Sonntag, Mai 22, 2022
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Stark steigende Preise: Was passiert mit den Löhnen?

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Wenn alles teurer wird, wollen die Gewerkschaften mehr Geld für die Beschäftigten durchdrücken. Aber die Arbeitgeber wollen mehr sparen. Beides gleichzeitig ist nicht möglich. Was bedeutet das für die Tarifrunden dieses Jahres?

Der Ratschlag, in Zeiten hoher Inflation mehr zu sparen, dürfte Menschen aus unteren Lohnschichten zu Recht verärgern. War früher für den hohen Rand kaum noch etwas übrig, weil alles in den Lebensunterhalt ging, fragen sich nun große Teile der Vollzeitbeschäftigten, wie sie das immer teurer werdende Benzin, Lebensmittel, Krankenkasse bzw Heizkosten. Was sie schnell brauchen, ist der sogenannte Inflationsausgleich – also mindestens so viel mehr Lohn, wie sie durch die gestiegenen Lebenshaltungskosten ärmer geworden sind.

Doch genau das wollen die Unternehmen vermeiden, und sie haben gute Argumente: Auch die Preise für Rohstoffe und Energie haben zuletzt Niveaus erreicht, die nicht für möglich gehalten wurden. Darüber hinaus wäre es wahrscheinlich, dass Unternehmer, die höhere Löhne zahlen müssen, auch ihre Preise erhöhen würden, was die Inflation noch weiter anheizen würde.

„Die Lohnpolitik kann inflationären Entwicklungen nicht widerstehen“, sagt der Politikwissenschaftler Wolfgang Schröder. Für ihn führt eine Verschiebung von Tarifabschlüssen, wie zuletzt in der Chemie- und Pharmaindustrie geschehen, nicht automatisch zu besseren Ergebnissen, weil die Beschäftigten jetzt enorme Kaufkrafteinbußen hinnehmen müssen und niemand weiß, wie lange die Pandemie und der Ukrainekrieg noch dauern werden weiterhin einen negativen Einfluss auf die Wirtschaft haben. Zudem sind die Dividenden für die Aktionäre der meisten DAX-Unternehmen im vergangenen Jahr sogar gestiegen. Warum die Löhne nicht auch kräftig steigen sollen, ist den Mitarbeitern schwer zu erklären.

Für Schröder zählt das Wohlergehen der arbeitenden Bevölkerung viel, denn ihre Zufriedenheit ist ein Garant für Sicherheit: „Lebensunzufriedenheit betrifft Tendenzen zu Rechtspopulismus und Ablehnung des politischen Systems. Auch die Tendenz zu höherer Kriminalität zeigt deutliche Zusammenhänge.“ zu einer sinkenden Lebensqualität.“

Doch der Appell der Arbeitgeber an die Gewerkschaften, in den noch in diesem Jahr anstehenden wichtigen Tarifrunden moderate Forderungen zu stellen, geht in die andere Richtung. „Die Unternehmen sind nicht für den Inflationsausgleich verantwortlich“, sagt Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. „Politisch getriebene Energiepreise müssen auch von der Politik korrigiert werden.“ Er befürchtet, massive Lohnerhöhungen könnten eine „Lohn-Preis-Spirale“ auslösen, die Inflation anheizen und zu einer wirtschaftlichen Stagnation, wenn nicht gar einer Rezession führen. „Die Kaufkraftbilanz kann nicht der Maßstab für tarifliche Lohnerhöhungen sein. Es waren nicht die letzten zehn Jahre, in denen die Preise kaum gestiegen sind, aber die Löhne stark gestiegen sind.“

Gewerkschaftsvertreter sehen die aktuelle Situation eher als „Preis-Lohn-Spirale“ und nicht umgekehrt. Die neue DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi, die die Gründe für die Inflation nicht in steigenden Löhnen, sondern in gestörten Lieferketten und Rohstoffmangel sieht, glaubt, dass Lohnzurückhaltung das völlig falsche Signal aussendet: „Wir lassen den Unsinn nicht zu Lohn-Preis-Spirale rede uns ein“, sagte sie in ihrer Antrittsrede. Die Mitarbeiter sollten mit Krisenmanagement beauftragt werden, „das machen wir nicht“.

Im Fall der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung klingt das moderater. Neben den Unternehmen wird auch die Politik in der Pflicht gesehen, die Verteilungsprobleme zu lösen. Thorsten Schulten, Leiter des Tarifarchivs des Stiftungsinstituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (WSI), sagt: „Politische Maßnahmen wie das aktuelle Entlastungspaket der Bundesregierung sind wichtig. Es hat Lücken und reicht wohl nicht aus, damit weiter.“ Maßnahmen wie eine Gaspreisobergrenze müssen diskutiert werden.“

Trotz Krise haben nicht wenige Unternehmen im vergangenen Jahr hervorragende Gewinne erzielt, die sie in Form von Dividenden an ihre Aktionäre weitergeben würden. „Spielraum für Lohnerhöhungen ist also durchaus vorhanden“, sagt Schulten.

Das sieht auch der Politikwissenschaftler Schröder so. Viele Unternehmen haben die gestiegenen Kosten bereits an ihre Kunden weitergegeben und der Anteil der Löhne an den Gesamtkosten wird ohnehin immer kleiner, vor allem in der Fertigungsindustrie. Er plädiert für eine differenzierte Betrachtung der unteren Lohngruppen. Sie sind am stärksten von der Inflation betroffen und brauchen eine größere Lohnerhöhung als ihre besser verdienenden Kollegen.

Vielleicht liegt in solchen Split-Abschlüssen die Lösung der scheinbar unlösbaren Situation. Und die Inflation wird kompensiert – zumindest für diejenigen, die zuvor ihre Existenzgrundlage verloren haben.



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