Mittwoch, Juni 29, 2022
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Rohabwasser verschmutzt britische Flüsse

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Großbritanniens Flüsse gehören zu den schmutzigsten in Europa. Die Behörden haben Warnungen herausgegeben, seit Schwimmer nach dem Schwimmen in der Themse krank wurden. Den Aktivisten reicht das nicht.

An einem Seitenarm der Themse, Großbritanniens zweitlängstem, aber sicher berühmtestem Fluss, stehen Jo Sandelson und Claire Senior mit einem empörten Gesichtsausdruck. Beide haben vereinbart, heute Morgen schwimmen zu gehen, das Handtuch auf ihren Schultern. Zum Einsatz kommt sie allerdings nicht: Eine braune Brühe fließt an den beiden vorbei. „Ekelhaft“ sei das, sagt Jo. „Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen.“

Ein Blick aufs Handy verrät den Grund. Das regionale Wasserunternehmen Thames Water hat ungeklärte Abwässer in den Fluss eingeleitet. Seit einigen Monaten werden Schwimmer nach dem Schwimmen krank, die Wasserwerke warnen die Öffentlichkeit davor. Sandelson und Senior sind nicht nur leidenschaftliche Schwimmer. Sie sind auch Teil einer Gruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, Abwassereinleitungen zu beenden.

Ashley Smith ist Mitglied einer anderen Gruppe, hat aber das gleiche Ziel. Er war früher Polizist und nutzt nun als Rentner seine Erfahrung als Ermittler. An einem Bach, der schließlich in die Themse mündet, fotografiert er mit einer Unterwasserkamera. In der Nähe befindet sich auch eine Aufbereitungsanlage des Wasserversorgers Thames Water. Von dort sprudelt gereinigtes Wasser aus einem Rohr in den Fluss.

Gleich daneben zeigt Smith auf ein weiteres Rohr. Von dort leite der Wasserversorger von Zeit zu Zeit ungereinigtes, reines Abwasser ab: „Mit menschlichen Fäkalien, Chemikalien und Bakterien.“ Das letzte Mal ist es vor zwei Tagen passiert. Seine Unterwasseraufnahmen zeigen noch heute Spuren.

In Großbritannien dürfen Wasserversorgungsunternehmen ausnahmsweise Abwasser in Flüsse spülen. Wenn die Pools und Abwasserkanäle voll sind; zum Beispiel nach starken Regenfällen. Aber nur in solchen Situationen. Es wird geschätzt, dass dies im Jahr 2020 bundesweit mehr als 400.000 Mal passiert ist. Das klingt nach einer Ausnahme etwas gewöhnlich.

Smiths Gruppe hat umfangreiche Daten gesammelt, Informationen der Wasserwerke mit eigenen Beobachtungen und Aufzeichnungen abgeglichen, geprüft, wann Ausnahmen genehmigt wurden und wann tatsächlich Abwasser in die Flüsse gespült wurde. „Wir haben eine Reihe illegaler Aktivitäten gefunden“, sagt er. Auch andere Gruppen, die hinter den Abwässern in Flüssen Profitgier vermuten, stimmen dem von ihm erhobenen Vorwurf zu.

Die staatliche Aufsichtsbehörde kontrolliert die Gewässer kaum, sie verlässt sich weitgehend auf die Angaben der Wasserversorger selbst. Sie hätten jedoch eine Untersuchung eingeleitet, da ihnen mögliche illegale Einleitungen bekannt geworden seien, teilte die Behörde vor einem halben Jahr mit.

Smith und seine Gruppe fühlen sich beruhigt, dass sie die Kontrolle über die Flüsse selbst übernehmen müssen, wenn sich etwas ändern soll. Die Flüsse in Großbritannien gehören zu den schmutzigsten in Europa. Im Jahr 2020 hatten nach offiziellen Angaben nur 14 Prozent einen guten ökologischen Standard.

Abwässer und auch Verschmutzungen durch die Landwirtschaft sind die Hauptursachen für den kritischen Zustand der Flüsse. An vielen Orten in Großbritannien haben sich Gruppen gebildet, die regelmäßig Proben nehmen, auswerten lassen und die Ergebnisse an die Behörden schicken. Das soll den Druck erhöhen. Zumal die Wasserversorger inzwischen Unregelmäßigkeiten eingeräumt haben. „Aber nur teilweise“, sagt Smith. Kürzlich entdeckte er ein bisher unbekanntes Rohr an der Themse: drei Meter unter der Wasseroberfläche und damit vom Ufer aus nicht sichtbar.

Seine Unterwasserkamera zeigt hier wenig Appetitliches: Klumpen menschlicher Fäkalien, fette Augen, Feuchttücher. Auch aus dem Rohr des Wasserversorgers schwimmt ein Kondom. „Jedes Mal, wenn ich hierher komme, ist es schlimmer als das Mal zuvor“, sagt Ashley. Thames Water gibt auf Anfrage an, dass alles unternommen werde, um Wassereinleitungen zu minimieren. Und weiter: An der betreffenden Stelle wurde seit einem Jahr kein Rohwasser mehr eingeleitet.

Ashley Smith will seine Aufnahmen den Behörden übergeben – auch wenn er fest davon ausgeht, dass danach nichts passiert. Er vermutet, dass die Regierung die Unternehmen nicht zu sehr unter Druck setzen will, damit die Wasserrechnungen für die Bevölkerung nicht steigen.

Die Modernisierung des Wassersystems, das aus der viktorianischen Ära stammt, wäre ein äußerst kostspieliges Unterfangen. Das Umweltministerium hat nun ein milliardenschweres Paket zum Ausbau der Infrastruktur angekündigt. Laut dem zuständigen Minister George Eustice könnte es jedoch 20 Jahre dauern, bis Verbesserungen eintreten.

Sandelson und Claire Senior wollen mit ihrer Gruppe nicht so lange warten. Auch sie gehören zu den unzähligen Freiwilligen, die regelmäßig Proben entnehmen und an die Behörden weitergeben.

Da das aber nicht bedeutete, dass sie nun bedenkenlos im Fluss schwimmen konnten, griffen sie zu einem anderen Trick: Sie beantragten für einen bestimmten Abschnitt den offiziellen Badestatus – und haben ihn nun auch erhalten. Die dortigen Behörden müssen nun regelmäßig die Qualität des Wassers überprüfen und können Wasserversorgern Geldbußen auferlegen, wenn sie Verschmutzungen verursachen – eine Strategie, von der die Gruppe hofft, dass sie aufgeht.

Diese und weitere Berichte sehen Sie am Sonntag im Europamagazin – um 12.45 Uhr im Ersten.



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