Donnerstag, Januar 27, 2022
StartNACHRICHTENMuseum in Hongkong: Kunst, die im Rest Chinas nicht zu sehen ist

Museum in Hongkong: Kunst, die im Rest Chinas nicht zu sehen ist

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DUli Sigg sieht die erste Prüfung als bestanden an. Bisher ist alles gut gegangen. Seine neue Ausstellung ist eröffnet, die Besucher kommen gerne, und – das ist das Wichtigste für den Schweizer – alles ausgestellt. Er musste kein Exponat aus der Werkliste nehmen.

Das Museum M+ in Hongkong ist ein Start-up, das sich mit den Großen messen will. Es soll das MoMa in New York und das Centre Pompidou in Paris in den Schatten stellen. Sigg, als Schweizer eher ein nüchterner Typ, sagt: «Es gibt kein besseres Museum auf der ganzen Welt.» Das ist ein sehr persönliches Selbstlob. Denn dort steht Siggs eigene Kollektion im Mittelpunkt.

Das einzige Problem ist, dass große Kunst oft politisch ist, sie stellt die Machthaber in Frage. Seit die Kommunistische Partei Chinas in Hongkong hart gegen Kritiker und die Freiheit vorgeht, ist die Metropole dafür ein schlechter Ort. Wie kam die Sammlung hierher?

Der 75-jährige Schweizer hat viele Leben gelebt. Sigg arbeitete zunächst als Wirtschaftsjournalist, dann nahm er einen lukrativen Job beim Aufzugshersteller Schindler an. In dieser Funktion baute er das erste Joint Venture zwischen einem westlichen Industriekonzern und einem chinesischen Staatsunternehmen auf. Später, in den 1990er Jahren, wurde er zum Schweizer Botschafter in China ernannt. Während seiner Zeit als Diplomat war er vor allem als Sammler zeitgenössischer chinesischer Kunst tätig.

„Es gab Jahre, da war ich der Markt“, sagt er. The Aktuelle News AM SONNTAG erreicht Sigg per Videoanruf zu Hause, auf Schloss Mauensee. Es liegt auf einer kleinen Insel im Kanton Luzern, auf halbem Weg zwischen Zürich und Bern. Sigg wirkt drahtig, anstatt seinen Ruhestand zu genießen, ist er sehr beschäftigt. Er ist gerade aus Hongkong zurückgekehrt. Aber am selben Tag fährt er zu einem Vortrag nach Bern.

Er sei immer „enzyklopädisch“ vorgegangen, sagt Sigg. Was er damit meint: Er sammelte nicht, was ihm gefiel, sondern was ihm im Weg stand. Also irgendwie alles. Laut einigen Kunstexperten hat der Schweizer Künstler damit eine Sammlung zusammengetragen, die eigentlich in einem chinesischen Nationalmuseum hätte eingerichtet werden sollen.

Aber das offizielle China, so Sigg, vernachlässige die moderne Kunst. „Im Vergleich zur traditionellen chinesischen Kunst ist zeitgenössische Kunst kritisch, sie berührt eine Wunde.“ 2012 beschloss Sigg, den Großteil seiner Sammlung, rund 1.500 Werke, zu verschenken. Die Wahl fiel auf Hongkong – und das sah nach einem klugen Schachzug aus.

Eines war klar: Kein Museum in Peking oder Shanghai würde jemals seine Sammlung zeigen. Zu kritisch. Die Hafenstadt Hongkong hingegen, eine ehemalige britische Kolonie, gehört erst seit den 1990er Jahren wieder zu China. Aber ein Teil, in dem zumindest bis 2012 mehr Rede- und Kunstfreiheit herrschte als im Rest des Landes. Eine weltoffene und kulturelle Stadt, ein Schmelztiegel zwischen Ost und West.

Was Sigg nicht ahnte: Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) machte sich wenig später daran, die Autonomie der Sonderverwaltungszone auszurotten. Sie kämpfte gegen das „Ein Land, zwei Systeme“-Prinzip, das Hongkong einen Sonderstatus verlieh. Kritiker sprechen heute nur noch von „Ein Land, ein System“. Kurzum: Hongkong ist im Vergleich zu 2012 nicht wiederzuerkennen. Im vergangenen Jahr hat die Volksrepublik in der Hafenmetropole ein „Sicherheitsgesetz“ verabschiedet, mit dem sie gegen Verfechter der Demokratie in Parlament und Zivilgesellschaft vorgeht. Seither unterliegen Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit der Willkür der Kommunistischen Partei.

Erst vor wenigen Tagen hat das Online-Magazin „Citizen News“ wegen zunehmender Repression seinen Betrieb eingestellt. Das Magazin ist das dritte Medienunternehmen, das innerhalb weniger Monate geschlossen wurde. Das „Sicherheitsgesetz“ habe auch dem Ruf Hongkongs als Kunstmetropole geschadet, sagt Sigg. Kritische Künstler haben Angst, nicht ausstellen zu können. In der Stadt herrscht eine „Stille, die der Kreativität nicht förderlich ist“. Wie kann man hier ein Museum betreiben?

Rund sechs Wochen habe er Gespräche mit den Behörden führen müssen, sagt Sigg, um die Werkliste seiner Sammlung durchzusetzen. Das ist nicht überraschend. Im vergangenen Frühjahr sagte die Führerin von Hongkong, Carrie Lam, in einer öffentlichen Botschaft, dass ihre Behörden „in voller Alarmbereitschaft“ seien und sicherstellen würden, dass die Ausstellung nicht „die nationale Sicherheit untergräbt“.

Aber, das ist ein kleines Wunder, es gelang ihm: Sigg brachte seine Werkliste durch. Und so ist im M+ derzeit Kunst zu sehen, wie man sie im restlichen China nicht sehen wird. Von dem weltberühmten Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei, der im Exil lebt, und von Wang Xingwei. Es ist undenkbar, dass ein Bild wie Wangs Ölgemälde „New Beijing“ in Festlandchina ausgestellt wird.

Denn es spielt auf das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 an – und die Zensur der Erinnerung daran. Auf dem Gemälde trägt eine Handvoll Männer blutende Opfer auf Fahrrädern davon. Aber die Opfer sind keine Menschen. Stattdessen sitzen Pinguine auf den Rädern – Seevögel, die es in China gar nicht gibt. Ein Hinweis auf die großangelegte Propaganda, um die Toten vergessen zu machen.

So schön es für Sigg ist, dass er seine Werkliste durchgeblättert hat: Er weiß, dass Chinas autoritäre Wende der letzten Jahre auf Präsident Xi Jinping zurückzuführen ist. Und dass er bald eine dritte Amtszeit im Stile eines Dauerherrschers antreten wird – eine Abkehr von Konventionen, die in den 1980er Jahren eingeführt wurden. „So wissen wir, welches China wir in den nächsten Jahren bekommen werden“, bringt es Sigg auf den Punkt.

Trotzdem würde er seine Sammlung nach Hongkong zurückgeben, sagt er. Sie gehöre nach China, eines Tages werde man sie überall im Land sehen, „auch wenn ich es vielleicht nicht mehr erlebe“. Was würde er tun, wenn die Behörden von Hongkong anfingen, seine Sammlung zu zensieren? „Noch einmal mit den Behörden sprechen und Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Sigg. „Und am Ende rechtliche Schritte einleiten.“ Beim letzten Satz schwingt ein leiser Zweifel in seiner Stimme mit.

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