Sonntag, Mai 22, 2022
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Oberammergau: Die Auferstehung der Passionsspiele

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Mit zweijähriger Corona-Verspätung wartet Oberammergau auf den Beginn der berühmten Passionsspiele. Obwohl sie vor fast 400 Jahren entstand, ist die Leidenschaft aktueller denn je. Auch der Ukrainekrieg beeinflusste das Spiel.

Wer durch Oberammergau spaziert, merkt sofort, wie ernst die Oberammergauer ihre Leidenschaft nehmen. Auffallend viele langhaarige und bärtige Männer prägen das Straßenbild. Das Haar- und Bartdekret verbietet männlichen Darstellern das Rasieren und Schneiden ihrer Haare.

Nur die römischen Soldaten dürfen einen Kurzhaarschnitt und ein glattes Kinn haben. Damit alles so authentisch wie möglich aussieht, wachsen die Haare ab Aschermittwoch im Jahr vor einer Leidenschaft immer aus dem Ruder. Aber wegen der Corona-Verschiebung waren manche schon fast drei Jahre nicht mehr beim Friseur. Das Ritual ist Kult in der Stadt und bereitet Monate vor der Uraufführung auf die Rolle vor.

Spielberechtigt ist nur, wer in Oberammergau geboren ist oder seit mindestens 20 Jahren im Ort lebt – so schreibt es das Spielgesetz vor. Im Laufe der fast 400-jährigen Passionsgeschichte hat sie sich immer wieder verändert. Zum Beispiel durften bis 1984 keine verheirateten Frauen und Frauen über 35 Jahren spielen. Eine Schande, fanden einige Frauen aus Oberammergau und kämpften für das Mitspracherecht vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof. Passionsspiele sind für die Oberammergauer einfach Leidenschaft und sie kämpfen um eine Rolle auf der Bühne.

Intendant Christian Stückl, der auch Intendant des Münchner Volkstheaters ist, hat seine Leidenschaft erneuert. Seit 30 Jahren veranstaltet der gebürtige Oberammergauer im Dorf die Spiele, die für viele die Welt bedeuten. Stückls Handschrift ist unverkennbar, nicht nur im Text und auf der Bühne, sondern auch hinter den Kulissen. Ihm ist es zu verdanken, dass Mitbürger ohne Kirchenzugehörigkeit und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften teilnehmen dürfen. Vor hunderten von Jahren durften das nur Christen.

Diesmal hat der Theaterregisseur eine der begehrtesten Hauptrollen, die des Judas, an einen Muslim vergeben. Stückl liebt es zu polarisieren und zu provozieren. Flüchtlingskrise, Corona und der Ukrainekrieg tun ihr Übriges. Bühnenbild und Kostüme sind trist und grau – das soll das aktuelle Feeling unterstreichen. Auch den Text hat Stückl neu angepasst. Jesus ist lauter in dieser Leidenschaft und scheint verzweifelter über den Zustand der Welt.

Rund 1800 Teilnehmer nehmen an dieser Leidenschaft teil, darunter Hunderte von Kindern für die großen Volksszenen. Mit einem Durchschnittsalter von rund 30 Jahren ist Passion jünger denn je. Durch die zweijährige Verschiebung brachen gut 300 Bürger ab oder starben einfach. Trotzdem macht fast das halbe Dorf mit.

Oberammergau lebt aus und für Leidenschaft. In erster Linie wollen sie im Dorf das Gelübde einlösen, das die Vorfahren 1633 abgelegt haben, um ihr Dorf vor der Pest zu schützen. Doch Leidenschaft ist der wirtschaftliche Motor fast aller Unternehmen und die Haupteinnahmequelle der Politik außerhalb der staatlichen Förderung.

Das ganze Dorf verkleidet sich für diese Zeit. Hotels bekommen neue Betten, Fassaden werden renoviert, Souvenirläden decken sich mit Waren ein. Für alle – ob Hotels, Bars oder Holzschnitzereien und natürlich die Gemeinde – muss in dieser Zeit verdient werden, von der man die Zeit bis zur nächsten Leidenschaft überbrückt.

2010 waren bei der letzten Passion fast eine halbe Million Gäste in der Stadt. Laut Bürgermeister Andreas Rödl wurden rund 40 Millionen Euro erwirtschaftet. „Andere Orte haben große Konzerne, die Gewerbesteuer zahlen, wir haben einfach die Leidenschaft“, sagte der Bürgermeister.

Ein Drittel aller Gäste kommt aus den USA, Großbritannien und Skandinavien. Aber auch viele andere Nationen sind vertreten. Wie eine Filmkulisse präsentiert sich das Dorf Oberammergau – umrahmt von Bergen, mit Lüftelmalerei an den typischen oberbayerischen Häusern und vielen Holzschnitzereien – meist aus Südtirol – in den Schaufenstern.

Die Corona-Pandemie hat das Leben in Oberammergau mehr als anderswo überschattet. Als Spielleiter Stückl 2020 wenige Tage vor der Premiere mit Tränen in den Augen die Reißleine zog und die Spiele um zwei Jahre verschob, war das für viele in der Stadt ein Schock. Tausende Tickets, Hotelbuchungen und Reisearrangements mussten storniert werden, die Darsteller gerieten in Schockstarre und das Passionstheater verfiel plötzlich in den Winterschlaf.

Als dann auch noch die Inzidenzzahlen neue Rekordwerte erreichten, glaubte noch niemand so recht an eine Premiere in diesem Jahr. Doch so stur die Oberammergauer auch sind, sie haben im Winter ein Hygienekonzept ausgearbeitet.

Ob auf oder hinter der Bühne, jeder musste vor dem Betreten des Passionstheaters einen Corona-Test machen. Auch wenn die staatlichen Vorschriften längst gelockert waren. Geprobt wurde nur in kleinen Gruppen, das war viel Aufwand, aber am Ende hat es sich gelohnt. Im Passionstheater gibt es keine Einschränkungen, alle 4400 Sitzplätze können besetzt werden und es besteht für die Zuschauer keine Masken- oder Testpflicht.

Rund zwei Drittel aller Karten seien verkauft, besonders groß sei die Nachfrage aus Deutschland, sagt Passionsspiel-Geschäftsführer Walter Rutz. Viele würden sich nach dem Corona-Lockdown offenbar nach solchen Kulturveranstaltungen sehnen. Tickets gibt es noch in allen Preiskategorien von 30 Euro bis 180 Euro.

Während für die Besucher alles beim Alten ist, müssen sich die Mitwirkenden weiter selbst testen, um Ansteckungen zu minimieren. Ein weiterer Vorteil ist, dass alle Hauptrollen doppelt besetzt sind. Auch wenn Jesus an Corona erkrankt, kann das Spiel weitergehen.

Die Oberammergauer sind ein kämpferisches Volk. Die Passionsgemeinde steht bei Volksabstimmungen in ganz Bayern an vorderster Front. Ob Bürgerwünsche für das örtliche Freizeitbad, Schneekanonen im Skigebiet oder die Passionsspiele, immer wieder. Von der Gestaltung der Fassade bis hin zur Verlegung der Spiele in den Abend.

Aber alle zehn Jahre ist das Theater vorbei und alle ziehen an einem Strang. Jung und Alt ziehen an einem Strang und schaffen immer wieder Einzigartiges. Egal ob Bühnenbildbau oder Schreinerei, überall legen die Dorfbewohner Hand an, andere studieren Texte für die Sprechrollen, wieder andere engagieren sich im Chor oder Orchester.

Ein halbes Jahr lang werden sie fast täglich zusammen sein, mehr als 100 Auftritte stehen auf dem Spielplan. Es ist eine intensive Zeit und es ist ein Band, heißt es immer wieder. Auch das gesellige Beisammensein kommt nicht zu kurz. Und obwohl die Passionsgeschichte aus vergangenen Zeiten stammt, fasziniert sie vor allem junge Menschen. David Bender ist zum ersten Mal bei der Passion dabei und spielt gleich eine Hauptrolle, der Engel, der als Erzähler durch die Passion führt.

Dabei geht es der 19-Jährigen weniger um den Glauben als vielmehr um das Miteinander. Doch die Rolle prägte ihn immer mehr. Er sagt zum Beispiel, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn mehr Menschen ein Stück von Jesus lernen würden. Die Oberammergauer sind zwar nicht religiöser, aber ihre Leidenschaft hält sie am Boden und beendet so manchen Streit im Dorf.



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