Freitag, Juni 24, 2022
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Ohne Therapie im Altenheim geraten pflegebedürftige junge Menschen schnell ins Abseits

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Viele schieben den Gedanken an die eigene Pflegebedürftigkeit in die Ferne. Das geht bis ins hohe Alter. Doch seit Jahren steigt die Zahl jüngerer Menschen, die nach schweren Erkrankungen oder Unfällen gepflegt werden müssen. Viele landen in Altersheimen, obwohl Experten sagen, dass dies die schlechteste Option ist.

Pflegeheime sind Orte für alte Menschen. So würden es viele gerne sehen. Allerdings sind knapp 17 Prozent der Pflegefälle in Deutschland unter 65 Jahre alt. Die meisten dieser pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause gepflegt. Aber nicht immer gibt es Familienmitglieder, die sich das leisten können. Dann ist auch für diese jüngeren Menschen die Unterbringung in einem Pflegeheim die einzige Option.

Einige Pflegeheime haben inzwischen Abteilungen, die auf „junge Pflege“ spezialisiert sind. Hier werden überwiegend Menschen zwischen 20 und 65 Jahren aufgenommen und versorgt, die nach Unfällen oder Erkrankungen wie ALS, Multiple Sklerose oder einem Schlaganfall pflegebedürftig sind. Es sind Menschen wie Sandra, die nach einem schweren Schlaganfall halbseitig gelähmt ist und nicht mehr sprechen kann. Sie ist nicht einmal 50 Jahre alt und seit mehreren Jahren bettlägerig.

Die investigativen Reporter der RTL-Sendung „Team Wallraff – Jetzt mehr denn je“ lernen die Frau im Braunschweiger Alloheim Braunschweig kennen. Seit rund drei Jahren gibt es im Heim eine auf pflegebedürftige Jugendliche spezialisierte Station. Verteilt auf zwei Stockwerke leben hier 22 Bewohner, die meisten davon mit der höchsten Pflegestufe 5.

„Die Pflegeversicherung ist stark auf die Pflege alter Menschen ausgerichtet“, sagt Stefan Nolte gegenüber The Aktuelle News. Vor zehn Jahren begann er mit dem Bau von Betreuungseinrichtungen für pflegebedürftige Jugendliche für Malteser. „An Leute, die viel jünger sind, hat man lange nicht gedacht.“ Die Nachfrage steigt seit Jahren. „Es gibt mehr Menschen in einer solchen Lebenssituation, die selbstständig nach einer Versorgungsidee suchen“, beobachtet Nolte.

Pflegeeinrichtungen sind Experten zufolge nicht unbedingt auf diese Menschen vorbereitet. „Ein Alten- und Pflegeheim ist die schlechteste Option, wenn ein junger Mensch in dieses System kommt. Nichts passt zusammen, weder das Wohnumfeld noch der Tagesablauf“, sagt Nolte. Das bestätigen auch Anna Pape und Sarah Bremer. 2017 haben Sie Ihre Bachelorarbeit an der Hochschule Emden/Leer über die besonderen Anforderungen an eine bessere Versorgung pflegebedürftiger junger Menschen geschrieben. Ihr Leitsatz lautete „Ein Zuhause ist kein Krankenhaus. Ein Zuhause ist ein Ort zum Leben“.

Die beiden Ergotherapeuten hatten jeweils Schlüsselerlebnisse mit Jugendlichen, die in Altersheimen gelandet waren. Bei Pape war es ein junger Mann, dessen Arme und Beine gelähmt waren. Die Senioren im Heim wollten oft nicht, dass er an den Angeboten im Heim teilnimmt. „Sie mochten ihn, aber er war einfach zu schnell im Kopf“, sagt Pape gegenüber The Aktuelle News. Bremer betreute einen Patienten Mitte 40, der nach einem Motorradunfall pflegebedürftig war. „Er hatte eine Frau und Kinder, aber die Familie war mit der häuslichen Pflege seiner Hemiplegie überfordert“, erinnert sich Bremer. Dass er nicht mehr in seinem eigenen Haus wohnen, in seinem Garten sitzen konnte und stattdessen nur noch unter den Alten war, ließ den Patienten jeden Lebensmut verlieren.

Als Mindestvoraussetzung für die „Young Care“ sehen die beiden Ergotherapeuten getrennte Räumlichkeiten, mindestens eine eigene Station oder noch besser eine eigene Einrichtung. Auch Nolte ist überzeugt: Wer einen Bereich für junge Pflegekräfte einrichten will, muss mit der Altenheimlogik brechen. Das Wohnumfeld besteht zwar auch aus individuellen Räumen für pflegebedürftige Jugendliche, muss aber mehr Gestaltungsmöglichkeiten bieten, beispielsweise mit Möbeln oder Bildern. Besonders wichtig sei auch der Gemeinschaftsbereich, „in dem man nicht nur gemeinsam essen, sondern vielleicht auch kochen, Filme schauen oder feiern kann“. Nolte, der bereits die dritte Einrichtung für junge Menschen in Pflege eröffnet hat, legt besonderen Wert darauf, auf die technischen Bedürfnisse der Pflegebedürftigen einzugehen. „Man muss alles bieten können, was die moderne digitale Welt verlangt.“

Pape und Bremer weisen in ihrer Studie darauf hin, dass viele mögliche Ausstattungen oder Ausstattungsmerkmale nicht gesetzlich verankert sind, was Pflegeheimbetreibern viel Spielraum lässt. „Aus Sparsamkeitsgründen wird in diesem Bereich oft nur das Nötigste verbaut“, schreiben sie.

Das Alloheim Braunschweig verlangt monatlich 5380,18 Euro für einen Pflegeplatz für Senioren in der höchsten Pflegestufe. Das Entgelt für das Heim auf der Station „Junge Pflege“ wird in der Pflegestufe 5 auf knapp 6.000 Euro geschätzt. Allerdings betont der Pflegeheimbetreiber Alloheim gegenüber RTL, dass es nicht in erster Linie um Zusatzgewinn gehe. Stefan Nolte von den Maltesern macht deutlich, dass „Young Care“ für den Anbieter grundsätzlich nicht lukrativer ist als ein klassisches Altenheim, weil das Angebot auch mehr Leistungen umfasst. „Wenn das nicht der Fall ist, hat man Geld übrig, aber das finde ich nicht schlimm.“

In Sandras Zimmer in Braunschweig gibt es kaum persönliche Gegenstände, meistens läuft der Fernseher. Die Ergotherapeuten Pape und Bremer ziehen in ihrer Arbeit ein klares Fazit. Karge und unpersönliche Räume führen dazu, dass sich „Bewohner nicht wohlfühlen und der Genesungsprozess dadurch verzögert wird“. Ein weiterer wesentlicher Faktor für eine gute Versorgung sind daher adäquate und individuell angepasste Therapien. Dann kann die Pflegebedürftigkeit im besten Fall sogar wieder sinken.

Der Pflegeheimbetreiber in Braunschweig rechtfertigt die Kosten eines Heims mit dem „größeren Therapieangebot, das durch hausinterne Ergotherapeuten sichergestellt wird“. Zum Zeitpunkt des RTL-Drehs wurde der Therapieraum allerdings kaum genutzt. Dennoch betont Alloheim auf Nachfrage, „dass der Therapieraum entsprechend den Therapieplänen der Ergotherapeuten regelmäßig genutzt wird“.

„Die aktivierende Pflege dauert länger“, erklärt Ergotherapeutin Bremer. „Wenn ein 85-Jähriger auf dem Duschhocker sitzt und geduscht wird, kann es fünf Minuten dauern. Wenn jemand ein Duschtraining macht, um diese Fähigkeit wiederzuerlangen, kann es 25 oder 30 Minuten dauern.“ In vielen Einrichtungen scheitert dies jedoch am knappen Personal. Nolte sieht daher vor, dass nicht nur die Pflegekasse zur Finanzierung herangezogen wird. „Ich halte es für sinnvoll, ressort- und sozialordnungsübergreifend zusammenzuarbeiten, also Ansprüche zu nutzen, die ein Jugendlicher auch aus anderen Quellen hat.“ In Frage kämen seiner Meinung nach die Integration oder die Behindertenhilfe.

Laut dem Barmer Pflegereport aus dem Jahr 2017 sind die häufigsten Erkrankungen bei pflegebedürftigen jungen Menschen Lähmungen des Körpers, aber auch geistige Behinderung, Epilepsie oder das Down-Syndrom. Jüngere Menschen, die zum Beispiel mit beiden Beinen im Leben kurz vor einem schweren Unfall standen, berufstätig waren oder viel gereist sind, haben noch ein klares Bild davon, wie sie sich ihr Leben vorstellen. Ergotherapeutin Anna Pape stellt sich Pflegeeinrichtungen mit WLAN vor, in denen die Bewohner Playstation spielen und den nächsten Tag individuell auf ihrem Tablet planen können. Manchmal können sie länger schlafen, manchmal geht es früh los – zum Beispiel bei einem Ausflug. Es gibt Parteien und Krankenschwestern, die speziell für die Betreuung junger Menschen ausgebildet sind. Noch ist es Zukunftsmusik, die Pflege ist eine der politischen Dauerbaustellen.

Sarah Bremer und Anna Pape ließen das Thema auch nach Abschluss ihres Studiums nicht los. „Uns macht es Sorgen, wenn wir junge Patienten behandeln und diese in ein Altersheim entlassen werden“, sagt Bremer. Sandra, die zu Beginn der RTL-Dreharbeiten in Braunschweig künstlich ernährt wurde und nicht sprach, hat jetzt eine neue Betreuerin. Sie sorgte dafür, dass Sandra Bildkarten bekam, um die Sprache zu fördern. Außerdem kann Sandra wieder selbstständig essen. Sie ist der beste Beweis dafür, dass Förderung und Unterstützung pflegebedürftiger junger Menschen in der Rehabilitation immer positive Entwicklungen sind.

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