können den Jugendlichen sagen: Vorsicht vor Crystal Meth. Du nimmst das einmal und dein Gehirn verändert sich sofort. Bis in alle Ewigkeit.

Wir fassen Ihre Empfehlung zusammen: Legalisieren Sie, aber mit klaren Einschränkungen und einer klugen, offensiven Bildungspolitik?

Ja, Tabak ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie effektiv die richtige Politik sein kann. Es gibt Warnhinweise auf der Verpackung, Rauchverbot in Restaurants und vielen Bars. Werbung ist nur sehr eingeschränkt möglich. Das Ergebnis: Nur noch neun Prozent der Jugendlichen rauchen heute. Zu meiner Zeit waren es 30 Prozent. Dasselbe müssen wir mit Alkohol und Cannabis machen.

Frauke Niemeyer sprach mit Tobias Rüther

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