Freitag, August 12, 2022
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Niederlande: Kein Gas mehr aus Groningen – oder doch?

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Das größte Gasfeld Europas befindet sich in der niederländischen Provinz Groningen. Ein Förderstopp ist längst vereinbart – zu groß sind die Risiken für die Anwohner. Aber bleibt es dabei?

Laurens Mengerink zieht einen Backstein aus der Fassade seines Hauses – so weit haben sich die Fugen in der Wand schon mit bloßen Händen gedehnt. Der gesamte Giebel ist einsturzgefährdet, weshalb Mengerink den Vorgarten seit Jahren mit meterhohen Holzstützen bewohnt, die das Haus provisorisch zusammenhalten.

Der technische Zeichner nennt die Situation „erbärmlich“. Sein Haus läuft ihm davon und es ist Zeit für eine Lösung. Mengerink wartet auf einen offiziellen Bericht. Haus verstärken oder komplett abreißen? Eine Frage, die auch viele seiner Nachbarn beschäftigt.

Rund 26.000 Hausbesitzer in der Provinz sind betroffen, viele alte Häuser wurden bereits abgerissen und erdbebensicher wieder aufgebaut. Grund dafür sind die Gasquellen in der Region. Sie lösen künstliche Erdbeben aus und sind in den letzten Jahren immer häufiger geworden.

Ein Wendepunkt war der 12. August 2012, vor ziemlich genau zehn Jahren. Ein Erdbeben der Stärke 3,6 verursachte damals große Schäden, es war das heftigste, das jemals in den Niederlanden gemessen wurde.

Das hat das Land wachgerüttelt, sagt Jan Wigboldus von Groninger Gasberaad. Seine Organisation berät Betroffene. Damals sei klar geworden, „dass in Groningen etwas schief läuft“.

Seitdem gibt es Pläne, die Finanzierung zurückzuziehen. Diese soll nun in diesem Winter fertiggestellt werden, danach wären die Fördertürme in Groningen nur noch eine Notreserve.

Aber seit der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist und die russischen Gaslieferungen in ganz Europa eingestellt wurden, fragen sich viele im Land, ob dieser Notfall schon lange eingetreten ist. Eine Verlängerung der Bohrlöcher liegt plötzlich wieder in der Luft.

Niederländische Politiker rücken nun vorsichtig vom Ausstieg ab. Die Versiegelung alter Bohrlöcher in Groningen wurde vorerst eingestellt.

Und beim letzten EU-Energiegipfel Ende Juli hielt sich Energieminister Rob Jetten eine Hintertür offen: Alle EU-Staaten sollten versuchen zu sparen, aber „in extremen Notlagen, in einer echten Krise“ würden sie noch einmal an Groningen denken.

Aber eigentlich ist das gar nicht nötig – so sieht es Britta van Boven, Managerin beim größten Netzbetreiber des Landes, Gasunie. Sie ist zwar nicht für den Gashandel zuständig, aber für den Transport – auch in Nachbarländer wie Deutschland.

Der Netzbetreiber arbeite schon lange an Alternativen, sagt van Boven. Ein neues Flüssiggasterminal wird gebaut, zusammen mit einer Stickstofffabrik, um das Gas umzuwandeln.

Damit verdoppelt sich die Kapazität in den Niederlanden und soll bis Herbst fertig sein. Dann könnte das Netz ohne weitere Subventionen auf Importgas umgestellt werden.

Auch Deutschland könne so versorgt werden, rechnet der Manager vor. Gasimporte aus den Niederlanden machen derzeit knapp über 11 Prozent des deutschen Verbrauchs aus – zuvor waren es 55 Prozent aus Russland.

Bis zu 35 Milliarden Kubikmeter könnten künftig aus Groningen ins deutsche Netz eingespeist werden, das wäre mehr als ein Drittel des deutschen Bedarfs.

Allerdings, so räumt van Boven ein, müssten dafür die Rahmenbedingungen stimmen: Es dürfe keinen schlimmen Winter geben, Flüssiggas müsse wirklich kommen, und Europa solle weiter Gas sparen.

Eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Wie kommt das in der Region Groningen an, deren Einwohner seit Jahren für eine schnellere Schadenregulierung und mehr Planungssicherheit kämpfen?

Die Diskussion löst neuen Stress aus, sagt Jan Wigboldus von Gasberaad. Die ständige Ungewissheit lastet schon jetzt auf den Menschen. Laut einer Studie der Universität Groningen haben 10.000 Einwohner psychische Probleme, und jedes Jahr gibt es in der Provinz 16 stressbedingte Todesfälle.

Doch der Krieg gegen die Ukraine hat auch hier ein Umdenken ausgelöst. Wenn Europas Versorgungssicherheit nicht anders erreicht werden kann, sind laut einer Frühjahrsumfrage zwei Drittel der Einwohner offen für weitere Gasbohrungen.

Das hat Wigboldus überrascht und er ist stolz: „Das zeigt, dass Menschen bereit sind, ihren Mitmenschen zu helfen.

Pragmatischer sieht Laurens Mengerink, dessen Haus einsturzgefährdet ist. Seine Fassade wurde sowieso zerstört, wegen ihm konnte länger Gas gepumpt werden.

Allerdings nur unter einer Bedingung: Die Gewinne müssen in der Region ankommen, damit die Menschen dort wieder sicher leben können. Ansonsten solltest du es lieber sein lassen.



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Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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