Samstag, Mai 21, 2022
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Nichts ist wie es war Der Ballermann kommt in die Midlife-Crisis

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Der Ballermann auf Mallorca ist als legendäre Partymeile bekannt. Doch die Corona-Pandemie ändert die Dinge. Nach 50 Jahren scheint der Strandabschnitt der Playa de Palma an einem echten Scheideweg zu stehen. Bleibt es für viele Deutsche noch ein Sehnsuchtsort?

Unter den Deutschen, die jetzt im Mai die Playa de Palma genießen, scheint es jahresunabhängig nur eine Meinung zu geben: Im Jahr seines (inoffiziellen) 50. „Gründungsjahres“ ist der Ballermann nicht mehr das, was er einmal war vor einigen Jahren war. „Vor Corona war es ohne die vielen Verhaltensregeln schon heißer“, klagt Dennis Bartels aus Rehde im westlichen Münsterland. Sein viel jüngerer Reisekollege Tom, der behauptet, auf der Partymeile gezeugt worden zu sein, verzieht angewidert das Gesicht, als er schimpft: „Man muss sich überall benehmen, heutzutage wird man überall rausgeschmissen, wenn man nur kurz das T-Shirt hochzieht Zeit.“

Diesmal war die Gruppe mit „34 Mann“ in den orangefarbenen T-Shirts des Fußballvereins DJK Rehde angereist. Einer trägt eine schwarze Pferdemaske, andere singen und schreien durch ein Megaphon, fast alle haben eine Flasche in der Hand. „Ich sehe keine (Sangria-)Eimer mehr“, klagt Yannick. Aber: „Wir lieben Mallorca immer noch. Es ist unsere Insel. Es ist unser 17. Bundesland. So wird es immer sein. Richtig cool. Prost!“

Aber wie hat alles angefangen? Wie wurde der rund 4,5 Kilometer lange Strandabschnitt an der Südküste Mallorcas zum Sehnsuchtsort Nummer eins der Deutschen? Um die Herkunft des Namens „Ballermann“ ranken sich viele Legenden. So soll beispielsweise ein Wirt aus Karlsruhe Anfang der 1970er-Jahre eine Filiale seines gleichnamigen Currywurststandes an der Playa eröffnet und damit großen Erfolg gehabt haben. Doch niemand behauptet nachdrücklicher, die „Erfinder“ des Ballermanns gewesen zu sein, als die Mitglieder des Kölner Fußball-Konterklubs FC Merowinger, die nach eigenen Angaben seit 1972 jeden September in der Strandbar „Balneario 6“ feiern.

Ex-Präsident Werner Dive, der von Anfang an dabei ist, lässt daran keine Zweifel. „Natürlich haben wir das erfunden. Davor gab es nichts“, sagte der 77-Jährige kürzlich dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ „laut und unmissverständlich“. In Interviews mit mallorquinischen Medien behauptet er zudem seit Jahren, dass es damals noch nicht einmal Bier an der Playa gegeben habe. Deshalb kamen sie mit Kölschfässern, aber auch mit Gulasch und Faschingskostümen.

Als sicher gilt, dass „Ballermann“ eine Verballhornung des Wortes „Balneario“ (Kurort) ist. So heißen die seit 1972 durchnummerierten Strandbars an der Playa, von denen es heute 15 gibt. Schon in der Anfangszeit ging es im „Balneario 6“, wo nicht nur die Kölner jahrzehntelang gerne „in die Luft schossen“, hoch her. Seit 2017 heißt das Restaurant, das von Unternehmern und regionalen Behörden im Rahmen der Qualitätsoffensive stilvoll renoviert wurde, „Beach Club Six“. Für viele Stammkunden ein Kulturschock.

Zurück in die 1970er Jahre: Damals öffneten an der Playa immer mehr Diskotheken und Kneipen für die partywütige Menge. Deutsche Schlagerstars wie Bernhard Brink, Costa Cordalis und Jürgen Drews entdeckten die Insel und wurden für Auftritte eingeflogen. Inselgastronom Juan Ferrer war gegen Ende des Jahrzehnts der Erste, der im legendären „Köpi“ importiertes deutsches Fassbier ausschenkte. Der Andrang war groß, die Leute tranken auch auf der Straße, also wurde die Carrer de Miquel Pellisa in „Bierstraße“ umbenannt.

Von da an gab es kein Halten mehr. Das berüchtigte und mittlerweile verbotene „Eimertrinken“ wurde zum Muss. Der Ballermann wurde Kult, Mythos, Lebensgefühl, Subkultur. Mittlerweile gibt es unzählige Dokumentationen, Filme, Studien und Berichte über das Phänomen. Da sind „Ballermann-Musikstars“ wie Mia Julia und Isi Glück, Ikke Hipgold und Tim Toupet. Und nicht nur auf Mallorca, auch in Deutschland werden sogenannte Ballermann-Partys mit „Ballermann-Hits“ und „Ballermann-Feeling“ gefeiert.

Der Hype ging so weit, dass 1993 sogar zwei Bundestagsabgeordnete vorschlugen, Deutschland solle Mallorca für 50 Milliarden Mark kaufen. Manche Mallorquiner waren damals beleidigt, die zunehmenden Auswüchse störten immer mehr. Doch die meisten machten lange Zeit ein gutes Gesicht über das schlechte Spiel. Verständlich. Die Kassen klingelten im Laufe der Jahre immer lauter. Bereits vor der Pandemie sorgte der Tourismus für über 40 Prozent des Nationaleinkommens der Balearen.

Doch der Trubel an der Playa ist dem Rathaus schon lange ein Dorn im Auge. 2013 gibt es die ersten „Verhaltensregeln“. Hoteliers und Gastronomen schließen sich 2016 zur Qualitätsinitiative Palma Beach zusammen. Den Exzessen wird schließlich der Kampf angesagt. „Auf unserer Insel ist kein Platz mehr für Trinktouristen“, sagte Balearen-Regierungssprecher Iago Negueruela erst kürzlich.

Ziel ist es dennoch, die Einnahmen der Branche weiter zu steigern. Dies sei auch mit weniger Touristen möglich als in den Rekordjahren 2018 und 2019, als rund 16,5 Millionen Besucher (überwiegend Deutsche und Briten) gezählt wurden, heißt es. Mit mehr Naturliebhabern, mehr Kultururlaubern, mehr Luxustouristen.

Es ist nicht so, dass es keine Deutschen gibt, die das Projekt verstehen. „Nüchtern betrachtet ist der Ballermann kein schöner Ort. Vor allem im Sommer. Die Sonne brennt, es riecht nach Erbrochenem und Reinigungsmitteln, das Meer ist eine warme Suppe aus Sonnencreme und wer weiß was noch“, so Kolumnist Patrick Schirmer kürzlich schrieb in der „Mallorca Zeitung“. Und selbst der „König von Mallorca“, Jürgen Drews, gab vor einigen Jahren zu, dass er den Ballermann nicht mochte und sich am „Gebrüll und Saufen“ störte.

Aber die Baller-Männer und -Frauen sind anderer Meinung. Wer sich am Strand umhört, hört fast nichts als Kritik an der Entwicklung. „Mittlerweile finde ich das ein bisschen streng“, „Polizei überall“, „Die Leute benehmen sich alle brav hier“ ist zum Beispiel zu hören. Manche, die jedes Jahr kommen, wie Jeannette aus Düsseldorf, überlegen wegen „der vielen Gesetze“, nicht mehr nach Mallorca zu reisen. Doch die meisten wollen der Insel treu bleiben. Dennis aus Rehde spricht Klartext: „Malle ist Malle und das geht immer!“

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