Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Seilbahnunfall in Italien: Ein Geständnis und viele offene Fragen

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Es ist sechs Monate her, dass eine Seilbahn in Stresa, Italien, abgestürzt ist. 14 Menschen starben. Die Ermittlung der Unfallursache gestaltet sich schwierig – und das nicht nur aus technischen Gründen.

Die grauen Wolken hängen tief über Stresa, es nieselt und das Wasser des Lago Maggiore sieht aus wie flüssiges Blei. An diesem grauen Novembertag sitzt Mario Zangobbi in der Bar „Imbarcadero“ am Fährhafen und nippt an seinem Espresso. Wie fast jeder in Stresa, sagt der Gastronom, erinnere er sich noch genau an den Tag vor einem halben Jahr, als die Sonne über dem Lago Maggiore schien, der Frühling in der Luft lag und das Ziel voller Touristen war.

„Ich habe an diesem Sonntagmittag die Sirenen gehört. Aber ich dachte vielleicht an einen Autounfall“, erinnert sich Zangobbi. Doch dann erzählte ihm seine Frau, dass die Seilbahn abgestürzt sei. „Ich habe den Fernseher angemacht und bekam Gänsehaut, als ich die Bilder sah.“ Er konnte es nicht glauben: „Wie kann es sein, dass die Seilbahn abstürzt?“

Olimpia Bossi sucht seit sechs Monaten nach einer Antwort auf diese Frage. Die zuständige Staatsanwaltschaft übernahm unmittelbar nach dem Unfall die Ermittlungen. Bossi sitzt nun in ihrem Büro im Gericht von Verbania zwischen einem Berg von Akten und rekonstruiert, was am 23. Mai gegen 11.45 Uhr passiert ist, kurz bevor eine der Gondelbahnen mit 15 Personen an Bord die Bergstation Mottarone erreichen konnte.

„Die Zugschnur des Führerhauses ist gerissen, das ist klar“, sagt der Staatsanwalt. In diesem Fall müsste ein Notbremssystem aktiviert werden und das Auto stoppen. „Aber“, sagt Bossi, „der war blockiert, weil in der Bremsanlage Metallklammern waren, die nur da sein dürfen, wenn die Kabine nicht in Betrieb ist oder bei Wartungsarbeiten.“ Weil das Notbremssystem nicht funktionierte, raste die Kabine bergab, prallte gegen eine Stütze und stürzte ab. 14 Menschen starben.

Warum die Bremsen blockiert waren, ist eine der zentralen Fragen, denen Bossi nachgeht. Die Staatsanwaltschaft ist nach monatelangen Ermittlungen überzeugt: Es war eine sachkundige Manipulation: „Es war eine Systementscheidung, die bewusst vermieden wurde.“

Konkret: Im Normalbetrieb blieb die Seilbahn gelegentlich ungewollt stehen. Um dies zu verhindern, wurde das Notbremssystem abgeschaltet. Eine Manipulation, sagt die Staatsanwaltschaft, die nicht nur am Unfalltag, sondern in den Wochen zuvor mehrfach vorgekommen sei.

Der Betriebsleiter steht derzeit unter Hausarrest, handelt aber nicht freiwillig. In diesem Zusammenhang ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den technischen Leiter und den Besitzer der Seilbahn. Der Eigentümer reagiert nicht auf Presseanfragen.

Bossi zuckt beim zweiten wichtigen Punkt ihrer Ermittlungen mit den Schultern. Zur Frage: Warum ist das Zugseil gerissen, warum also ist ein Notfall aufgetreten, bei dem die Bremsanlage hätte aktiviert werden sollen? „Wir sind heute noch nicht in der Lage, eine Antwort zu geben“, räumt der Ermittler ein.

Im Rahmen der Ermittlungen führt ein Expertenpool derzeit umfangreiche technische Beweisanalysen durch. Ziel sei es, „den Grund zu verstehen, warum das Seil gerissen ist“.

Einer der wichtigsten Beweise ist die Seilbahnkabine, die erst Anfang dieses Monats geborgen wurde. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft musste die Feuerwehr an der Absturzstelle rund 80 Bäume fällen, die knapp eineinhalb Tonnen schwere Kabine sichern und mit einem Spezialhubschrauber abtransportieren.

Konkret wird die Frage des Seilbruchs gegen insgesamt elf Personen untersucht, darunter auch die Verantwortlichen des Unternehmens, das die jährlichen Inspektionen der Seilbahn durchgeführt hat. Eine erste Anhörung der Experten, die jetzt die Gondel untersuchen, ist für den 16. Dezember geplant. Der Prozess wird voraussichtlich erst im nächsten Frühjahr beginnen.

Mario Zangobbi in der Bar am Steg in Stresa will so schnell wie möglich aufgeräumt werden. Das Unglück laste noch immer auf dem kollektiven Gedächtnis der 5000-Einwohner-Stadt. „Wir reden hier nicht viel darüber. Es ist fast so, als ob wir uns alle ein bisschen schuldig fühlen“, sagte er. Das sei natürlich Unsinn, aber „uns beschäftigt auch die Frage, wer wirklich für diese Katastrophe verantwortlich ist“.

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