Montag, August 15, 2022
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Nordmazedonien: Nicht um jeden Preis in der EU

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Nordmazedonien ist ein EU-Beitrittskandidat. Dafür hat das Land bereits seinen Namen geändert und will auch die Verfassung umschreiben. Wie aus Hoffnung in der EU Ablehnung wird.

Mehr Nordmazedonien geht fast nicht: Das Bergdorf Zheleznets hat einen Bach, eine Straße, eine Kirche und viele schöne verlassene Häuser. An einer hängt neben den frisch gewaschenen Schaffellen eine rote Fahne mit gelber Sonne: Zlatko Neckoski ist stolzer Mazedonier und einer von zwei Bewohnern des Dorfes – alle anderen sind zur Arbeit gezogen, oft in die EU.

Jetzt kommt die EU zu ihm – die Beitrittsgespräche haben kürzlich begonnen. Zlatko jagt davon. „Ich bin für Souveränität!“ sagt er und klopft sich auf die Brust.

Hier scheint es gegen die EU zu laufen, seit die Regierung versprochen hat, die Verfassung zum Beginn der Beitrittsverhandlungen zu ändern. Die Bulgaren sind als eines der Staatsvölker zu nennen, ebenso Albaner, Türken, Walachen und Roma. Darüber hinaus muss eine Historikerkommission mit bulgarischer Beteiligung feststellen, was die „richtige“ Lesart der mazedonischen Geschichte und Sprache ist. Zlatko ist nicht der einzige, der denkt, dass er zu weit geht:

Das Land hat hier sichtbare Fortschritte gemacht: Die Umstellung auf alternative Energien beispielsweise schreitet zügig voran. In Kičevo entsteht auf einem alten Tagebau ein riesiger Solarpark. Es soll 120 Megawatt leisten, so viel wie das alte Kohlekraftwerk gleich nebenan, zehn Megawatt sind bereits in Betrieb.

Direktor Zlatko Trpevski zeigt uns stolz den Solarpark: „Ohne EU-Förderung wäre es sehr schwierig, solche Projekte durchzuführen“, sagt er. „Dieser Solarpark wurde mit Hilfe eines EIB-Darlehens gebaut. In 10 bis 15 Jahren wird die gesamte mazedonische Energie aus erneuerbaren Quellen stammen.“

Er stimmt zu, dass die EU seinem Land gleichzeitig nützt und schadet. Dieser Kulturstreit ist ein großes Problem. Erkennen Sie, dass Mazedonisch keine Sprache ist, sondern nur das „böse“ Bulgarisch? Er schüttelt den Kopf.

Auf unserer Reise begegnen wir nur wenigen, die damit leben können. Einer ist Ljupco Gorgievski, Direktor des bulgarischen Kulturzentrums in Bitola. Das Gründerzeithaus im jüdischen Viertel gehörte einst einer im Nationalsozialismus deportierten jüdischen Familie.

Ich frage, ist es nicht unsensibel, das Kulturzentrum Ivan Mihailov zu widmen, der mit den Nazis kollaborierte? Bewiesen sei die Zusammenarbeit nicht, sagt Ljupco Gorgievski (anerkannte Historiker sehen das anders), wichtiger sei ihre Rolle in der Geschichte der Bulgaren in Mazedonien. „Die Geschichtsbücher müssen geändert werden!“, sagt er.

„Wir wollen in die Verfassung Nordmazedoniens aufgenommen werden“, erklärt er. „Wir haben die bulgarische Regierung um Hilfe gebeten, und sie hat sich für uns in Stellung gebracht.“ Sie kam sogar zur Einweihung nach Bitola. Eine Provokation, haben viele hier gesagt. Einer hat es sogar angezündet. Die Spuren sind noch deutlich sichtbar. Es hätte böse enden können, sagt Ljupco Gorgievski, denn nebenan sei ein Tanklager. Das Argument hier hat tödliches Potenzial.

Und das ist eine Katastrophe für die gesamte EU, sagt der ehemalige Außenminister Nikola Dimitrow. Er habe die Namensänderung in „Nordmazedonien“ ausgehandelt, „es ging um Differenzierung. Jetzt geht es um Sprache und Kultur!“ Kulturelle Toleranz war jedoch schon immer die Stärke der EU.

Die Mitgliedschaft hängt nicht mehr von Rechtsstaatlichkeit, Wirtschaftskraft und Grundrechten ab, sondern vom guten Willen eines Mitgliedstaats. Das ist ein Rückschritt für die EU. Und für Mazedonien ein unüberwindbares Hindernis. Dimitrow sagt: „Ich sehe nicht, wie die Regierung eine Zweidrittelmehrheit für diese Verfassungsänderung bekommen kann.“ Der Beitritt Nordmazedoniens ist alles andere als sicher.

Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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