Dienstag, August 16, 2022
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Österreich: Arzt begeht Selbstmord Von Impfgegnern bedroht – von Behörden ignoriert

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Ein österreichischer Impfarzt begeht Selbstmord, nachdem er monatelang Morddrohungen erhalten hat. Polizei und Ärzteschaft nehmen ihre Befürchtungen nicht lange ernst und werfen dem Arzt vor, die Öffentlichkeit zu pushen.

Die österreichische Impfexpertin Lisa-Maria Kellermayr hat sich das Leben genommen. Zuvor machte sie lange und eindringlich auf Hass und Drohungen aufmerksam, die sie aus dem Anti-Impf-Camp erreichten. Diese Menschen nahmen die Impfaufrufe von Kellermayr entgegen sehr ernst in der Pandemie. Sie reagierten mit Gewalt- und Terrorphantasien. Viele andere nahmen Kellermayr nicht ganz so ernst: Behörden und Ärztevertreter taten den Landarzt lange als aufsehenerregenden Angeber ab.

Mit der Corona-Pandemie steht Kellermayr im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Vor Corona twitterte sie nur gelegentlich über persönliche Themen. Anfang letzten Jahres fand Kellermayr jedoch ein größeres Publikum, weil sie ihren Ansatz zur Behandlung von Covid vehement propagierte: einen Asthma-Inhalator. Damals, Anfang 2021, kam sie aus dem Corona-Notdienst und war dabei, ihre eigene Praxis zu eröffnen. Kellermayr hat arbeitsreiche Monate hinter sich: Mit Ausbruch der Pandemie tritt sie in den „hausärztlichen Notdienst“ ein, fährt mit Krankenwagen quer durchs Land und kämpft gegen eine Krankheit, über die es in der Schule noch wenig Wissen gibt.

Im Frühjahr 2021 wird sie ihre eigene Praxis eröffnen. Sie gibt Interviews, wirbt für ihren Ansatz und wirft den Experten vor, sie lange nicht gehört zu haben. Hunderte Male hatte sie den Inhalator mit dem Wirkstoff Budenosid erfolgreich eingesetzt, doch ihre Bemühungen, diese Erfolge bekannt zu machen, blieben erfolglos.

Einige Kollegen wurden aber offenbar auf das Vorgehen von Kellermayr aufmerksam: Nach Angaben von Kellermayr kontaktierte die Firma Astrazeneca den Landarzt, weil sich die Zahl der verschriebenen Budenosid-Präparate vervielfacht hatte. Allerdings will der Pharmakonzern Kellermayr nicht unterstützen. Vielmehr weist er Kellermayr darauf hin, dass sie allein für den Einsatz des Medikaments verantwortlich sei – schließlich gebe es keine behördliche Zulassung.

Erst als Bundesgesundheitsminister Lauterbach über mögliche Auswirkungen des Inhalators auf Covid-Erkrankungen twitterte und eine Oxford-Studie mit 73 Probanden erste Hinweise lieferte, wurde der Ansatz einem breiten Publikum bekannt. Kellermayr ist außer sich: „Hätten wir Leben retten können, wenn ich ein älterer Mann wäre?“ Fragt sie auf Twitter. Kellermayer fühlt sich zu Unrecht übergangen – denn sie ist eine Frau, jung und „nur“ Hausärztin.

Doch Kellermayr gibt nicht auf. Wo immer sie kann, spricht sie weiterhin über ihren Ansatz, fördert die Impfung und führt die Impfung selbst durch. Sie kritisiert die österreichische Bundesregierung, schreibt gegen Verschwörungsgeschichten von Impfgegnern und wird im Sommer 2021 antreten Berliner Halbmarathon. Es sei wichtig, den Körper für die nächste Corona-Welle zu trainieren, sagt sie.

Immer wieder macht Kellermayr auf Twitter, Facebook und Instagram Anfeindungen öffentlich, die auf sie niederprasseln. Sie wird gescholten, weil sie Menschen impft und darüber redet. Aber auch Kellermayr wird beleidigt, weil sie eine Frau ist und nicht den ästhetischen Vorstellungen ihrer Gegner entspricht.

Nach Angaben der österreichischen Polizei versammelten sich am 16. November vergangenen Jahres rund 600 Menschen vor dem Klinikum Wels-Grieskirchen. Kellermayr postet ein Video der Demonstration. Sie beklagt, dass die „Verschwörungstheoretiker“ den Haupteingang der Klinik und den Notausgang des Roten Kreuzes blockieren. Die oberösterreichische Polizei bezeichnete den Tweet von Kellermayr als Falschmeldung: Rettungskräfte seien nicht behindert worden. Die österreichische Zeitung „Der Standard“ erklärte am nächsten Tag, der Ausgang sei eigentlich gesperrt gewesen, das Rote Kreuz habe aber eine Alternativroute in petto.

Kellermayr hatte wohl Recht, aber das hätte ihr nicht viel helfen sollen. Für die Impfgegner ist die Geschichte ein Glücksfall: Sie sehen sich von der Polizei bestätigt und Kellermayr der Lüge überführt. Der Arzt steht jetzt viel mehr im Kreuzfeuer als zuvor. Der Streit zieht auch einen Menschen an, der sich „Claas“ nennt.

Er bedroht Kellermayr und ihre Mitarbeiter besonders detailliert: In erschreckenden Details erklärt er in zahlreichen Nachrichten, wie er die Ärztin und ihr Team foltern und töten will. Kellermayr alarmierte die österreichische Polizei. Weil sie sich durch die nicht ausreichend geschützt fühlt, investiert Kellermayr nach eigenen Angaben rund 100.000 Euro in einen privaten Sicherheitsdienst. Die Polizei schickt täglich eine Patrouille, das Privatunternehmen sichert vier Schmetterlingsmesser von Besuchern, die als Patienten getarnt sind.

Nur einen Tag nach dem November-Protest forderte Kellermayr die Beamten auf, den Tweet zu löschen, über den sich so viele ihrer Gegner freuten. Keine Reaktion. Auch gegen die Person, die Kellermayr offenbar am meisten fürchtet, stellte die Polizei die Ermittlungen ein. „Claas‘“ Morddrohungen „machten ihr richtig Angst“, zitierte der österreichische „Falter“ aus einem Interview mit Kellermayr. Sie lebt in Panik und weiß nicht, wie lange sie ihre Praxis noch am Laufen halten kann. Laut der Zeitung sah die Polizei „keine Drohungen oder Verdachtsmomente“.

Als Kellermayr Ende Juni bekannt gab, ihre Praxis schließen müssenwurde der Fall auch in Deutschland öffentlich. Ein Hacker wird sich bald melden. Sie liefert Hinweise auf Rechtsextremisten in Deutschland, was hinter dem Namen „Claas“ stecken könnte. Nach Informationen der „taz“ schritten deutsche Behörden daraufhin ein. Es bleibt jedoch eine Aufforderung, der niemand gehorcht. Für die Deutschen war der Fall damit erledigt.

Noch vor einem Monat hatte ein Polizeisprecher im österreichischen Fernsehen gesagt, Kellermayr habe die Polizei nur kritisiert, um „sich in die Öffentlichkeit zu drängen“. Erst als der österreichische Staatssicherheitschef Omar Haijawi-Pirchner eingreift, fühlt sich Kellermayr ernst genommen. Sie dankt ihm in einem ihrer Abschiedsbriefe. Sie erzählt „Falter“, dass Hajawi-Pirchner die einzige war, die auf sie gehört hat. Trotzdem erhält Kellermayr vom österreichischen Staat nicht den geforderten Polizeischutz.

Im Gegenzug erhalte sie weiterhin Nachrichten von „Claas“ – und Stellenangebote: Man habe ihr eine Stelle als Gefängnisärztin oder eine im Skigebiet Galtür angeboten, sagte sie „Falter“. Wolfgang Ziegler, Vertreter der Ärztekammer, zeigte sich daher in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ zuversichtlich: Ein Nachfolger für Kellermayrs Praxis könne problemlos gefunden werden. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Die „taz“ zitiert den Vertreter mit der Frage, „ob man sich auf Twitter zu jedem Thema exzessiv äußern soll“. Manchmal ist es besser, sich zurückzuziehen.

Kellermayr hatte das offenbar vor. Mehrere Zeitungen berichten, dass der Arzt über den Sommer eine Auszeit im Ausland oder in den Bergen plante. Dazu kam es nicht mehr. Dem „Falter“ sagte Kellermayr Anfang Juli, sie sei „buchstäblich am Verrücktwerden“. Wenn hinter ihr Autoreifen quietschten, zuckte sie zusammen. Laut „Falter“-Chefredakteur Florian Klenk war Kellermayr „traumatisiert, geschockt, verängstigt und gefangen in dem Schreckensszenario, das ihre Verfolger für sie gemalt haben“.

Laut „Kronen Zeitung“ versuchte Kellermayr vor zwei Wochen, sich das Leben zu nehmen. Nach einer Nacht in der Nervenheilanstalt wurde sie entlassen. Der „Falter“ schrieb: „Das war das Drama dieser engagierten Ärztin: Sie wurde nicht ernst genommen. Nicht bis zum Schluss.“



Leo V.
Leo V.
Ich arbeite seit ca. 4 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik, Unterhaltung, Technik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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