Freitag, Juni 24, 2022
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Sinkende Preise: War die Weizenpanik übertrieben?

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Die russische Invasion in der Ukraine hat weltweit Ängste vor Weizenknappheit geschürt. Inzwischen hat sich die Lage am Weizenmarkt jedoch deutlich entspannt. Die Preise fallen wieder. Warum ist das so?

Bis vor kurzem waren die Meldungen zum Weizenmarkt überwiegend von Angst und teilweise sogar Panik geprägt. Immerhin war zu befürchten, dass die Ukraine infolge des russischen Angriffs als Weizenexporteur für den Weltmarkt ganz oder zumindest weitgehend ausfallen würde.

„Die Ukraine wird für lange Zeit vom Markt verschwinden“, warnte der ukrainische Landwirtschaftsminister Mykola Solskii erst vor einer Woche. Die russische Invasion wird zu einer weltweiten Weizenknappheit für mindestens drei Ernten führen. Der Weizenpreis könnte sich bis Juli/August fast verdoppeln.

Berechtigte Sorge oder Alarmismus? Ein Blick auf den Weizenmarkt jedenfalls zeichnet derzeit ein etwas anderes Bild, als es die Aussagen aus der Ukraine vermuten lassen. Der Weizenpreis ist in den letzten Wochen gefallen, zuletzt hat sich der Preisverfall sogar deutlich beschleunigt. Der US-Weizenpreis rutschte diese Woche wieder unter die Marke von 1.000 US-Cents je Scheffel. Heute werden pro Scheffel rund 960 Cent gezahlt – weniger als seit Anfang März.

Nachlassende Versorgungssorgen drücken die Preise nach unten. Aus Frankreich ist beispielsweise zu hören, dass die Hitzewelle der vergangenen Tage keine größeren Ernteausfälle hätte verursachen sollen. „Der französische Landwirtschaftsminister geht nicht von dramatischen Ertragseinbußen aus. Bisher war befürchtet worden, dass die Hitze den noch nicht voll entwickelten Weizenpflanzen schaden könnte“, erklärt Commerzbank-Rohstoffexperte Carsten Fritsch.

Auch der Beginn der Weizenernte in den USA und Europa verringert den Preisdruck. „Dadurch wird der Ausfall ukrainischer Weizenlieferungen zumindest vorübergehend in den Hintergrund gedrängt“, sagt Fritsch.

Ein Blick in die Statistik zeigt zudem, dass die Ukraine zweifellos ein wichtiger Weizenexporteur ist, weltweit aber „nur“ auf Platz sieben rangiert. Zudem soll mit Blick auf das Erntejahr 2022/2023 der Rückgang der ukrainischen Exportmengen um fast 50 Prozent oder rund neun Millionen Tonnen im Jahresvergleich durch andere Länder (über)kompensiert werden.

Russland als wichtigster Weizenexporteur dürfte sein Exportvolumen um sechs Millionen Tonnen steigern und der aktuelle Ausblick deutet auf eine Rekordernte hin. Auch die EU-Exporte sollen um fünf Millionen Tonnen steigen.

Darüber hinaus kündigte der indische Landwirtschaftsminister kürzlich an, dass das Land Weizenexporte nach Indonesien wieder aufnehmen könne, sofern verfügbar. Noch im Mai stoppte Indien – von dem viele hofften, dass es den Einbruch der Ukraine auf dem Weizenmarkt ausgleichen könnte – seine Weizenexporte mit sofortiger Wirkung, was zu rekordhohen Weizenpreisen beitrug. Die teilweise Aufhebung dieser weitreichenden Entscheidung entschärft somit die Versorgungssorgen an den Märkten deutlich.

Die UN-Agrarorganisation FAO hat nun Entwarnung gegeben: Trotz des Ukraine-Krieges und der gestiegenen Düngemittelpreise dürfte die Weltgetreideernte in diesem Jahr nur geringfügig niedriger ausfallen als 2021. Bisher rechneten die Vereinten Nationen mit 2.785 Milliarden Tonnen Weizen, Mais und Reis.

Das wären rund 23 Millionen Tonnen weniger als im vorangegangenen Geschäftsjahr, sagte FAO-Ökonom Josef Schmidhuber heute. „Das ist ein sehr kleiner Unterschied und im Moment wirklich nur eine grobe Schätzung.“

Auch mit Blick auf die ukrainischen Getreideexporte gab es zuletzt Entspannungstendenzen. UN-Generalsekretär António Guterres könnte bereits nächste Woche direkt mit den Russen und Ukrainern in der Türkei verhandeln, um ein Abkommen zu besiegeln und den Export von Getreide aus der Ukraine über gesicherte Korridore im Schwarzen Meer zu ermöglichen.

Man muss keine Glaskugel haben, um vorherzusagen, dass der Weizenpreis im Falle einer Einigung voraussichtlich wieder deutlich sinken wird. Diplomaten in New York warnen jedoch vor zu viel Optimismus. Zumal die Zeit drängt: Lagerkapazitäten in der Ukraine sind knapp und die neue Ernte steht an. Ein Deal müsste also idealerweise im Juni zustande kommen.



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