Sonntag, September 25, 2022
StartNACHRICHTENMoskau lässt Asow-Soldaten frei – ein Putin-Freund für über 100 "Neonazis"

Moskau lässt Asow-Soldaten frei – ein Putin-Freund für über 100 "Neonazis"

- Anzeige -


Russland lässt 215 Kriegsgefangene frei, die Ukraine schickt 55 russische Soldaten nach Russland zurück – und einen ukrainischen Oligarchen. „Wie soll man das jemandem erklären?“ fragt ein russischer Kriegsberichterstatter.

Die von Russlands Präsident Wladimir Putin am Mittwochmorgen angekündigte Teilmobilmachung hat russische Kriegspropagandisten, die seit langem ein härteres Vorgehen im Angriffskrieg gegen die Ukraine fordern, erfreut. Am späten Abend erwartete sie jedoch eine große Enttäuschung. Denn Russland und die Ukraine haben ihren bisher wichtigsten Gefangenenaustausch durchgeführt. Dabei geht es nicht nur um reine Zahlen, sondern vor allem um Zahlen, die von beiden Seiten ausgetauscht wurden.

Im Rahmen des Austauschs konnte die Ukraine insgesamt 215 Menschen freilassen. Hinter dieser Zahl stecken nicht nur ausländische Soldaten, die teilweise von der sogenannten Volksrepublik Donezk zum Tode verurteilt wurden, sondern auch 108 Soldaten des Asowschen Regiments und fünf Kommandeure, die an der Verteidigung des Asowschen Stahlwerks in Mariupol beteiligt waren. darunter Denys Prokopenko und Sviatoslav Palamar vom Asow-Regiment und Serhiy Volynskyy von der 36. Marinebrigade, die von der russischen Propaganda immer als Gesichter der angeblichen „Neonazis“ der Ukraine stilisiert wurden.

Im Gegensatz zu den anderen Asow-Soldaten durften Prokopenko, Palamar und Volynskyj jedoch bis Kriegsende nicht in die Ukraine zurückkehren. Im Rahmen des sogenannten Extraktionsverfahrens bleiben sie vorerst in der Türkei und befinden sich nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj „in der vollständigen Sicherheit und unter dem persönlichen Schutz des türkischen Präsidenten“. „Für diese Menschen haben wir am längsten und härtesten gekämpft“, betonte Zelenskyj.

Die Russen hingegen bekamen nur 55 Soldaten zurück, zum Gefangenenaustausch gehört aber auch der ukrainische Geschäftsmann und Politiker Viktor Medwedtschuk, der hinter der prorussischen Oppositionspartei Plattform stand und in der Ukraine des Hochverrats beschuldigt wurde. Medwedtschuk unterhält enge Beziehungen zum russischen Präsidenten Wladimir Putin sowie zum derzeitigen stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew.

Medienberichten zufolge ist Putin der Patenonkel von Medvedchuks Tochter. Zu Beginn des Krieges konnte Medvedchuk unter ungeklärten Umständen aus dem Hausarrest fliehen, wurde jedoch im April festgenommen. Seitdem wird über einen möglichen Ersatz spekuliert. Moskauer Funktionäre wie Kremlsprecher Dmitri Peskow hatten dies eigentlich ausgeschlossen, weil Medwedtschuk kein Armeeangehöriger und auch ukrainischer Staatsbürger ist.

Als sich die ukrainischen Verteidiger des Asowschen Stahlwerks, darunter auch Soldaten des Asowschen Regiments, das Teil der ukrainischen Nationalgarde ist, im Mai ergaben, versprachen die ukrainischen Behörden, sie zu ersetzen, baten jedoch um Diskretion, um die Verhandlungen nicht zu stören. Russland hingegen drohte mit einem Kriegsgericht und bereitete sogar einen Schauprozess in Mariupol vor. Über einen Austausch könne laut Moskau erst nach einem Urteil gesprochen werden, Führungsfiguren kämen nicht in Frage.

Es ist zwar nicht der erste Gefangenenaustausch, bei dem Asow-Soldaten freigelassen wurden, aber bisher waren es Schwerverletzte, was unter russischen Nationalisten bereits für Unmut sorgte.

Die Mehrheit der Azovstal-Verteidiger wird wohl in Gefangenschaft bleiben. Allerdings sind mit Prokopenko, Palamar und Volynskyj alle berühmtesten Gesichter frei. Dies ist ein harter Schlag für die russische Propaganda, da das Asow-Regiment im Mittelpunkt der Erzählung von „ukrainischen Nazi-Bataillonen“ stand, gegen die Russland kämpfte. Als Freiwilligenbataillon ist Asow zu Beginn des Donbass-Krieges 2014 aus fragwürdigen rechtsextremen Strukturen hervorgegangen. Inzwischen hat sich das Regiment zu einer Spezialeinheit der ukrainischen Nationalgarde entwickelt und genießt nach der Verteidigung von Mariupol Heldenstatus im Land. Umso euphorischer reagierte der ukrainische Sender auf die unerwartete Nachricht am späten Abend.

Im russischen Internet hingegen waren die Leute eher geschockt. „Wie soll man das jemandem erklären?“ Der Kriegskorrespondent des russischen Staatsfernsehens, Andrei Rudenko, schrieb auf seinem Telegram-Kanal. „Es fühlt sich an wie ein Schwanz im Gesicht.“ Vermutlich wäre das Unverständnis gerade nach der erfolgreichen Gegenoffensive der Ukrainer im Distrikt Charkiw etwas geringer gewesen, wenn nur russische Militärs an dem Austausch beteiligt gewesen wären. Doch Medwedtschuks Persönlichkeit wirft große Fragen auf, denn er gilt als gescheiterter Politiker, der von Moskau gut finanziert wurde, aber keine Ergebnisse vorweisen konnte.

Vielleicht erklärt das den Zeitpunkt des Austauschs. Mykhailo Podoliak, ein Berater im Präsidialamt von Selenskyj, sagte, Russland habe den Gefangenenaustausch möglicherweise nicht zufällig am Tag der Mobilmachung angesetzt, so dass der Austausch in den Medien etwas untergehen würde. Auch Russland scheint die Verantwortung dafür auf den Chef der sogenannten Volksrepublik Donezk, Denis Puschilin, abwälzen zu wollen. Er hat nach eigenen Angaben das Tauschdekret unterschrieben – und versucht nun, den Tausch von Medvedchuk zu erklären. „Vor meinen Augen wurden Tausende unserer Jungen unter Beteiligung von Medvedchuk freigelassen“, sagte Pushilin und bezog sich auf frühere Gefangenenaustausche während des Donbass-Krieges. Ob das der patriotischen Öffentlichkeit in Russland reicht, ist fraglich.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare