Dienstag, Oktober 19, 2021
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Radikalisierte und traumatisierte Kinder von IS-Müttern brauchen Zeit und Hilfe

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Frauen aus Deutschland, die sich der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen haben, sitzen seit Jahren in syrischen Gefangenenlagern fest. Wenn sie nach Deutschland zurückkehren, bringen sie auch ihre Kinder mit. Sie zahlen einen hohen Preis für den radikal-islamistischen Weg ihrer Mütter.

In dieser Woche sind acht Frauen mit insgesamt 23 Kindern in einem von der Bundesregierung gecharterten Flugzeug nach Deutschland zurückgekehrt. Die Frauen hatten sich der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen und saßen zuletzt im Gefangenenlager Roj im Nordosten Syriens fest, das unter kurdischer Verwaltung steht. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen waren gegen sechs der IS-Rückkehrer Haftbefehle erlassen worden, von denen drei von der Generalstaatsanwaltschaft beantragt worden waren. Auf dieser Grundlage wurden Solale M., Romiena S. und Verena M. unmittelbar nach ihrer Ankunft in Frankfurt/Main festgenommen. Gegen drei weitere Frauen lagen Haftbefehle deutscher Landgerichte vor. Nur zwei der zurückgekehrten Frauen blieben auf freiem Fuß.

Vor Jahren warnte der Verfassungsschutz vor Frauen, die dem IS beigetreten und später nach Deutschland zurückgekehrt waren. Bei mehreren der mutmaßlichen IS-Frauen, die nun aus Syrien zurückgebracht wurden, vermuten die Sicherheitsbehörden, dass sie sich bis heute der Ideologie der Terrormiliz nicht entzogen haben. Mindestens zwei von ihnen gelten nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur als „Bedrohungen“. Das bedeutet, dass die Polizei ihnen zutraut, schwere, politisch motivierte Straftaten zu begehen.

Die Verhinderung möglicher neuer Straftaten und die rechtliche Aufarbeitung möglicher Straftaten, die die Frauen während ihrer Zeit beim IS begangen haben, sind jedoch nur zwei Aspekte, die die deutschen Behörden beschäftigen. Ein wesentlicher Grund, warum die Rückführungsaktion ermöglicht wurde, sind die Kinder, die mit ihren Müttern in der Terrorwelt des Islamischen Staates und später in den Gefangenenlagern lebten.

Die Frauen hatten ihre oft minderjährigen Töchter und Söhne mit ins Ausland genommen, manchmal ohne Wissen des anderen Elternteils. Ein Teil der Kinder wurde dort geboren und streng nach der radikal-islamistischen Ideologie des IS erzogen. Die Kinder sind nicht nur durch Kriegserfahrungen, Gefangenenlager und die Trennung von ihren Müttern geprägt, sondern auch durch ihre Erziehung im IS-Gedanken. „Vor allem Jungen wurden schon in sehr jungen Jahren zu Schießereien gebracht und mit Waffen versorgt“, sagt die Islamforscherin Susanne Schröter und verweist auf Erkenntnisse aus Äußerungen in Prozessen gegen Islamisten. „Radikalisierung ist ein wichtiger Teil der Sozialisation.“

Einer der Frauen, Romiena S., wird beispielsweise vorgeworfen, Hinrichtungsvideos ihrer Tochter gezeigt zu haben. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft hatte Verena M. ein „vollautomatisches Sturmgewehr vom Typ Kalaschnikow“, als sie mit ihrem minderjährigen Sohn im Irak und in Syrien lebte. Die kleinen Kinder eines Rückkehrers aus Bremen sollen regelmäßig als Zuschauer an öffentlichen Bestrafungen des IS gegen sogenannte „Ungläubige“ teilgenommen haben. Neben der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland wird den Frauen auch die Entziehung von Minderjährigen sowie die Verletzung ihrer Fürsorge- und Erziehungspflicht vorgeworfen.

Der Leiter des Frankfurter Forschungszentrums für Globalen Islam, Schröter, ist überzeugt, dass die Kinder radikalisiert und traumatisiert sind. Und auch „die Rückkehr nach Deutschland ist für sie ein traumatischer Prozess“. Ohne psychologische Unterstützung werden die Kinder diese Erfahrung kaum bewältigen können.

In der Nacht ihrer Ankunft in Frankfurt waren rund zehn Mitarbeiter von Jugendämtern aus ganz Deutschland vor Ort, um sich um die Kinder zu kümmern. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen hatten sie unter anderem Kuscheltiere und Schokolade dabei, um die Lage ein wenig zu entspannen. Manchmal kamen Verwandte wie Großeltern, Onkel und Tanten, um die Kinder zu empfangen.

Die Verbindung in den Familien der Mütter oder Väter kann für die Kinder eine Chance sein, muss es aber nicht. In jedem Fall sei es eine gute Voraussetzung, wenn die Familien Distanz zum islamischen Extremismus haben und Kinder sich „vielleicht ganz normal weiterentwickeln“, sagt Schröter. „Aber wenn sie in diesem Netzwerk bleiben, weiß man nicht wirklich, was passiert. Wenn sie mit der Ideologie aufwachsen, dass Gewalt im Namen des Islam legitim ist, ist das natürlich ein großes Problem. Ich weiß nicht, wie sich die Kinder fühlen, die schon wieder da sind.“

Über die weitere Entwicklung von Kindern von Müttern, die sich der Terrororganisation Islamischer Staat angeschlossen und IS-Kämpfer geheiratet haben, gibt es bislang kaum wissenschaftliche Erkenntnisse. „Diese Kinder sind für uns eine Blackbox“, betont Schröter. Für andere Kinder mit schweren Traumata, zum Beispiel nach sexuellem Missbrauch, ist es jetzt vor allem wichtig, dass sie Ruhe und Zeit brauchen.

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