Samstag, September 24, 2022
StartNACHRICHTENOlympia-Attentat 1972 - das Versagen der Behörden

Olympia-Attentat 1972 – das Versagen der Behörden

- Anzeige -


Bei den Olympischen Spielen 1972 in München wurden elf israelische Sportler ermordet. Eine Recherche von BR zeigt anhand neuer Dokumente und Aussagen, wie weitgehend deutsche Behörden versagt haben.

Walter Renner war am 5. September 1972 als einfacher Streifenpolizist in Olympia-Dorf im Einsatz. An das Chaos erinnert sich der inzwischen pensionierte Polizist noch heute: „Letztendlich waren wir überhaupt nicht auf diese Situation vorbereitet. Überhaupt nicht.

Im August kehrte Renner an den Tatort zurück und erinnert sich: Vor der Tür des Hauses in der Connollystraße 31 sollten er und seine Kollegen – allesamt junge Stadtpolizisten ohne Zusatzausbildung – die Terroristen auf dem Weg zum Tatort ausschalten Fluchtfahrzeug. Doch der Einsatz scheiterte, auch weil Fernsehkameras nicht nur die Verhandlungen mit den palästinensischen Geiselnehmern live übertrugen, sondern auch die Vorbereitungen der Polizei auf den Einsatz.

Walter Renner ist überrascht, als er unveröffentlichte Dokumente, Ergebnis einer BR-Recherchen, gezeigt: Die Behörden hatten vor allem Asylbewerber und Asylanträge von osteuropäischen Olympiamannschaften erwartet. Sogar der Bundesnachrichtendienst war in die monatelangen Vorbereitungen eingebunden. Am 31. Mai 1972 erhielt er den Auftrag, für Asylbewerber aus dem Ostblock Formulare in 12 Sprachen zu erstellen Bericht München darf nun erstmals veröffentlicht werden. Zitat aus einem Formular des Bundesministeriums des Innern von 1972: „Ich bitte die Behörden der Bundesrepublik Deutschland um politisches Asyl. Ich bitte Sie, zu meiner Sicherheit (… und werde…) die Unterkunft nicht verlassen Bereich bis zum Ende der Olympischen Spiele.“ Die Sicherheitsbehörden hatten damals an alles gedacht, nur nicht an einen Terroranschlag.

Ankie Spitzer verlor ihren damaligen Ehemann, den israelischen Fechter Andrej Spitzer, bei dem Attentat von 1972. Bis heute ärgert sie nicht nur das Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden bei dem Attentat. In den folgenden Jahrzehnten wurden sie und die anderen Überlebenden von Politikern und Behörden belogen und gedemütigt.

Fast alle erwägen nun ernsthaft, aus Protest die Gedenkveranstaltung am 5. September in München zu boykottieren: Spitzer sagt, sie hätten zwar eine Rede halten sollen, sie wisse aber nicht, wofür sie Deutschland danken solle. Denn laut Spitzer: „Deutschland hat nichts für uns getan, das Gegenteil ist richtig.“

Tatsächlich berichtete das ARD-Politmagazin Bericht München schon 2013 über einen ungeheuerlichen Verdacht: Nur wenige Wochen nach dem Olympia-Anschlag 1972 soll es einen geheimen „Deal“ zwischen Deutschland und den Palästinensern gegeben haben. Drei der Geiselnehmer überlebten den Angriff. Sie saßen in München im Gefängnis – ein Sicherheitsrisiko für Deutschland. Dann wurden sie auf spektakuläre Weise plötzlich freigelassen.

Am Morgen des 29. Oktober 1972 – sieben Wochen nach dem Olympia-Anschlag – wurde die Lufthansa-Maschine LH 615 auf dem Flug von Beirut nach München entführt. Die palästinensischen Entführer forderten die Freilassung der drei überlebenden Olympiabomber.

Zu diesem Zeitpunkt ist in München alles wie durch ein Wunder vorbereitet. Im Münchner Staatsarchiv findet sich ein Brief des Münchner Polizeipräsidenten – geschrieben elf Tage vor der Flugzeugentführung. Es gehe um die „mögliche Abschiebung der drei festgenommenen Araber“ und die Bedingungen für ihre Freilassung. In dem Dokument heißt es: „Um die mit der Abschiebung verbundenen Formalitäten (…) beschleunigen zu können, hat das Ordnungsamt bereits Ausweisungsverfügungen erlassen, die beim Landeskriminalamt München verwahrt werden.“

War die Lufthansa-Entführung eine Falle? Es spricht viel dafür und nichts dagegen. Am Tag der Entführung war auch der Stadtpolizist Walter Renner im Einsatz, der später Leiter der Pressestelle der Münchner Polizei wurde. Er eskortierte die drei Angreifer zum Flughafen München-Riem. Erstmals erzählt er in einem Interview Bericht München: In Polizeikreisen wusste man schon vorher von der Befreiung: „Es kam nicht aus heiterem Himmel. Ich wusste schon von Unteroffiziersdraht, da hat mir einer von der Kriminalpolizei gesagt, dass es früher oder später passieren wird.“

Wollte Deutschland seine eigenen Fehler vertuschen? In Großbritannien könnte Bericht München bereits 2013 Akten in den National Archives einsehen konnten, in denen das Außenministerium in London seine Korrespondenz mit seiner Botschaft in Tripolis ablegt.

Ein Gespräch mit dem deutschen Botschafter in Tripolis vom Oktober 1972 ist dokumentiert. Darin heißt es: „… die Deutschen wussten im Voraus, dass am 30. Oktober etwas passieren würde.“ Und weiter: „… man hat in Tripolis 15 Tage auf die Entführung der Lufthansa-Maschine gewartet.“

Wollte Deutschland mit der Freilassung einen öffentlichen Prozess vermeiden? Das denkt zumindest Ankie Spitzer, die Witwe des in München ermordeten israelischen Fechttrainers Andrej Spitzer. Sie wirft den deutschen Behörden nicht nur Schlamperei vor, sondern sieht das Verhalten der Bundesregierung auch als Vertuschungstaktik: „Um das eigene Versagen zu vertuschen, war es der beste Weg, den Attentäter schnell loszuwerden. Auf diese Weise könnte man eine echte Untersuchung vermeiden.“

Mehr dazu heute um 21.45 Uhr im ARD-Politmagazin report München.



Quelllink

Abgel T
Abgel T
Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
ZUGEHÖRIGE ARTIKEL

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Anzeige

Am beliebtesten

Letzte Kommentare