Sonntag, Januar 23, 2022
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Modellierer für die Omikron Wandlehre: "Das geht ganz schnell"

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Die Fallzahlen steigen in einigen Bereichen bereits sehr stark an. „Früher oder später wird dieser Trend jedes Bundesland erreichen“, sagt Corona-Modellierer Thorsten Lehr bei ntv. Er rechnet mit bis zu 2.500 Inzidenzen innerhalb kurzer Zeit. Lehr möchte, dass die Regierung klarer kommuniziert.

Die Fallzahlen steigen teilweise sehr stark an. „Früher oder später wird dieser Trend jedes Bundesland erreichen“, sagt Corona-Modellierer Thorsten Lehr bei ntv. Er rechnet mit bis zu 2.500 Inzidenzen innerhalb kurzer Zeit. Lehr möchte, dass die Regierung klarer kommuniziert.

ntv: Was steht uns laut deiner Modellierung im Januar bevor?

Thorsten Lehr: Jetzt kommt im Januar, was im Dezember viel diskutiert wurde. Durch die Omikron-Variante werden wir nun überall einen weiteren Anstieg der Fallzahlen sehen, allerdings sehen wir ihn teilweise – beispielsweise in Bremen – ganz massiv. Dort haben sich die Vorfälle im letzten Monat bereits verfünffacht und liegen bereits bei über 1000, dies wird aber in den anderen Bundesländern folgen. Das heißt, wir sehen gewisse lokale Unterschiede. Dieser Trend wird früher oder später jedes Bundesland erreichen. Wir können hier mit Vorfällen um 1500 bis 2500 rechnen. Das ist diese Mauer, vor der wir alle Angst haben. Und es geht sehr steil bergauf. Wir sehen das. Das geht sehr schnell. Innerhalb weniger Tage stiegen die Vorfälle wirklich in die Höhe.

Was bedeutet das für die Auslastung der Krankenhäuser?

Das ist eine Frage, die leider noch nicht abschließend beantwortet werden kann. Wir haben aus anderen Ländern untersucht, wie viel leichter die Omikron-Variante im Vergleich zur Delta-Variante ist. Man spricht oft von einem milderen Verlauf, aber das heißt nicht, dass er mild ist. Wir sehen zum Beispiel noch keine wirkliche Entkopplung von den Fällen und den intensiven Aufnahmen in den USA. Wir sehen eine stärkere Entkopplung von England. Das ist sehr, sehr schwer eins zu eins aus anderen Ländern auf uns zu übertragen, denn überall gibt es eine andere Vorerkrankung, eine andere Impfsituation.

In Deutschland werden 42 Prozent der Bevölkerung aufgestockt. Ist das genug?

Das wird nicht reichen. Das Boosten hilft in erster Linie allen, weshalb es sehr wichtig ist. Es hilft auch, die Übertragung zu reduzieren. Aber die Impfung ist nicht speziell für die Omicron-Variante gemacht. Deshalb brauchen wir den Schub, um diese Variante zu fangen. Das ist wirklich die wichtigste und beste Ressource, die wir derzeit haben. Wenn wir uns Israel anschauen, wo viel geboostet wird, sehen wir auch, dass die Fallzahlen wieder massiv ansteigen. Das bedeutet, dass die Schutzwirkung irgendwann nachlässt. Ich gehe auch davon aus, dass wir im Frühjahr, wenn der modifizierte Impfstoff zur Verfügung steht, vielleicht wieder alle eine vierte Dosis brauchen, zumindest die Risikogruppen. Das heißt, es wird noch nicht das Ende sein.

Bund und Länder haben Maßnahmen beschlossen, zum Beispiel 2G plus in der Gastronomie. Reicht das Ihrer Meinung nach?

In Restaurants haben wir Situationen, in denen wir uns auf engem Raum befinden, in denen wir unsere Maske abnehmen müssen, um Speisen und Getränke zu verzehren. Und dort hat die Aerosolwolke natürlich ein relativ gutes Ziel, um andere Gäste anzugreifen. Aber am Ende ist die Gastronomie wohl kein Treiber. Wir haben wahrscheinlich viele einzelne Punkte, an denen Infektionen stattfinden, aber Restaurants sind relativ einfach zu regulieren, hier wird also zuerst gehandelt.

Gleichzeitig hat die Politik die Quarantänezeit verkürzt. Findest du das sinnvoll?

Ja, ich denke, das macht Sinn, weil wir wissen, dass die Omicron-Variante nicht so lange ansteckend sein wird. Aber es ist sicher auch eine politische Entscheidung, denn gerade zu den Spitzenzeiten der Welle, die uns vielleicht noch bevorstehen, will man im Februar nicht so viele Menschen auf einmal infiziert haben.

Haben Sie generell das Gefühl, dass die Politik gerade genug tut?

Ich habe die Hoffnung, dass die Politik im Hintergrund viel tut und auch vom Expertenrat gut beraten wird. Das Problem sehe ich darin, dass die Kommunikation an die Bevölkerung nicht ganz klar ist. Herr Lauterbach sagte ja zum Beispiel, dass auch wir weitere Maßnahmen brauchen. Beim letzten Bund-Länder-Treffen hieß es, wir schauen uns erst einmal um. Die Kommunikation ist nicht wirklich da. Man muss nur sagen, dass die Strategie der Bundesregierung darin besteht, das System an seine Grenzen zu bringen und dabei maximale Öffnungen zuzulassen. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung dies versteht. Viele Menschen sind hingegen eher der Meinung, dass man die Infektionszahlen sehr gering halten sollte, um so Sachen wie lange Covid zu verhindern. Ich denke eigentlich, dass das der richtige Weg ist. Und die Krankenhäuser an ihre Grenzen zu halten, geht immer zu Lasten des Gesundheitssystems und der Nicht-Covid-Patienten, die jetzt keine Behandlung erhalten. Ich denke, wir brauchen mehr Kommunikation von der Regierung über ihre Strategie. Das fehlt in meinen Augen sehr. Und deshalb wird die Bevölkerung wahrscheinlich immer weniger folgen, weil sie nicht genau weiß, warum sie dies tun sollte.

Würden Sie einen harten Lockdown befürworten?

Ich glaube schon, dass wir weitere Maßnahmen in der Hand haben und diese klar kommunizieren müssen. In der Situation, in der wir wissen, dass große Wellen auf uns zukommen, ist die Aussetzung der Anwesenheitspflicht und des Mischunterrichts für Schüler der richtige Weg. Es ist nicht ewig, wir reden von vielleicht drei bis vier Wochen. Das würde sicher viele vor einer Ansteckung und möglichen Langzeitfolgen schützen. Ich denke, es ist klar, dass wir, wenn die Zahlen weiter steigen und auch die intensive Arbeitsbelastung voranschreitet, weitere Kontaktreduktionen brauchen werden. Sie können an verschiedenen Orten stattfinden, aber meiner Meinung nach muss klar kommuniziert werden, dass es eine Eskalationsstufe zu dem gibt, was wir bisher gesehen haben.

Tamara sprach mit Thorsten Lehr Bilic

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