Samstag, Mai 21, 2022
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Pflegedienst in Berlin "Wir sind der einzige soziale Kontakt des Tages"

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Millionen Menschen in Deutschland sind auf Pflege angewiesen. Rund 300 davon betreut das „Renafan-Netzwerk“ in Berlin-Schöneberg. Ein Einblick in die Branche, die ein Eckpfeiler der Gesellschaft ist, aber oft wenig Wertschätzung erfährt.

Herr Wyczeski (Name geändert) sitzt bereits mit geradem Rücken auf dem Bett und wartet auf das tägliche Ritual. Die Wohnungstür ist nur angelehnt, das Klopfen ist also rein rhetorisch. „Wir sind es, der Pflegedienst, guten Morgen“, singt Seid Halilcevic und rutscht auf den blauen Überschuhen aus. Die Hände an der Wand zeigen auf 10.10 Uhr. Ruhig öffnet der schlanke Mittzwanziger seine Pflegetasche und holt die Desinfektionstücher heraus – das Signal für Herrn Wyczeski, sein T-Shirt auszuziehen und die wohl 15 Zentimeter lange klaffende Stelle freizulegen , offene Wunde auf der rechten Seite seiner Brust. „Lungenkrebs“, sagt Herr Wyczeski trocken, „man hat mir einen Flügel abgenommen, aber dafür hat man zwei.“

Die morgendliche Maisonne scheint durch die offene Balkontür, die den kalten Qualm aus der kleinen Berliner Plattenbauwohnung herauslässt. Im Hintergrund redet der Radiomoderator pausenlos, ohne dass jemand zuhört. „Wann fährst du in die Schweiz?“ fragt Seid beiläufig, während er die tiefe Wunde desinfiziert und reinigt, damit sie nicht „ausläuft“. „Bald“, versichert Herr Wyczeski, auf dem Bett liegend. Dort lebt sein Sohn und seit vier Wochen sein neugeborener Enkel, den er besuchen will. Seids Hände arbeiten routiniert, geübte Griffe, schon hundertfach gemacht. Trotzdem zuckt Herr Wyczeski zusammen, als das Desinfektionstuch tief in die Wunde eindringt. Das sei auch nach drei Jahren noch so – „und werde es immer bleiben“, sagt der 66-Jährige.

Nach zehn Minuten sitzt Seid wieder im bunten „Renafan“-Dienstwagen und hakt ab: Wyczeski, Gips gewechselt. Die Liste, die Seids Schicht strukturiert, enthält 25 Namen und Adressen, auf die Minute genau getaktet, daneben die zu erbringenden Leistungen: Insulinspritze einsetzen, Tabletten mitbringen, Verband wechseln. Von Mensch zu Mensch ist nicht nur das Firmenmotto, sondern auch Seids Alltag. Der junge Mann mag den Kontakt zu Kunden und wollte schon immer Menschen helfen. „Es ist viel zu tun, aber ich versuche, mich nicht zu stressen.“ Sein Beruf ist die medizinische Versorgung, eines von vielen Spezialgebieten. Für die Kunden geht es aber auch darum, was nicht auf der Liste steht: das kurze Gespräch, die Gewissheit, dass morgen wieder jemand kommt. „Für manche sind wir der einzige soziale Kontakt des Tages.“

Pflege, einschließlich einer Vielzahl von Pflegebereichen, Berufsbildern und Tätigkeiten. Sie alle eint ein seit Jahren ausgerufener „Notstand“, der eigentlich Alarm schlagen sollte, aber fast zur Gewohnheit geworden ist. Die Zahl der Beschäftigten in Pflegeberufen ist in den letzten Jahren gestiegen. 2021 kamen bundesweit im Vergleich zum Vorjahr rund 44.300 Menschen hinzu, doch immer mehr Menschen sind auf Pflege angewiesen. Zwischen 2009 und 2019 stieg ihre Zahl um 76 Prozent. Darüber hinaus werden in den nächsten zwölf Jahren eine halbe Million Pflegekräfte in Rente gehen. „Fachkräftemangel“ ist das Wort der Stunde.

„Kunden gibt es immer genug, was vielen fehlt, ist das Personal“, stimmt Gordana Sakic zu. Sie ist Geschäftsführerin des „Renafan-Netzwerks für ambulante Pflege“ in Berlin-Schöneberg. Die Zentrale liegt mitten im bunten, lebendigen Regenbogenkiez. Ihre rund 300 Klientinnen und Klienten leben überwiegend in der Umgebung und werden zu Hause oder in ambulanten Wohngemeinschaften betreut. „Die Deutschen wollen nicht mehr in der Pflege arbeiten“, erklärt Sakic, die selbst aus Serbien stammt, den Personalmangel in der Branche. 95 Prozent der Mitarbeiter kommen aus dem Ausland, die meisten aus Osteuropa, einige kommen auch aus Asien. Anders als bei der Konkurrenz mangelt es ihr jedoch nicht an Pflegekräften als Ressource. Denn Sakic organisiert Castings, wie sie es nennt, im Ausland. „Wir gehen dann in andere Länder und da kommen Leute, die in Deutschland für uns arbeiten wollen.“ Wer das internationale Assessment Center besteht, erhält vor Ort einen Arbeitsvertrag.

So wie Seid. In seiner Heimat Bosnien habe er bereits eine Krankenpflegeausbildung absolviert, doch dort gebe es keine Arbeit, „zumindest nicht ohne Schmiergeld“, lacht er, obwohl er es todernst meint. Nach Abschluss des Deutschkurses fehlte noch ein Job – bis Sakic in seiner Heimatstadt eines ihrer „Castings“ abhielt. „Mehr als hundert Menschen haben sich vorgestellt, ausgebildete und ungelernte Krankenschwestern.“ Seid war einer von etwa 20, die den Job bekamen. Das war vor fünf Jahren, da war er 21 Jahre alt. Als er nach Berlin kam, lebte er zunächst mit Kollegen in einer firmeneigenen WG. Inzwischen hat er sich hochgearbeitet und eine Familie gegründet. Seine nächste Ausbildung will er bald beginnen, zum Pflegedienstleiter, seinem beruflichen Traum. „Pflegekräfte genießen in Bosnien ein hohes Ansehen“, sagt Seid. In Deutschland hingegen wird oft die Nase gerümpft. „Die meisten Leute denken, ich wechsele nur die Windeln. Das gehört natürlich dazu, aber es geht um viel mehr.“

Das Durchschnittsgehalt für Fachkräfte in der Altenpflege ist zuletzt gestiegen und lag laut Statistischem Bundesamt bei 3430 Euro brutto im Monat. Dennoch kehren viele Pflegekräfte der Branche den Rücken. Laut einer Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen könnten 300.000 Pflegekräfte mehr in Vollzeit zur Verfügung stehen. Dazu müssten sich allerdings die Arbeitsbedingungen verbessern. Schichtarbeit, eine dünne Personaldecke und der enorme Zeitdruck machen vielen zu schaffen.

In der Corona-Krise wurde die „Systemrelevanz“ der Branche beschworen. Ob von Balkonen oder aus dem Bundestag, plötzlich hagelte es Solidaritätsbekundungen für die Mitarbeiter, die lange im Schatten schufteten und von denen unzählige Menschen abhängen oder eines Tages abhängen werden. Politisch seien sie jedoch allein gelassen worden, berichtet Sakic. Lange fehlte es an Schutzausrüstung oder Desinfektionsmitteln. Ihre Mitarbeiter waren einem ständigen Infektionsrisiko ausgesetzt, und die ohnehin schon hohe psychische Belastung nahm noch einmal zu. „Viele hatten Angst, sich oder andere anzustecken.“ Früher oder später hat sich jeder mit dem Virus angesteckt. „Es gab eine Zeit, da waren 14 Krankenschwestern auf einmal krank.“ Ihr habt es als Team gemeistert, mit noch mehr Überstunden und Sonderschichten. „Damals haben wir auf dem Balkan einen Krieg erlebt. Ich dachte, wenn ich das überlebe, dann schaffe ich das jetzt noch.“ So spricht Sakic über die Corona-Pandemie.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach will sich mit einer weiteren Prämie von bis zu 550 Euro bei den Pflegekräften bedanken, nachdem es vor zwei Jahren noch eine Prämie von 1000 Euro gab. „Geld ist immer gut“, sagt Seid, als er durch die verstopften Straßen Westberlins zum nächsten Kunden fährt, der nur ein paar Blocks von der Wohnung von Herrn Wyczeski entfernt wohnt. „Aber so etwas wurde monatelang diskutiert. Aber als aus dem Nichts die 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr beschlossen wurden, war ich überrascht.“ Sonst heißt es immer, es sei kein Geld da.

Seid hat einen Schlüssel für die Haustür von Frau Walther (Name geändert), „falls etwas passiert“. Heute ist nichts, zumindest nichts anders als sonst. Die 90-Jährige sitzt auf ihrem Platz im Wohnzimmer, hier scheint alles seinen Platz zu haben, auf der ganz in Weiß gehaltenen Einrichtung ist kein einziges Staubkorn zu sehen. Dreimal täglich kommt jemand zu Frau Walther, hilft ihr bei der Körperpflege, unterstützt sie bei der Körperpflege Haushalt und geht für sie einkaufen. „Wir sind hier, um die Kompressionsstrümpfe zu wechseln.“ Sei gelingt das Kunststück, freundlich zu brüllen. Und Frau Walther muss man anschreien, sie ist schwerhörig. Sie hat ihre alten Strümpfe bereits ausgezogen und will keine neuen anziehen. „Die tun weh“, klagt sie im echten Berliner Dialekt. Seid akzeptiert das ohne Argument. „Für einen Tag ist es ok. Außerdem ist es ihre Wohnung, da können wir sowieso nichts diktieren.“

Sei will weitermachen, als Frau Walther ihn aufhält. „Ich habe letztes Mal vergessen, Brot auf meine Einkaufsliste zu setzen. Jetzt habe ich keins mehr.“ „Ich fahre direkt zum Bäcker, kaufe dir einen und bringe ihn abends vorbei“, versichert Seid lautstark. Auch das gehört zum Job – irgendwie. „Landbrot!“ ruft danach Frau Walther an. Schon sitzt man im bunten Hyundai mit Firmenschriftzug. Hinter dem Namen von Frau Walther ist ein Haken. 10.41 Uhr, ein Blick aufs Smartphone verrät, man muss sich noch nicht beeilen, aber wer weiß, was noch kommt. Der nächste Termin steht vor der Tür. 23 sind für heute übrig. 23 Namen, 23 Leben.

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