Freitag, Januar 21, 2022
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Sechs Monate nach dem Hochwasser: Wie Stolberg um Normalität ringt

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Ein Bürgermeister ohne Rathaus, Wohnungen ohne Heizung und das Warten auf Hilfsgelder – auch ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe kämpfen die Stolberger noch immer mit Traumata und Trümmern.

„Das waren schwierige, einsame Entscheidungen“, erinnert sich Patrick Haas an die Hochwassernacht im Juli. Als Bürgermeister von Stolberg bei Aachen entscheidet er normalerweise nicht über Leben und Tod der knapp 60.000 Einwohner. Aber in der Nacht zum 15. Juli war in Stolberg nichts normal.

Rückblickend bezeichnet er die Entscheidung, „keine Rettungsschwimmer mehr auszuschicken, weil das Wasser so schnell war, dass sie sich selbst in Gefahr brachten“, als die schlimmste Situation in dieser Nacht. Die Retter wurden dringend benötigt. Zum Beispiel im Stadtteil Vicht, wo in einem Versorgungszentrum für Menschen mit Behinderungen der Strom ausfiel. Das Leben der Menschen an Beatmungsgeräten hing von einem Notstromaggregat ab, das in den Wassermassen buchstäblich zu „ertrinken“ drohte, berichtet er.

Haas sieht immer noch erschöpft aus, wenn er an die Nacht zurückdenkt. Er sitzt in einem provisorischen Konferenzraum. Weiße Wände, die Möbel wirken zusammengewürfelt. Auch das Rathaus wurde bei den Fluten so zerstört, dass die gesamte Stadtverwaltung umziehen musste – einschließlich des Bürgermeisteramtes.

Haas nennt es das „Glück der Anfallenden“, dass in dieser Nacht in Stolberg niemand in den Fluten ertrunken ist – anders als in anderen Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Insgesamt sterben mehr als 180 Menschen in den tobenden Wassermassen.

Wassermassen wie am Vichtbach. Haas geht von seinem neuen, temporären Arbeitsplatz in einem Versicherungsgebäude in sein ehemaliges Büro. Eine Brücke überquert den Bach. Dass die Vicht die Innenstadt samt Rathaus und anderen Stadtteilen überschwemmt und mit Getöse zerstört hat – wenn man den idyllischen Wasserlauf in ihrem Bett sieht, ist es kaum vorstellbar.

Jeder kennt den Bürgermeister in der Rathausstraße. Immer wieder wird er gegrüßt und angesprochen. Er ist in Stolberg aufgewachsen und war vor einigen Jahren Faschingsprinz. Hier lebt er noch heute mit seiner Familie.

Der Verkehr fließt nun wieder normal entlang der ehemaligen Einkaufsstraße. Das klaffende Loch, das die Flut in die Straße gerissen hat, wurde repariert. Der größte Teil des Schutts wurde entfernt. Was bleibt, sind ehemalige Läden und Restaurants mit Trocknungsanlagen, mit Brettern vergitterte Schaufenster – und Menschen, die noch immer auf Hilfsgelder warten.

In Nordrhein-Westfalen verursachten die September-Hochwasser nach Angaben der Bundesregierung Schäden von fast 14 Milliarden Euro, allein in Rheinland-Pfalz in privaten Haushalten rund 10 Milliarden Euro. Die Städteregion Aachen, zu der Stolberg gehört, ist eine der am stärksten verwüsteten Regionen Nordrhein-Westfalens.

Die Stadt habe die Betroffenen von Anfang an mit Soforthilfe unterstützt, erklärt Bürgermeister Haas. „Es ging wirklich darum, den Leuten Bargeld zu geben. Für ein frisches T-Shirt, für eine Handykarte.“ Insgesamt hat die Landesregierung mit Unterstützung des Bundes nach Angaben des Bauministeriums rund 102 Millionen Euro Soforthilfe an private Haushalte in ganz Nordrhein-Westfalen ausgezahlt.

„Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass es Menschen gibt, die von der Flut nicht so stark betroffen waren“, sagt Haas. Das wurde in Stolberg angenommen, um denen zu helfen, die wirklich in Not waren. Wenn es nun darum gehe, viel Geld auszuzahlen, müssten die Anträge entsprechend aufwändiger sein, damit man prüfen könne, wer wirklich Anspruch auf Hilfsgelder habe, so der Bürgermeister. Die Stadt habe aber gemeinsam mit dem Landkreis versucht, den Menschen bei ihren Anträgen mit Infobussen und anderen Anlaufstellen zu helfen.

Nun liegen die Anträge bei der Bezirksregierung. „Meiner Meinung nach fehlt es an geschultem Personal“, sagt Haas. Ob das Land vielleicht nicht genug Leute gestellt hat oder die Bezirksregierung nicht richtig koordiniert ist, ist nicht seine Frage.

Rund 11.300 Anträge auf Wiederaufbauhilfe haben Betroffene in ganz NRW gestellt. Jetzt, ein halbes Jahr nach dem Hochwasser, sind laut Bauministerium rund 8.700 davon, also fast 77 Prozent, geprüft bzw. genehmigt. Rund 99 Millionen Euro sind im Bezahlvorgang. Wie viele Menschen tatsächlich Geld erhalten haben, kann das Ministerium seit Monaten nicht sagen.

Die schleppenden Zahlungen ärgern Bürgermeister Haas: Immer wieder kommen Menschen zu ihm, die noch keine Hochwasserhilfe erhalten haben. „Es bringt mich wirklich um“, sagt er empört.

Beim Alten Rathaus verhindern Bauzäune das Betreten des Gebäudes. Ein junger Mann spricht Haas wegen Anträgen auf Stipendien an. M-Obaida Dehna bittet den Bürgermeister, sie zur Bürgersprechstunde zu besuchen. Er studiert Sozialarbeit und engagiert sich ehrenamtlich für die Flutopfer.

„Die Zeiten sind gerade schwierig für die Menschen“, sagt er. „Ich könnte die Probleme stundenlang aufzählen: Eindeutig die Kälte. Es gibt immer noch Menschen, die keine ordentlich funktionierende Heizung zu Hause haben.“ Manche wollten gar nicht mehr raus aus ihren kalten Wohnungen, so die angehende Sozialarbeiterin weiter. Und Hotels sind für viele sechs Monate nach der Flut keine Option. „Sie wollen ein dauerhaftes Zuhause, aber das ist in der Stadt schwierig.“ Es ist gut, wenn Betroffene mit dem Bürgermeister in Kontakt treten. Haas verspricht zu kommen.

Er hat viele Pläne für die Stadt. Und es braucht die Unterstützung der Öffentlichkeit. Haas will die Stadt hochwassersicher machen. Vor allem schnell soll es gehen – mit einem Musterkonzept, das gerade entwickelt wird. Das soll in diesem Frühjahr fertig sein.

Regenrückhaltebecken, gezielter Hochwasserschutz an bestimmten Gebäuden, aber beispielsweise auch eine Verbreiterung des Flussbettes könnten helfen. „Ich erwarte das Geld von Land und Bund, um das umzusetzen. Sonst müssten wir die Stadt nicht mehr aufbauen“, sagt Haas. Damit das nächste Hochwasser nicht wieder in einer Tragödie endet, sind Sie es den Menschen, aber auch den Unternehmen schuldig.

Aufgeben ist für ihn keine Option. Auch die Solidarität der Menschen in Stolberg nach der Flut habe ihm Kraft gegeben. Trotzdem kann er die Sorgen der Stolberger um ihre Stadt verstehen. „Es wird nicht mehr so ​​sein wie früher“, ist der Bürgermeister überzeugt. „Aber wir müssen daran arbeiten, dass es noch schöner wird. Und dann müssen wir positiv in die Zukunft blicken.“



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