Dienstag, August 9, 2022
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Mittendrin: die große Freiheit im Olympischen Dorf

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Betondschungel für die einen, futuristisches Wohndesign für die anderen: Das Olympische Dorf in München war schon vor 50 Jahren umstritten. Aber viele, die hier leben, wollen nirgendwo anders hin.

Es ist ein lebendiges Denkmal, das Olympische Dorf nördlich von München. Als Unterkunft für die Athleten hat es seinen Zweck längst erfüllt, versprüht aber immer noch das Flair der Olympischen Spiele. Seit den Sommerspielen 1972 hat sich kaum etwas verändert. 1998 wurde das Dorf zusammen mit dem nur einen olympischen Speerwurf entfernten Olympiastadion unter Denkmalschutz gestellt.

Vom Reihenhaus über Eigentumswohnungen bis hin zum anspruchsvollen zweigeschossigen Penthouse: In dem Ende der 1960er-Jahre geplanten Komplex findet sich nahezu jede Art von Immobilie. Der untere Teil des Dorfes wird vom Studentenwerk München verwaltet. Rund 2000 Studenten leben hier in kleinen Kubus-Bungalows, die jetzt komplett renoviert wurden.

Bruni Hülle war dort eine der ersten Bewohnerinnen. Sie lebte hier vor den Spielen, denn von April 1971 bis März 1972 wurden die kleinen Bungalows von Studenten für die Sportler getestet. Das Alleinleben genoss der spätere Gymnasiallehrer Huel besonders.

Denn Anfang der 1970er-Jahre sei es „eigentlich noch gang und gäbe, irgendwo unterzuvermieten – oft bei einer betagten Witwe mit großer Wohnung“, sagt Hülle. „Aber bei Besuchern hielt es sich sehr in Grenzen – vor allem bei Männern.“ In den neuen Bungalows hatte man dann „große Freiheit“ – mit Herrenbesuch auch nach 22 Uhr

Hull musste sich während der Spiele ausziehen, war aber trotzdem dabei – als sogenannte Olympia-Hostess. Nach den Spielen kehrte sie ins Dorf zurück, lernte ihren Mann Wolfgang kennen und zog 1975 mit ihm in eines der weißen Mietshäuser im sogenannten Oberdorf. Die beiden waren zunächst fast die einzigen, die dort lebten. Denn das Olympische Dorf war nach den Spielen alles andere als beliebt.

Unter anderem mit Hilfe spezieller Förderprogramme füllte sich das Dorf langsam. 1975 zog auch Hildegard Schmid mit ihrem Mann in eines der Reihenhäuser. Anfangs sei sie von der Bauweise gar nicht überzeugt gewesen, sagt Schmid. Doch schon nach kurzer Zeit wurden ihr die Vorteile bewusst.

Einer davon: Sie konnte ihre Kinder unbeaufsichtigt draußen herumlaufen lassen. Denn die Planer hatten Wohn-, Verkehrs- und Spielbereiche voneinander getrennt – das gilt bis heute. Autos fahren im Dorf nur unterirdisch. Die Bewohner kommen direkt von der Parkebene in ihre Wohnung oder ihr Reihenhaus. An der Oberfläche sind Fußgänger und Radfahrer für sich.

Inzwischen haben Sandra und Stefan Niese das Haus der Schmids gekauft. Neben der Begrünung beeindruckt sie vor allem die Besonderheit der Bauweise. Sobald sie krabbeln konnten, seien ihre Kinder „einfach auf die Straße gekrochen“, sagt Sandra Niese – kein Problem, wenn dort keine Autos fahren.

Hildegard Schmid zog übrigens in eine Wohnung gegenüber – und ist heute Pflegegroßmutter der beiden Töchter der Nieses. Oft hört man von den guten und engen Nachbarn im Olympischen Dorf. Das liegt auch an der Bauweise des Dorfes, denn Treffen und Gespräche in den Fußgängerzonen sind autofrei programmiert.

Wohnen im Dorf bedeutet aber auch Leben mit der Zeitgeschichte. Die „lustigen“ Spiele in München endeten am 5. September 1972, als ein palästinensisches Terrorkommando in das Quartier der israelischen Männermannschaft in der Connollystraße 31 eindrang und elf Sportler als Geiseln nahm. Keine der Geiseln überlebte den Angriff.

Die Connollystraße 31 sieht heute noch genauso aus wie damals. Als Dorfbewohner denkt man nur manchmal daran, was dort vor 50 Jahren passiert ist, sagt Stefan Niese. Doch hin und wieder, so Niese, werde die Vergangenheit des Ortes schnell wieder lebendig. So auch kürzlich, als er von einem Herrn angesprochen wurde, der nach dem Ort des Attentats suchte. Es stellte sich heraus, dass der Mann Ringer der DDR-Olympiamannschaft 72 war, während der Spiele genau gegenüber der Connollystraße 31 wohnte und die Ereignisse vom 5. September 1972 noch lebhaft nacherzählen konnte.

Trotz Geschichte: Die rund 6.000 hier lebenden Menschen wissen die Vorzüge zu schätzen, die das ehemalige Olympische Dorf bietet. Das merkt man daran, dass man als „Ausländer“ selten eine Wohnung findet. Die „Dorfbewohner“ ziehen es vor, untereinander Handel zu treiben. Kein schlechtes Zeichen für eine Einrichtung, in die zunächst niemand einziehen wollte.



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Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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