Montag, August 15, 2022
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Militärhistoriker Neitzel: „Er raucht nur Kerzen“ im Gespräch mit Schröder

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Anders als Altkanzler Schröder glaubt der Militärhistoriker Sönke Neitzel nicht, dass die Verhandlungen den Krieg in der Ukraine in absehbarer Zeit beenden werden.

Sönke Neitzel ist Militärhistoriker an der Universität Potsdam und beschäftigt sich intensiv mit dem Russland-Ukraine-Krieg. Im ZDF heute-Journal spricht er über mögliche Lösungen und das Interview mit Altkanzler Gerhard Schröder.

Sehen Sie sich das Interview mit Sönke Neitzel oben im Video an.

ZDF: Gerhard Schröder sagte, die gute Nachricht sei, dass der Kreml eine Verhandlungslösung wolle. Haben Sie heute etwas von Schröder gehört, das Ihrer Meinung nach ein Ansatzpunkt für Verhandlungen ist?

Neitzel: Nein Natürlich ist es auch falsch, Schröder von vornherein offen zu verurteilen. Es gibt auch Reaktionen. Und Sie müssen dieses Interview in Ruhe lesen und sehen, was darin steht. Aber aus meiner Sicht hat es keine Substanz. Denn was Schröder vorschlägt, ist eine Einigung über die Anerkennung der Krim, über eine kantonale Lösung im Donbass, über eine Sprachpolitik und über den Nichtbeitritt der Ukraine zur Nato.

Das sind alles Objekte, die Russland – vielleicht nicht de jure, aber de facto – vor dem 24. Februar aus dem Westen hätte bekommen können, einschließlich der Ukraine. Und deshalb hätte Putin diesen Krieg nicht führen sollen.

Auch Schröder lügt aus meiner Sicht. Und ich sehe nicht, dass Putin eine Verhandlungslösung will, wie Schröder sagte. Immerhin hat Lawrow erst vor einer Woche gesagt, dass die Ukraine ausgelöscht werden muss. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass jeden Tag 4.000-5.000 Granaten von russischer Artillerie gegen ukrainische Stellungen abgefeuert werden, wodurch jeden Tag etwa 30 ukrainische Soldaten sterben. Es scheint also keine Verhandlungslösung zu sein.

ZDF: Vielleicht gehen wir das nochmal durch. Schröder sagt, niemand glaube mehr daran, dass ein russischer Präsident die Krim wieder aufgeben könne. Es gibt eine Reihe von Leuten, die ihm da zustimmen würden, oder?

Neitzel: Ja, und selbst da würde ich ihm zustimmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein russischer Präsident die Krim wieder aufgibt. Ich sehe auch nicht die militärische Fähigkeit der Ukraine, im Gegenzug die Krim zurückzuerobern.

Wir diskutieren jetzt in Analystenkreisen, ob es möglich sein könnte, dass die Ukraine den Erdkorridor wieder aufnimmt. Da gibt es viele Fragezeichen. Aber für eine Offensive in Richtung Krim hat die Ukraine meiner Meinung nach keine Voraussetzung. Hier müssen wir unterscheiden, gibt es eine de jure Anerkennung? Das wird es nie geben.

ZDF: Für den Donbass eine Art Status wie bei den Schweizer Kantonen – das ist auch die Idee von Gerhard Schröder. Was denkst du?

Neitzel: Völlig absurd, wie ich finde. Wie die Krim wird Putin die Donbass-Region, die er mit so viel Blut seiner Soldaten erobert hat, sicherlich nicht zurückgeben, denken wir an die Volksrepublik Lugansk (…) Also ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Aber das maximale Ziel, das ich für realistisch halte – aber es liegt nicht an mir, es liegt an der Ukraine und Russland – ist, dass wir einen Status quo ante erreichen können, das heißt die Linie, die am 24. März festgelegt wurde, Februar gab. Aber ich denke, auch das wäre ein großer Erfolg für die Ukraine, und ich sehe überhaupt nicht, dass Putin bereit wäre, so etwas zu akzeptieren.

ZDF: Dann entfernen wir uns vielleicht ein wenig von Gerhard Schröder. Generell fragen sich viele Menschen, auch hier in Deutschland, wie lange dieser Krieg dauern wird. Ist eine Verhandlungslösung Ihrer Meinung nach in naher Zukunft realistisch? Oder vielleicht anders gefragt, was muss passieren, damit eine Verhandlungslösung realistisch ist?

Neitzel: Nun, die Kriege haben begonnen, weil Staaten glauben, dass sie militärische Mittel einsetzen, um einem Gegner ihren Willen aufzuzwingen.

Genau diesen Zwang sehe ich gerade nicht, weder aus der Ukraine noch aus Russland. Ich glaube nicht, dass die Ukraine glaubt, an der Grenze ihrer militärischen Möglichkeiten zu sein. Ich sehe die Hoffnung, dass der ukrainische Generalstab zumindest die Landbrücke wiedererlangt, also südlich von Saporischschja und so weiter. Und ich denke, Putin denkt, zumindest logischerweise, dass er noch nicht alle seine militärischen Karten gespielt hat.

Das heißt nicht, dass es nie eine Kompromisslösung geben wird, aber das glaube ich jetzt nicht. Wenn wir in einem Jahr wieder sprechen, mag die Situation anders sein, aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass es dieses Jahr wirklich zu einem stabilen Waffenstillstand, zu einer stabilen Kompromisslösung kommt.

ZDF: Ganz kurz, Herr Professor, was halten Sie allgemein von den Vereinbarungen mit Wladimir Putin? Sind das nach all unseren bisherigen Erfahrungen Verträge, auf die Sie sich verlassen können?

Neitzel: Darauf können Sie sich sicherlich nicht verlassen, aber es ist immer noch besser als nichts, wir sehen es jetzt bei den Weizenverhandlungen. Es ist nur ein Schiff. Jetzt müssen wir abwarten, was als nächstes kommt. Aber auch das ist besser als nichts. Ich würde immer sagen, wir müssen die Diplomatie einschalten, wir müssen alles versuchen, was möglich ist, aber wir können natürlich nicht wirklich darauf vertrauen, dass solche Verträge halten.

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Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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