Montag, November 29, 2021
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Patiententransfer: Wie funktioniert das Kleeblattsystem?

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Angesichts der Lage auf den Intensivstationen müssen Covid-Patienten aus Süd- und Ostdeutschland in andere Bundesländer verlegt werden. Erstmals hilft die Bundeswehr. Doch wie funktioniert das „Kleeblatt“-Prinzip?

Erstmals in der vierten Corona-Welle sollen in den kommenden Tagen bundesweit Dutzende Intensivpatienten umgesiedelt werden. Thüringen, Bayern und Sachsen sind derzeit besonders betroffen. Sie müssen bereits Patienten aus den eigenen Krankenhäusern in Kliniken in anderen Bundesländern bringen lassen. Neun Bundesländer haben sich bereit erklärt, Patienten aufzunehmen.

Erstmals hilft die Bundeswehr bei dieser überregionalen Verlegung von Intensivpatienten. Ein speziell für medizinische Evakuierungen ausgerüstetes flugbereites Transportflugzeug Airbus 310 der Bundeswehr soll im Laufe des Tages zu einem Flug vom bayerischen Memmingen zum Flughafen Münster/Osnabrück in Nordrhein-Westfalen abheben, sagte ein Sprecher der Luftwaffe in Köln.

Die derzeit besonders betroffenen Länder haben das sogenannte Kleeblatt-Konzept für die Verlagerung aktiviert. Aber was ist das eigentlich – und was bedeutet es für die Patienten?

Das System wurde vor dem Hintergrund der ersten Corona-Welle im Jahr 2020 eingeführt. Die Idee: Um Überforderungen in einzelnen Krankenhäusern zu vermeiden, soll es möglich sein, Patienten innerhalb eines Kleeblattes, zu dem noch benachbarte Bundesländer gehören, problemlos zu bewegen. Nach Angaben der Intensivmediziner-Vereinigung Divi passiert dies seit Anfang Oktober in großer Zahl. Ist dies innerhalb eines Kleeblattes nicht mehr möglich, sollen bundesweite Umzüge möglich sein. Dazu muss das System politisch „aktiviert“ werden. Dann wird zwischen Bund, Ländern und Experten des Robert-Koch-Instituts abgestimmt, welches Bundesland noch Kapazitäten hat, in welches Krankenhaus die Patienten idealerweise gehen sollen und welche Transportmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Laut Divi wurde das System nun von Bayern, das besonders von Corona betroffen ist, sowie von Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Berlin aktiviert. Bayern bildet das Kleeblatt Süd, die anderen Bundesländer zusammen mit Sachsen-Anhalt das Kleeblatt Ost. Von dort sollen nun bundesweit rund 80 Patienten verlegt werden – vornehmlich in weniger von der Pandemie betroffene Regionen.

50 Corona-Intensivpatienten werden voraussichtlich aus Bayern verlegt. Etwa zehn davon könnten allein aus München kommen. Zehn Patienten aus Thüringen sollen nach Schleswig-Holstein kommen. Weitere Ermittlungen in Richtung Hamburg, Bremen und Niedersachsen seien erfolgt, hieß es aus dem dortigen Gesundheitsministerium. Besonders betroffen sind der Südwesten und die Mitte des Freistaates. 20 Patienten, vorzugsweise aus dem Klinikcluster Chemnitz, sollen aus Sachsen umgesiedelt werden. Berlin plante zunächst keine Verlagerungen.

Die Intensivstationen in den betroffenen Kleeblättern wurden in den letzten Wochen überflutet. In Bayern, Berlin, Sachsen oder Sachsen-Anhalt war am Mittwoch noch weniger als jedes zehnte Intensivbett frei. In Bayern, Sachsen und Thüringen war jeweils rund ein Drittel der Betten mit Covid-19-Patienten belegt. „Es ist jetzt wirklich Alarmstufe Rot“, sagte eine Sprecherin des Innenministeriums von Sachsen-Anhalt, an das die Koordination des Ostkleeblatts angedockt ist. Zwar seien in einigen Kreisen noch Intensivbetten frei, hieß es aus Thüringen – aber auch diese müssten freigehalten werden, um Unfallpatienten weiterhin versorgen zu können.

Der Großteil der ersten rund 80 geplanten Umzüge geht auf Covid-19-Patienten zurück, wie die Arbeitsgruppe der Innenministerkonferenz für Brandbekämpfung, Rettung, Katastrophenschutz und Zivilschutz mitteilte. Nur in Ausnahmefällen konnten Patienten mit anderen Erkrankungen verlegt werden. Generell sieht das Kleeblatt-Konzept laut einem Kriterienkatalog von Divi nur die Verlegung von Covid-Patienten vor. Zudem sollen die Patienten in einem stabilen Zustand sein und nicht mehr auf einer künstlichen Lunge liegen müssen. Schwerkranke, die in Bauchlage beatmet werden, seien nicht transportabel, sagte die Leiterin der Krankenhauskoordination in München, Viktoria Bogner-Flatz.

Angesichts der langen Distanz müssen beispielsweise Thüringer Patienten nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums für den Transport per Helikopter vorbereitet werden. Aber das hängt vom Zustand des Patienten ab. Auch in Bayern werden Transporte per Helikopter, mit Maschinen der Bundeswehr oder an Land erwartet. Eine Sprecherin des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe teilte mit, dass der Flugweg nicht immer genutzt werde. Bei schlechtem Wetter könnte auch ein Transport auf dem Land sinnvoll sein. Dafür gibt es speziell ausgestattete Intensivtransportwagen, die meist nicht weiter aufgerüstet werden müssen. Sollten irgendwo zusätzliche Transportkapazitäten benötigt werden, können die Länder dies über das gemeinsame Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern (GMLZ) erfragen.

Ärzte und Transferverantwortliche zeichnen ein alarmierendes Bild. „Manchmal haben wir in München kein einziges Intensivbett zur Verfügung. Wir telefonieren stundenlang, um Patienten aufzunehmen, die sich möglicherweise noch im Schockraum befinden“, sagte Bogner-Flatz. Schon jetzt werden Patienten früher als sonst von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt und von dort früher entlassen – mit allen damit verbundenen Risiken. „Wir haben durch die Notlage Behandlungsstandards geschwächt und mussten sie aufgeben – weil wir für manche Dinge nicht die Ressourcen bereitstellen können, die wir brauchen“, sagte Bogner-Flatz. „Als Intensivmediziner bewegt man sich nicht gerne so. Aber die Zeit ist gekommen, dass wir es tun müssen – weil es noch schlimmer wird.“



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