Sonntag, Januar 23, 2022
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Sozialer Wohnungsbau: Günstiger wohnen – für viel Geld

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Die Bundesregierung will 100.000 Sozialwohnungen pro Jahr bauen. Das Bündnis „sozialer Wohnungsbau“ warnt: Realistisch ist das nur, wenn deutlich mehr investiert wird.

450.000 Wohnungen fehlen in Deutschland. Das sagt die Studie „Bezahlbares Wohnen 2022“, die das Pestel-Institut verfasst und von einem Bündnis aus Mietervertretern, Sozialverbänden und der Bauwirtschaft in Auftrag gegeben hat.

Sie sind sich einig: Der Grund für die Wohnungsnot liegt in einer Fehleinschätzung. Noch vor 15 Jahren war die damalige Bundesregierung der Meinung, dass die Einwohnerzahlen weiter sinken würden, es genügend Wohnungen gebe und Deutschland damit eigentlich „fertig“ sei. Eine Fehleinschätzung, denn die Einwohnerzahl nahm sogar leicht zu – hauptsächlich durch Zuwanderung.

Jetzt müssen wirklich dringend mehr Wohnungen gebaut werden – und auch mehr Sozialwohnungen, so das Bündnis.

Während die Lage in weiten Teilen Ostdeutschlands vergleichsweise entspannt ist, verschärft sich der Mangel in Großstädten und im wirtschaftsstarken Süden Deutschlands immer mehr. „Ständig steigende Mieten sind die Antwort des Marktes auf diese Knappheit. Und die letzten beißen sozusagen die Hunde“, sagt Lukas Siebenkotten vom Deutschen Mieterbund. Dadurch steigen auch die Sozialausgaben. Die Wohnkosten für Langzeitarbeitslose in Süddeutschland sind inzwischen um bis zu 45 Prozent höher als 2015. Der Staat bezahlt den Mangel an Sozialwohnungen indirekt über höhere Mietzuschüsse. Die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt belastet die öffentlichen Kassen so oder so sehr.

400.000 neue Wohnungen pro Jahr, davon 100.000 im sozialen Wohnungsbau – das Bündnis „sozialer Wohnungsbau“ zeigt sich zufrieden mit den aktuellen Zielen der Bundesregierung. „Wir haben die Chance, die Wohnungsnot bis 2025 weitgehend zu verringern“, sagt Matthias Günter, Leiter des Pestel-Instituts, das die Studie verfasst hat. Doch um die Ziele zu erreichen, wird viel mehr Geld benötigt als bisher. Denn die Inflationsraten im Baugewerbe liegen deutlich über der allgemeinen Inflationsrate. Das Bündnis beziffert den Förderbedarf für den sozialen Wohnungsbau auf mindestens fünf Milliarden Euro.

Aber laut Studie könnten es auch 8,5 Milliarden sein – wenn die neuen Sozialwohnungen nach hohen Energieeffizienzstandards gebaut würden. Neubauten in Deutschland sollen ihren Beitrag zur Erreichung der nationalen Klimaschutzziele leisten. Das kostet Geld für Dämmung, effiziente Heizung, bessere Fenster. „Klimaschutz ist gut, aber nicht umsonst“, sagt Dietmar Walberg vom Arbeitskreis Zeitgenössisches Bauen, der ebenfalls Mitglied des Bündnisses ist. Wie energieeffizient der soziale Wohnungsbau am Ende sein wird, ist noch offen – und damit auch die Kostenfrage.

Eine Frage beantwortet die Studie nicht im Detail: Wo sollen die Wohnungen gebaut werden? Denn in den Brennpunkten der Wohnungsnot steigen die Preise für Bauland seit Jahren. Es gibt kreative Ideen, wie man den begrenzten Platz effizienter nutzen kann. Supermärkte nicht mehr eingeschossig, sondern mit Wohnungen darüber bauen, Büros in Wohnungen umbauen, Dachgeschosse ausbauen oder bestehende Häuser um mehrere Stockwerke aufstocken. Doch diese Ansätze dürften nur ein Tropfen auf den heißen Stein bleiben.

Berlin, das eine der niedrigsten Leerstandsquoten in Deutschland hat, kämpft seit Jahren gegen den Ausnahmezustand. Die kommunalen Wohnungsunternehmen der Stadt haben den politischen Auftrag, dort zu bauen, wo es möglich ist. 50 Prozent der Neubauten sind immer Sozialwohnungen.

Im Osten der Stadt mit seinen großen Plattenbaugebieten geht man nun einen neuen Weg: Die alten Wohnblocks sollen einfach aufgestockt werden. In einem Pilotprojekt entstehen zwei bis drei neue Stockwerke an Häusern des Typs WSB70 – klassischer DDR-Fertigbau. Das Verfahren hat große Vorteile: „Wir nutzen die vorhandene Infrastruktur und entwickeln die vorhandene weiter“, sagt Ulrich Schiller, Geschäftsführer des landeseigenen Unternehmens HOWOGE.

Die Pilotprojekte könnten ein Modell für den Bestand sein, aber eines mit begrenztem Potenzial. Die HOWOGE verfügt über mehr als 73.000 Wohnungen, weitere 15.000 sind in Planung. Das Aufstockungspotenzial beträgt nach ersten Schätzungen lediglich 800 Einheiten. „Das wird nicht die große Lösung der Berliner Wohnungsproblematik – aber ein wichtiger Baustein“, sagt Schiller. Der Mangel an Wohnraum, insbesondere für Geringverdiener, scheint nicht einfach zu beheben.



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