Sonntag, Oktober 2, 2022
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Polio: Das steckt hinter den Polio-Fällen

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Die Angst vor Polio ist seit langem gering. Viren wurden jetzt in den USA und Großbritannien entdeckt. Kommt Polio zurück? Wie gefährlich ist eine Infektion? Welche Rolle spielen Impfungen?

Noch vor wenigen Jahrzehnten war Polio eine der am meisten gefürchteten Krankheiten. Eine weltweite Impfkampagne konnte die Viruserkrankung mit dem medizinischen Namen Poliomyelitis, kurz Polio, jedoch weitgehend eindämmen. Die Impfung gegen das Poliovirus ist in Deutschland seit den 1960er Jahren weit verbreitet. Seitdem sind die Fallzahlen stark zurückgegangen. Der letzte bekannte Fall stammt aus dem Jahr 2000.

Doch nun häufen sich weltweit Meldungen, dass Polioviren im Abwasser nachgewiesen wurden, unter anderem im US-Bundesstaat New York und in Großbritannien. Experten sind alarmiert, offenbar kursiert das Virus in der Bevölkerung. Der Bundesstaat New York hat den Katastrophenfall ausgerufen. Was sind die Gründe für die Zunahme der Polio-Fälle? Antworten auf wichtige Fragen auf einen Blick:

Die endgültige Ausrottung des Poliovirus ist das erklärte Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), aber noch nicht erreicht. Stattdessen ist die Lage ernst: 2014 hat die WHO für Polio eine „Gesundheitsnotlage von internationaler Tragweite“ ausgerufen, die bis heute gilt. Der ursprüngliche Wildtyp des Virus ist nicht das größte Problem: Fast alle Länder der Welt gelten derzeit als frei von Polio, nur in Pakistan und Afghanistan gilt das Virus noch als heimisch.

Sogenannte Impfviren verursachen deutlich mehr Fälle. Diese stammen von den abgeschwächten Viren, die in den großen Impfkampagnen zur Immunisierung von Menschen verwendet werden. Die verwendeten Viren sind so modifiziert, dass sie in den meisten Fällen keine Symptome, aber eine Immunantwort gegen das Virus auslösen.

Diese abgeschwächten Viren werden jedoch von den Geimpften mit dem Stuhl ausgeschieden und können insbesondere in Umgebungen mit geringen hygienischen Standards durch Schmierinfektionen, also Berührungen, auf andere Menschen übertragen werden. Solange es sich um attenuierte Impfviren handelt, ist dies in der Regel harmlos. Doch das Virus kann sich wieder verändern: Je länger das Virus in Bevölkerungsgruppen ohne Immunschutz zirkuliert, desto größer wird die Gefahr.

„Einige dieser Impfviren haben sich so verändert, dass sie auf die gleiche Weise wie ursprünglich krank werden können“, erklärt Reinhold Förster, Professor für Immunologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. „Das bringt Sie in Gefahr, aber es ist nur für Menschen relevant, die nicht geimpft sind.“

Um einer Ansteckung mit ehemaligen Impfviren vorzubeugen, wird in Deutschland seit 1998 ein Impfstoff mit inaktivierten Polioviren, ein sogenannter Totimpfstoff, eingesetzt.

Laut WHO gab es in den letzten Jahren weltweit Fälle von Lähmungen durch Polioviren, die von einem Lebendimpfstoff ausgingen. 2020 waren es 1113, letztes Jahr 688. Die meisten davon wurden in Afghanistan und Pakistan registriert, aber auch in afrikanischen Ländern wie Nigeria und Tschad. Bisher wurden in diesem Jahr allein im Jemen 120 Fälle von Lähmungen registriert.

Aber auch in westlichen Ländern sind Experten alarmiert: In den USA wurden bei einem Patienten Polio-Viren nachgewiesen. Abwasserstudien zeigten, dass das Virus seit einiger Zeit in der Region zirkuliert. Die Viren wurden auch in Abwasserproben in London nachgewiesen und es gab im März 2022 einen Polio-Ausbruch in Israel, bei dem ein ungeimpftes Kind eine Lähmung entwickelte. Sechs weitere waren infiziert, zeigten aber keine Symptome.

Experten sehen den Grund für diese Ausbrüche in zu niedrigen Impfquoten: „Wir können das Virus eliminieren, wenn 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sind“, sagt Immunologe Förster. „Wenn wir weit darunter liegen, haben wir ein Problem.“

Die amerikanischen und britischen Behörden forderten deshalb ihre Bevölkerung auf, sich und ihre Kinder als Reaktion auf die Poliovirus-Funde im Abwasser impfen zu lassen.

„Aktuell ist es sehr, sehr unwahrscheinlich, dass Polio in Deutschland vorkommt“, erklärt Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. „Und vielleicht würden wir sie überhaupt nicht wiedererkennen.“ Denn in den meisten Fällen verläuft eine Infektion mit Polioviren recht harmlos: Erkältungssymptome wie Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Probleme sind ein normaler Verlauf.

Allerdings erkranken laut Robert-Koch-Institut etwa vier bis fünf Prozent der Betroffenen an einer Hirnhautentzündung. Lähmungen, die schwerste Form der Kinderlähmung, treten bei 0,1 bis 1 Prozent auf. „Das kann eine schwere Lähmung der Extremitäten oder eine Atemlähmung sein. Das kann zum Tod führen“, erklärt Kinderarzt Maske. Die Lähmungserscheinungen, zum Beispiel an den Füßen oder Händen, gehen zwar zurück, aber meist nur teilweise. Die Folgen der Krankheit halten ein Leben lang an.

Es gibt keine Therapie, die speziell gegen Polio wirkt. „Wenn Sie eine schwere Kinderlähmung entwickeln, die schwächend wird, können Sie sie nicht lindern. Und selbst wenn Sie anfangs nicht stark betroffen sind, kann Polio noch Jahre später schwere Symptome verursachen.“ Der Name Polio ist jedoch irreführend: „Letztendlich ist die Krankheit für alle Altersgruppen gleichermaßen gefährlich“, sagt Maske. „Deshalb ist die Impfung für alle extrem wichtig.“

In Deutschland werden Kleinkinder bereits standardmäßig gegen Polio geimpft. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt insgesamt drei Impfdosen im ersten Lebensjahr, Frühgeborene erhalten eine weitere Impfung. Als Schulkind, in der Regel zwischen zehn und zwölf Jahren, sollte ein Auffrischungskurs gegeben werden.

Danach sollte ein Langzeitschutz aufgebaut sein; laut STIKO ist in der Regel keine weitere Auffrischung notwendig. Vor Reisen in betroffene Gebiete kann jedoch eine erneute Impfung ratsam sein. „Wenn man sich an die regelmäßigen Impfungen hält, sind die Kinder sehr, sehr gut geschützt und es ist nicht zu erwarten, dass sie an Polio erkranken“, sagt Maske vom Berufsverband der Kinderärzte. Weitere Impfungen sind in der aktuellen Situation nicht notwendig.

Allerdings liegt die Impfquote bei den zwischen 2008 und 2018 geborenen Kindern laut Robert-Koch-Institut recht konstant bei nur 90 Prozent, bei manchen älteren Bevölkerungsgruppen sogar deutlich darunter.

Regelmäßig besprechen Kinderärzte mit den Eltern die Frage, ob eine Impfung gegen Polio notwendig ist, so Kinderarzt Maske. „Einige Eltern denken, dass sie die Polio-Impfung nicht brauchen, weil wir die Krankheit nicht mehr haben. Aber das ist ein Trugschluss.“ Reduziert man die Impfquote, könnte es sehr schnell passieren, dass sich ein solches Virus erneut ausbreitet – zumindest unter den Ungeimpften.

Auch der Immunologe Förster warnt davor, die Gefahr einer Polio-Infektion zu unterschätzen: Viele Kinder seien in den 1950er und 1960er Jahren schwer erkrankt, sie mussten beatmet werden, manche starben. „Es ist wirklich erschreckend zu sehen, wie leichtfertig diese Gefahr wieder hingenommen wird.“



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Abgel T
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Ich arbeite seit ca. 3 Jahren als Redakteurin in Bereichen wie Politik und Sport. Sie können an theaktuellenews@hotmail.com schreiben, um mich zu erreichen.
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