Sonntag, November 28, 2021
StartNACHRICHTENMordprozess Tiergarten - Ein professioneller Gewalttäter?

Mordprozess Tiergarten – Ein professioneller Gewalttäter?

- Anzeige -


Ein russischer Journalist sagte im Prozess um den Zoomord aus. Er lieferte zahlreiche Hinweise zum Hintergrund des Angeklagten. Die Verteidigung hatte es schwer mit dem Zeugen.

Am 51. Prozesstag im Zoomordprozess war es nur eine Frage zu Protokoll: Der Vorsitzende Richter Olaf Arnoldi fragte den jungen Mann im Zeugenstand, wo er wohne. Doch genau das ist für den russischen Journalisten Roman Dobrochotow ein Problem.

Der Chefredakteur der Ermittlungsplattform The Insider musste kürzlich Moskau verlassen. Sein Haus und das seiner Familienangehörigen wurden durchwühlt, Computer und Mobiltelefone wurden beschlagnahmt. Der Insider wurde wie andere Medien in Russland zum „Auslandsagenten“ erklärt, was ihre Arbeit erheblich erschwert.

Der Insider sei darauf spezialisiert, Straftaten von Mitarbeitern der Sicherheitsbehörden aufzuklären, wie Dobrochotov vor Gericht erklärte. Zusammen mit zwei weiteren Forschungsorganisationen deckte die Plattform die Hintergründe der Angeklagten auf: Vadim Sokolov ist ein Pseudonym der realen Person Vadim Krasikov, die mit russischen Sicherheitsdiensten verbunden ist.

Während zahlreiche Beweise zu dieser These vor Gericht gesammelt wurden, besteht Verteidiger Robert Unger weiterhin darauf, dass sein Mandant Sokolov heißt. Dementsprechend versuchte Unger, die Erkenntnisse von Dobrochotov und seinen Kollegen zu hinterfragen.

Nach Recherchen in staatlichen russischen Datenbanken kamen sie zu dem Schluss, dass die Person Sokolov wenige Wochen vor dem Mord im Kleinen Zoo geschaffen wurde. Darauf weist eine unvollständige Steuerakte hin.

Dort finden Sie Daten eines inländischen Reisepasses, vergleichbar mit dem deutschen Personalausweis. Dobrochotow und seine Kollegen fanden diese Daten in anderen einschlägigen Datenbanken nicht – ihrer Meinung nach ein Beweis dafür, dass der inländische Pass nicht existiert.

Als Unger dies bezweifelte, antwortete Dobrochotov, dass die Nichtexistenz eines Dokuments schwer zu beweisen sei. „Aber es wäre einfach, den nationalen Pass als Beweismittel vor Gericht vorzulegen“, sagte der Journalist. Bisher hat die Verteidigung keine Beweise für Sokolovs Existenz vorgelegt. Auch die von der Angeklagten genannte Mutter schlug sie nicht als Zeugin vor.

Auf Fragen von Unger zu anderen Themen reagierte Dobrochotov selbstbewusst. Als der Verteidiger Dobrochotov am Ende seiner Fragen aufforderte, besser zu recherchieren, gab es bei der Staatsanwaltschaft deutlichen Unmut.

Ohne Beweise bröckelt Ungers Verteidigungslinie, während das Bild des Täters Krasikov immer mehr Konturen annimmt. Dazu trug Dobrochotov bei, als er die Ergebnisse seiner Ermittlungen zu Stichpunkten der Staatsanwaltschaft zusammenfasste.

Darunter ein Mord in Moskau im Jahr 2013. Eine Kameraaufzeichnung zeigt einen Mann auf einem Fahrrad, der sich dem Opfer nähert und es anschließend mit mehreren Schüssen tötet.

Ähnlich verfuhr der Täter nicht nur im Kleinen Tiergarten. Das Foto einer international ausgeschriebenen Fahndung der russischen Polizei auf einen Vadim Krasikov ist dem Angeklagten so ähnlich, dass Gesichtsbeurteiler mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es sich um dieselbe Person handelt.

Offizielle Daten zeigen, dass Krasikov nach dem Mord mit seiner Familie in die Ukraine gereist ist. Dobrochotov fand einen Taxifahrer, der Krasikov erkannte, nachdem er zur ukrainisch-weißrussischen Grenze gefahren war. Ein Verwandter aus Charkiw, der ebenfalls als Zeuge gehört wurde, bestätigte, dass sich die Krasikows zu diesem Zeitpunkt in der Ukraine aufgehalten hätten.

Auch zu einem weiteren Mord im Jahr 2007 in der russischen Region Karelien kommen immer mehr Hinweise hinzu. Krasikow war den Recherchen zufolge einer von drei Verdächtigen, die alle mit russischen Sicherheitsdiensten in Verbindung stehen sollen.

Einer von ihnen namens Vladimir Fomenko wurde vom Bruder des Opfers auf einem Hochzeitsfoto von Krasikov erkannt, wie Krasikov in einem Brief an das Gericht schrieb.

Recherchen von Dobrochotov und seinen Kollegen ergaben, dass Fomenko und Krasikov gemeinsam nach Kirgisistan gereist sind. Präsidentin Rosa Otunbajewa gab Fomenko eine Glock 100-Pistole, offenbar für Aktivitäten im Zusammenhang mit den politischen Unruhen dort.

Dobrochotow und seine Kollegen haben ihr Wissen größtenteils aus öffentlich zugänglichen Datenbanken und Interviews gewonnen. Partner Bellingcat erhielt auch Daten von Personen mit Zugang zu geschlossenen Datenbanken in Russland, deren Legitimität neben der Verteidigung auch Richter Arnoldi in Frage stellte.

Aber zusammen mit den Ermittlungsergebnissen der deutschen Behörden, die These, dass der Angeklagte mit der Spezialeinheit Vympel des Inlandsgeheimdienstes FSB in Kontakt stand und möglicherweise seine gesamte Karriere bei den „Silowiki“ – den Militär- und Sicherheitsdiensten der Russland – kondensiert.

Für Dobrochotow und sein Team bei The Insider hat die Ermittlungsarbeit persönliche Konsequenzen. Zwei Drittel der Redaktion mussten das Land aus Angst vor Strafverfolgung verlassen, sagte er. Auch dort würden sie noch mit Cyberangriffen verfolgt.



Quelllink

ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare