Samstag, September 24, 2022
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Massen von gefälschten Medienseiten: Größte Desinformationskampagne aufgedeckt

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Es ist die bisher größte Desinformationskampagne: Gefälschte Medienseiten verbreiten prorussische Propaganda, Hunderte von gefälschten Konten teilen sie massenhaft in sozialen Medien.

Der Bericht klingt dramatisch: „Ein Teenager wird in Berlin wegen Einsparungen bei der Straßenbeleuchtung getötet“, heißt es auf der Website, die genauso aussieht wie die Online-Nachrichtenseite der „Bild-Zeitung“. Im Video ist ein Polizeieinsatz mit einem Rettungshubschrauber zu sehen, begleitet von melancholischer Musik. Der Einschub: „Der 16-jährige Marius kam spät in der Nacht mit seinem Fahrrad nach Hause. Der Junge hat das Loch in der Dunkelheit nicht gesehen und ist hingefallen.“ Er verblutete, weil Passanten ihn im Dunkeln nicht finden konnten.

Alles an diesem Bericht ist falsch: Es habe keinen tödlichen Sturz gegeben – der Berliner Polizei sei ein solcher Vorfall nicht bekannt, teilte die Pressestelle heute auf Nachfrage des ZDF mit. Außerdem werden die Straßenlaternen der Berliner Stadt nachts nicht ausgeschaltet, um Energie zu sparen. Und das Video hat nichts mit der Bild-Zeitung zu tun – die angebliche Nachrichtenseite ist eine hochprofessionelle neue Fälschung, eine von unzähligen.

Versuche, die öffentliche Meinung in Deutschland mit pro-russischer Propaganda zu beeinflussen, haben offenbar ein beispielloses Ausmaß erreicht. In einer neuen großangelegten Desinformationskampagne haben Außenstehende Websites großer Medienmarken wie Bild, Welt, t-online oder Spiegel täuschend echt nachgebaut, um genau solche Fake News und Fake-Videos zu posten. In einer zweiten Phase verbreitete eine Armee eigens erstellter Fake-Accounts diese Fake News in den sozialen Medien.

„Die Sanktionen gegen Russland schaden nur Deutschland“, heißt es in einem Video des Magazins „Spiegel“. „Die Bundeskanzlerin (sic!) will, dass wir diesen Winter erfrieren, weil wir die Ukraine unterstützen“, warnt ein weiterer Kurzfilm im Design der „Bild“. Bisher wurden mehr als zwei Dutzend neu registrierte Websites entdeckt, die Nachrichten von großen Medienmarken nachahmten – wobei jede Website in der Regel mehrere gefälschte Artikel veröffentlichte.

Bereits im Juli machten mehrere Klone der Nachrichtenseite mit gefälschten Propagandaartikeln und Videos im t-online-Design, die täuschend echt aussahen, auf t-online aufmerksam. „Berbock (sic!) bereitet sich auf einen Atomkrieg vor“, sagt einer. Ein anderer argumentiert, dass die Bundesregierung den Brotpreis limitiere und die Bäckereien Verluste erleide. „Bundeskanzler Scholz hat das Todesurteil für Deutschland mit Wirtschaftssanktionen gegen Russland unterschrieben“, sagt er.

Chefredakteur Florian Harms erklärte, dass die Unternehmens-IT die zunächst aus den Niederlanden und dann aus Kolumbien reproduzierten Seiten schnell aus dem Internet geholt habe. Insgesamt schade es dem Vertrauen, „wenn Akteure mit finsteren Absichten ihre Fehlinformationen als angebliche Beiträge von Familienmedien darstellen“, sagt Harms.

Doch auch wenn viele der Seiten gelöscht werden, kursieren immer noch Videos in den sozialen Medien und Fälscher liefern ständig Nachschub. Die Perfidie: Ein Heer von vermutlich hunderten gefälschten Facebook- und Twitter-Profilen verbreitet die Inhalte – laut einer t-online-Recherche wurden Artikel auf manchen Webseiten bis zu 60.000 Mal geteilt.

Viele dieser Fake-Accounts, sogenannte „Sockenpuppen“, haben verblüffende Ähnlichkeiten:

Einige der Fake-Profile teilen die Videos und Propagandaartikel in ihren Timelines, veröffentlichen sie aber auch als Kommentare zu Facebook-Posts und Tweets anderer Institutionen: vor allem in den Medien (z. B. der Deutschen Welle, dem „Tagesspiegel“ oder dem Bayerischen Rundfunk), mit großen Marken (Mercedes, XXXLutz), sogar auf den Facebook-Seiten der US-Botschaft, der Berliner Charité oder der AfD Berlin gab es Kommentare mit den entsprechenden Links.

Doch damit nicht genug: Seit Kurzem sind Facebook-Seiten aufgetaucht, die diese Fake News nicht nur verbreiten, sondern auch auf Facebook beworben haben, so verbreitet sich Desinformation noch schneller und das Netzwerk verdient auch noch Geld.

Andre Wolf vom Verein „Mimikama“ in Österreich und sein Team melden seit über zehn Jahren Fake News. Eine großangelegte Desinformationskampagne hat er aber nach eigenen Angaben noch nie erlebt:

„Das hat eine ganz neue Dimension bekommen“, sagt er im Gespräch mit ZDFheute. Zum einen, weil man die Fake-News-Seiten kaum von den Originalen unterscheiden kann. Andererseits ist auch die riesige Masse an Fake News einzigartig. Der Inhalt ist laut Wolf immer derselbe: prorussische und antiukrainische Propaganda.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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