Mittwoch, Mai 18, 2022
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Showdown in Frankreich Madame verbissen gegen Monsieur herablassend

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Frankreich entscheidet am kommenden Wochenende zwischen Macron und Le Pen und damit auch über die Geschicke Europas. Die einzige TV-Debatte vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl ist ein Straßenkehrer.

Besonders spannend ist, was kurz vor der Debatte passiert: Die Visagisten pudern die Kandidaten, und während Marine Le Pen beharrlich ihre Notizen durchgeht, scherzt und plaudert Emmanuel Macron mit den Umstehenden.

Das gibt den Ton an für die nächsten knapp drei Stunden. Eigentlich waren nur zweieinhalb geplant, aber die Moderatoren haben es übertrieben und die Kandidaten haben es zugelassen.

Vor fünf Jahren endete dieselbe Konstellation für Le Pen katastrophal. Sie war nicht aggressiv, sie war aggressiv, ihre Stimme brach, und sie machte inhaltliche Fehler. Seitdem scheint sie trainiert zu haben. In der Debatte gestern Abend wirkte sie konzentriert, flippte nicht aus und vermied inhaltliche Fehler – auch, weil sie sich zwischendurch immer wieder Notizen macht und diese immer wieder überprüft, was sie verbissen wirken lässt.

Macron macht sich dagegen keine Notiz. Stattdessen pendelt er zwischen einem Schuljungen und einem koketten Monsieur. Wenn er sein Kinn auf die Hand stützt und Le Pen fast träumerisch ansieht, wirkt er so arrogant, wie ihn viele Franzosen sehen. Das wirkt herablassend und kommt nicht gut an.

Und inhaltlich? Le Pen hat den Imagewandel vollzogen, dem rechten Flügel abgeschworen, ihre Partei von „Front National“ in „Rassemblement National“ umbenannt, Nationalversammlung, das klingt weniger rechtsextrem. Sie selbst ist Hausmeisterin. „Ich kenne die Franzosen seit vielen Jahren gut. Ich möchte der Präsident des Alltags sein.“ Einer, der sich um gute Bezahlung, Gesundheitsversorgung, Schulen kümmert. Das kommt gut an in einer Nation, die stark unter steigenden Preisen leidet. Le Pen will die Mehrwertsteuer senken, was den Bürgern 200 Euro mehr pro Monat und Haushalt bringen soll.

Macron verweist auf seine Bilanz: „Es gab so viele Krisen, die Pandemie, jetzt den Krieg in Europa.“ Er will sagen: Ich habe alles geschafft. Immer wieder redet er von Ökologie, will Frankreich zur führenden Energiewendenation machen – in Frankreich unterstützt die Atomkraft die neuen Technologien und hält die Preise niedrig. Le Pen ist in dieser Frage leer, ihre Partei hat zum Thema Ökologie nichts zu berichten. Hier kann er linke Wähler sammeln.

Und er betont immer wieder das deutsch-französische Tandem, will Europa stärken, weil Frankreich nur in der EU funktioniert. Le Pen lehnt dies beispielsweise im europäischen Strommarkt ab. Deutschland vermasselt die Preise, kauft teuer ein, ist abhängig von Russland. Sie bleibt in den Zahlen hängen – und Macron antwortet, was die Bauern sagen würden, wenn Frankreich der EU die kalte Schulter zeigen würde. Schließlich sind sie mit den EU-Subventionen sehr gut dran. Rum, der sitzt.

Ich verfolge die Debatte in Rouen in der Normandie, wo ich tagsüber mit Wählern in kleinen Dörfern gesprochen habe. Doch jetzt, kurz nach zehn, ist niemand mehr auf der Straße zu sehen, stattdessen leuchten in den Wohnungen ringsum die Fernseher – einzige TV-Debatte vor der Stichwahl am kommenden Sonntag ist ein Straßenkehrer.

In Sachen Russland landet Macron den nächsten Schlag: Le Pen hat viel Geld aus Russland bekommen. Ihre Fotos mit Putin verfolgen sie ebenso wie ihre einstigen „Liebeserklärungen“ an den Diktator in Moskau.

Was auffällt: Wenn Le Pen über Frankreich spricht, malt sie es schwarz: Nichts geht, Altersheime, Schulen, wo sind die großen Start-ups? Macron kontert: Frankreich hat die besten Jungunternehmer, und die EU braucht sie – wo hätten sie sonst einen so großen Markt? Er zeichnet das Bild eines wachsenden und kreativen Landes.

Ihre Dystopie, seine Utopie: Beides sind Zerrbilder, aber man würde lieber Macrons Bild glauben – und Macrons Bild wählen.

Am Ende sehen die Zuschauer den Amtsinhaber vorn: 59 Prozent finden ihn überzeugender, 39 Prozent Le Pen. Klar ist: Fast drei Stunden Debatte sind zu lang, beides wirkt irgendwann unkonzentriert und das Gespräch verliert sich in Details. Die Gebärdensprecher, die jeden Satz übersetzen müssen, können einem schon leid tun.

Irgendwann sagt Macron: „Sie sind so diszipliniert geworden, Madame Le Pen.“ Sie lacht kokett und sagt: „Ich bin einfach älter geworden.“

Am Ende sagt Le Pen: „Wenn ich gewählt werde, will ich ein Referendum zur Migration abhalten.“ Aber so, wie sie es sagt, scheint sie schon zu wissen, dass sie nicht gewählt wird. Dann zum dritten Mal.

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